Ausgabe Februar 1990

Wer, wenn nicht wir...

Von der Verantwortung der Modell-Europäer

1. In den letzten Jahren brauchte man vielen Intellektuellen in West- und Osteuropa nur das Stichwort Europa (oder Mitteleuropa) zuzurufen, und sie gerieten auf den verschiedensten Konferenzen in einen rauschhaften Zustand: Die Kräfte der Kunst und des Geistes schienen (wieder einmal) in der Lage, sich über alle Widrigkeiten der Materie hinwegzusetzen, die Zwingburgen der Macht und des Kapitals wurden nichtig angesichts der Luftschlösser des Geistes, die Kleinen wurden mächtig und bedeutsam, die Ränder zu neuen Zentren, die Mächtigen schienen vor Worten zu erzittern.

2. Kultur solle nicht die Auslegeware für das ökonomisch bestimmte europäische Haus sein, nicht der Teppich, unter den man alles Problematische kehrt, warnte 1988 Freimut Duve. Vergeblich, sie ist es längst geworden. Sie leistet ihren Beitrag für die Akzeptanz der "Industrieplattform Europa" (Adolf Muschg).

3. Mittlerweile prägt neue Dynamik den Prozeß Europa. Auch die Peripherien dürfen, so scheint es, wie einst nach 1945 Mitteleuropa, die Segnungen einer freien (d.h. fessellosen, entfesselten) Marktwirtschaft kennenlernen.

Februar 1990

Sie haben etwa 13% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 87% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.