Ausgabe Juni 1994

Vom Umgang mit der Auschwitz-Lüge

Zunächst einmal erscheint es als Widerspruch: Bei einer Umfrage des EMNID-Instituts im Auftrag des "American Jewish Committee" im Januar dieses Jahres erklärten nur 8% der Befragten, sie hielten es für möglich, daß die Ausrottung der Juden unter den Nazis niemals stattgefunden habe. Nach diesem Ergebnis wäre die sogenannte "Auschwitz-Lüge", das Leugnen und Verharmlosen des Holocaust also, nur ein Randproblem, bedauerlich zwar, aber nicht gefährlich für unser demokratisches Gesellschaftssystem. Und der Erfolg, den Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" in Deutschland aufweisen kann, scheint dies zu bestätigen.

Die selbstverschuldete Ohnmacht der Politik

Doch der Brandanschlag auf eine Synagoge in Lübeck vor einigen Wochen und die zahlreichen Schändungen jüdischer Friedhöfe zeigen klar, daß wir die positiven Umfrageergebnisse in der Bewertung relativieren müssen. Und die menschenverachtenden Verbrechen, denen Ausländer in Deutschland immer wieder zum Opfer fallen bis hin zur Menschenjagd am hellichten Tag in Magdeburg -, verdeutlichen dies noch zusätzlich. Sie führen uns die selbstverschuldete Ohnmacht der Politik und der von ihr repräsentierten Gesellschaft vor Augen, den Anfängen totalitären Geschehens in der Öffentlichkeit zu wehren.

Juni 1994

Sie haben etwa 12% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 88% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.