Ausgabe Mai 2003

Copyright Nietzsche & Schmitt

Wenn die glaubensschwachen Europäer begreifen wollen, was die Amerikaner zur Zeit tun, dann müssen sie sich notgedrungen mit Theologie befassen. Denn irritierend an den regierenden Neokonservativen ist nicht nur, dass sie die liberale Tradition aufnehmen: Wie vor allem von Linken gefordert, soll die Außenpolitik sich an moralischen Werten orientieren, Demokratie und Menschenrechte durchsetzen. Irritierend ist zudem, dass die Neokonservativen sich schon seit den 70er Jahren mit den protestantischen Fundamentalisten verbündet haben und nur so Reagan und Bush jr. an die Macht bringen konnten.

Das Explosive dieser Mischung liegt darin, dass damit Nationalismus, übersteigertes Sendungsbewusstsein, also religiös gewordene Politik einerseits und intolerante, politisch gewordene Religiosität andererseits eine Synthese eingehen. Daher die ungenierte Einteilung der Welt in Gute und Böse schon bei Reagan und der Freund-Feind-Dualismus bei Bush jr.: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

Seltsam ist zunächst, dass man sich einbildet, das Gute zu vertreten und das Böse zu kennen. Aber das ist noch gar nicht der springende Punkt. Sondern man ist ja deshalb überzeugt, gut zu sein, weil man der Mächtigste ist! Weswegen die Bösen aus dieser Sicht auch immer die Schwachen sind, die ihre Schwäche nur nicht akzeptieren wollen.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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