Ausgabe März 1997

Trittbrettfahren

„Zwei Jahrhunderte bitteren Konflikts und mit Stolz getragener Verschiedenheit brachten ein modernes Europa hervor, in dem die Deutschen das Geld kontrollieren und die Franzosen die Bombe haben. Man stelle sich vor, in welchen Schwierigkeiten die Welt stecken würde, wäre es umgekehrt.“ Jim Hoagland

 

Der politische Handreichungsakademiker Werner Kaltefleiter wälzte ein Problem. Die avisierte europäische Währungsunion bringe zwar ökonomische Vorteile. Desungeachtet gebe es hierzulande massive Widerstände gegen den Euro. Das wiederum resultiere aus dem Umstand, daß die gängigen nationalen Identifikationsmerkmale nach 1945 in Deutschland an Bedeutung eingebüßt hätten. An deren Stelle sei die symbolisch besetzte D-Mark getreten. Gegen das deutsche Klammern an der Mark sei ein Mittel indiziert: Die zukünftigen Währungsunionspartner müßten gefälligst einen ähnlich schmerzhaften Verzicht leisten: „Eine gemeinsame Währung, auch wenn sie D-Mark stabil ist, allein kann dem vereinten Europa internationales Gewicht nicht bringen: Dazu bedarf es europäischer nuklearer Waffen.“

Daran wird längst gearbeitet. Am 25.

März 1997

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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