Ausgabe Oktober 2006

Die Zukunft der Veröstlichung

Verwestlichung scheint die alternativlose Tendenz der politischen Kultur der Bundesrepublik zu sein. Der lange Weg nach Westen gilt als Telos, die vorbehaltlose Westbindung als ihre politisch-kulturelle Leistung. Am 3. Oktober 1990 konnte Bundespräsident Richard von Weizsäcker feststellen: „Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet.“ Dagegen richtet sich kaum noch maßgeblicher öffentlicher Widerspruch; die bis in die 80er Jahre populäre Vorstellung, Deutschland könnte „Brücke“ sein zwischen Ost und West und sich in den Kulturkonflikten der Gegenwart neutral verhalten, teilen nur noch wenige.

16 Jahre und damit bald eine Generation nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wird die deutsche Einheit jedoch mit einer sehr steilen Alternative assoziiert: Scheitern oder Vollendung. Derzeit besteht die Neigung, sie mit einer wachsenden sozialen Kluft zwischen Ost und West gleichzusetzen – vom „Glücksfall Deutsche Einheit“ zum „Supergau“. Viele Ostdeutsche empfinden sich als Bürger zweiter Klasse, ebenso wie Gleichgesinnte im Westen, die sich ausgebeutet fühlen. Generell wird der Einigungsprozess mit seiner Dauer negativer bewertet.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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