Read my lips, schlug George Bush den Fernsehzuschauern im Wahlkampf vor. Im Krieg, lernen wir gerade wieder, wird nicht weniger als sonst geredet, aber noch mehr gelogen. Verschweigen kann die schlimmere Form der Lüge sein. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, rät die Bibel. I. Wenn die Prämissen nicht stimmen, kann über ein Problem nicht sinnvoll verhandelt werden, weder über Ursachen noch über Abhilfe, Lösungswege. II. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, muß es zunächst einmal herausgezogen werden. Vielleicht lebt es noch. III. "Wenn auch nur ein Viertel stimmt..." Sobald ein Bundesaußenminister am Ende einer Pressekonferenz über gegnerische Greuel seine Darbietung mit dieser Floskel zusammenfaßt, heißt das: Alarmstufe 1 im Umgang mit jeglicher Information der Kriegsparteien, insbesondere der eigenen Seite. Denn die beansprucht, in unserem Namen und Auftrag zu handeln. Für sie haften wir unmittelbar mit. IV. Wenn es tatsächlich das Ziel der NATO-Strategie war, die Lage der Kosovo-Albaner zu verbessern oder - so erklärt sie seit Kriegsbeginn - eine "humanitäre Katastrophe" zu verhindern, so können wir nur beten, nicht eines Tages selbst in den Genuß derart effektiver "brüderlicher Hilfe" zu gelangen.
In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.