Ausgabe Mai 1993

Die Erosion der deutschen Demokratie aus ihrer Mitte heraus

"Mir fällt keiner mehr ein, Dregger ist halt auch älter geworden. Strauß lebt nicht mehr. Wallmann ist nicht mehr in der Politik... Es ist doch interessant, daß ich langsam der einzige bin, über den man sich in diesem Zusammenhang überhaupt noch Gedanken macht. Das beweist doch, daß hier eine große Lücke ist, und zwar im personellen Bereich." (Gerhard Mayer-Vorfelder, CDU, Januar 1993)

Das einmal tief erschrockene Kind erwartet das Gespenst immer an derselben Tür: Nach dem Weimarer Schock nahm sich das politische System der Bundesrepublik vor den beiden Extremen in acht. Professionelle Verfassungsschützer, antifaschistische Sensationsjournalisten, Politiker der Inneren Sicherheit und das politische Kaffeekränzchen, alle starren jetzt auf die "rechte Gefahr". Sie sind besorgt und oftmals schon gelähmt, wenn Schläger im Nazikostüm und als Republikaner getarnte Biedermänner die Muskeln spielen lassen. In der Weimarer Optik ist das liberale, demokratische System im Kern gesund. Fäulnis und Krankheit kommen immer von den Rändern. Helmut Kohls Kommentar zu "Rostock", dort seien "Extremisten" am Werk gewesen, paßt in diese Wehr-Optik, auch daß er die Drahtzieher der Rechten anfangs bei den Werwölfen der Staatssicherheit im Unruhestand wähnte.

Mai 1993

Sie haben etwa 3% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 97% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Parteien