Ausgabe Mai 1995

Der Eingemauerte

Eine Jünger-Nachlese

"Dieser Mann ist wahrlich mit Bewußtheit geschlagen. Keinen Winkel gibt es zwischen Himmel und Erde, keine Stunde im Jahr, wohin er sich nicht mitzuschleppen verurteilt ist. Die vielen Bereiche, durch die er sich rezeptierend, katalogisierend, summierend bewegt, und auch die Menschen, die ihm begegnen - sofern sie nicht sehr starke oder sehr naive Naturen sind -, verlieren ihre Vielgestaltigkeit, ihren natürlichen Reichtum und werden zu Bestandteilen der 'Provinz Jünger'. Sie ist so künstlich, daß selbst die Unordnung künstlich in sie hineingetragen werden muß. Die Blumen, die dort wachsen, sind aus Blech gestanzt, und an die Beine der Käfer sind kleine Zettel mit lateinischen Namen geknüpft. Ein starkes Licht, das keine Quelle zu haben scheint, erhellt sie. In einem künstlichen Teich aber schwimmt ein schimmernder Fisch und wird allein um seines Namens willen, Goldorphe, zum Mythos und Symbol erhoben. Symbol wofür? Zum großen Teil besteht Jüngers Mystik darin, daß er diese Frage nicht beantworten kann. Der Trick mit der 'Goldorphe' erinnert an den Budenbesitzer, der drei Seehunde in einer Badewanne als die blutdurstigsten Ungeheuer der arktischen Urwelt anpreist. (...) Ein Mensch, der nicht aufhören kann zu denken, trennt sich von allem Lebendigen und vereinsamt. Seine unermüdliche Denktätigkeit hat auch seine Schreibweise verheert.

Mai 1995

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Krieg im Kongo: Trump und der gordische Knoten

von Simone Schlindwein

Heute gelingt uns das, woran so viele andere gescheitert sind«, prahlte Donald Trump im Dezember 2025, als Kongos Präsident Felix Tshisekedi und dessen ruandischer Amtskollege Paul Kagame zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages im Weißen Haus eintrafen.