Ausgabe November 1992

Kirche und Staat in einer säkularisierten Gesellschaft

Das Thema "Religion und Politik" wird heute lebhaft und kontrovers diskutiert. Einerseits heißt es: Der Einfluß der Kirchen - und an sie denkt man bei uns zuerst, wenn von "Religion" die Rede ist - schwindet. Die Zahl der Gottesdienstbesucher ging in den letzten Jahren zurück, und die Kirchenaustritte nahmen drastisch zu. Der Abgang "realsozialistischer" Regimes, zu dem christliche Gruppen mithalfen, führte keineswegs zu einer massenhaften Rückkehr zu den Kirchen. Die Presse bringt sensationelle Statistiken, die auf die Entfremdung vieler junger Menschen auch in Westdeutschland von den traditionellen Konfessionen hinweisen - bei gleichzeitig wachsendem Sekteneinfluß. Die anfängliche große Sympathie der Medien für die evangelischen Kirchen in der Ex-DDR als Geburtshelfer der "Revolution" wurde durch Entlarvungskampagnen abgelöst, in denen man leitende Kirchenvertreter der Kumpanei mit den damaligen Machthabern bezichtigte. Überhaupt wurde die Rolle der Kirche als Anwältin sittlicher Werte in Frage gestellt, insbesondere der Anspruch der römisch-katholischen Kirche auf maßgebliche Auslegung des "Naturrechts" (z.B. im Streit um den 218), so daß hohe kirchliche Würdenträger bereits die Anzeichen eines beginnenden Kulturkampfes zu erkennen glaubten.

Andererseits stellt man Signale für gegenläufige Tendenzen fest.

November 1992

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