Ausgabe Januar 1996

Clintons Stunde

Wenn Fernsehbilder so viel Macht besäßen, wie einige Paranoiker glauben, hätten im Laufe der vergangenen drei Jahre viele Amerikaner lautstark für ein Eingreifen in Bosnien plädieren müssen, auch wenn andere davor warnten, daß wir uns weder an Gebirge noch an Sümpfe heranwagen.

Aber all diese grausamen Bilder haben weniger bewirkt als rund tausend richtig gewählte Worte des amerikanischen Präsidenten. Die über die Mattscheibe flimmernden Schlächtereien und die Schilderungen von Vergewaltigungen schienen die allseits leichtfertig benutzten Worthülsen wie: "jahrhundertealter Konflikt", "uralter Haß unter den ethnischen Gruppen" etc. ja regelrecht zu bestätigen. Und so waren Amerikaner, die es häufig gar nicht so genau wissen wollen und z.B. auch glauben, daß bereits 25% des US-Haushalts für Auslandshilfe ausgegeben werden und dieser Prozentsatz auf 5% gesenkt werden sollte - während der wirkliche Satz 1% beträgt -, bereit, die Bosnier in ihrem eigenen Blut schmoren zu lassen. Paradoxerweise wollten die Amerikaner bisher auch nicht wissen, wieviel Geld sie tagtäglich für die Bereitschaft zahlen, einen Krieg in Europa und gleichzeitig anderswo noch einen zweiten führen zu können.

Sie haben etwa 17% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 83% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.