Ausgabe März 2002

Sozialpolitik in einer wachsenden EU

Zum Konflikt von Marktintegration, Wohlfahrtsstaatlichkeit und Subsidiarität

Die europäische Integration war von Anfang an eine primär ökonomische Angelegenheit. Bis 1992 sprach man von Wirtschaftsgemeinschaft. Das große Ziel bestand in der Herstellung des Binnenmarktes. Als nächstes folgte die Währungsunion, die seit Januar buchstäblich greifbar wird. Demgegenüber spielt die Sozialpolitik seit jeher eine geringere Rolle. Zwar fanden schon früh auch sozialpolitische Aspekte Eingang in die Europäischen Verträge, allen voran die Vorschriften zur Gleichstellung von Mann und Frau. Aber das waren Einzelfälle. Im großen und ganzen glaubte man, die Sozialpolitik sei auf der Ebene der Mitgliedstaaten besser aufgehoben. Eine ökonomisch integrierte Gemeinschaft souveräner Wohlfahrtsstaaten - das war das Leitbild. Daß diese Rechnung auf Dauer nicht aufgehen konnte, brachte Ende der 90er Jahre Stephan Leibfried mit dem Begriff der "halbsouveränen Wohlfahrtsstaaten" 1) auf den Punkt.

Dabei liegt der Souveränitätsverlust nicht im Rechtlichen, sondern im Faktischen. Nicht ihre rechtlichen Kompetenzen haben die Mitgliedstaaten eingebüßt, sondern ihre tatsächliche Handlungsfähigkeit. Denn unter den Bedingungen grenzüberschreitender ökonomischer Integration wird Sozialpolitik zum Standortnachteil. Heute kennt man dieses Argument aus den allgegenwärtigen Globalisierungsdebatten.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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