Ich verließ Berlin, als dort die sogenannte Berliner Republik begann, man hielt mich für verrückt. Was würde ich nicht alles verpassen an Großartigkeiten! Vier Monate später: Im chinesischen Coffeeshop auf meiner malaysischen Insel verbreitet sich Grinsen, wenn das Wort Deutschland fällt. Freundliches Grinsen, von Zwinkern begleitet. Hey, hey, money makes the world go round. Die Chinesen wären die letzten, das zu bezweifeln. * Aus der Ferne betrachtet bekommt die Heimat unweigerlich etwas Exotisches. Irgendwann stand plötzlich die berühmteste Kriegsreporterin von CNN vor dem Brandenburger Tor; es war aber kein Krieg, sondern anscheinend der Jahrestag des Mauerfalls, und die Berühmte befragte mit erstaunlicher Leidenschaft einen Mr. Schmidt, von dem niemand wußte, wer er ist. Wenn man gezwungenermaßen zum Weltgucker und Weltleser geworden ist, fallen die deutschen Dinge schnell aus ihrem Rahmen. Sie stehen quasi nackt da, ohne die Girlanden des Ewig-Deutsch-Bedeutungsvollen, ohne das vertraute Pathos, ohne das ständige Vibrato des nationalen Orchesters. In den bescheidenen Bildausschnitt des Weltguckers gerieten dann Flutkatastrophen in Indien und Vietnam, Kriege hier und dort, untergegangene Schiffe, entführte Flugzeuge und - ha: wieder ein Fetzen Heimatklang: "slush funds" von Helmut Kohl.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.