Ich verließ Berlin, als dort die sogenannte Berliner Republik begann, man hielt mich für verrückt. Was würde ich nicht alles verpassen an Großartigkeiten! Vier Monate später: Im chinesischen Coffeeshop auf meiner malaysischen Insel verbreitet sich Grinsen, wenn das Wort Deutschland fällt. Freundliches Grinsen, von Zwinkern begleitet. Hey, hey, money makes the world go round. Die Chinesen wären die letzten, das zu bezweifeln. * Aus der Ferne betrachtet bekommt die Heimat unweigerlich etwas Exotisches. Irgendwann stand plötzlich die berühmteste Kriegsreporterin von CNN vor dem Brandenburger Tor; es war aber kein Krieg, sondern anscheinend der Jahrestag des Mauerfalls, und die Berühmte befragte mit erstaunlicher Leidenschaft einen Mr. Schmidt, von dem niemand wußte, wer er ist. Wenn man gezwungenermaßen zum Weltgucker und Weltleser geworden ist, fallen die deutschen Dinge schnell aus ihrem Rahmen. Sie stehen quasi nackt da, ohne die Girlanden des Ewig-Deutsch-Bedeutungsvollen, ohne das vertraute Pathos, ohne das ständige Vibrato des nationalen Orchesters. In den bescheidenen Bildausschnitt des Weltguckers gerieten dann Flutkatastrophen in Indien und Vietnam, Kriege hier und dort, untergegangene Schiffe, entführte Flugzeuge und - ha: wieder ein Fetzen Heimatklang: "slush funds" von Helmut Kohl.
Zu den bitteren Erkenntnissen internationaler Politik und Berichterstattung gehört: Unsere Aufmerksamkeit reicht oft nur für eine Großkrise. Das Resultat: vergessene Konflikte überall auf der Welt.