Ausgabe Mai 1990

Das Bewusstsein, in einem kleinen Land gelebt zu haben

I

Zunächst mal finde ich die Frage in dieser spekulativen Form nicht gut. Weil ich denke, man sollte den Leuten jetzt Zeit geben, in einer offenen Situation - historisch offen, gesellschaftspolitisch, kulturell und überhaupt nach allen Himmelsrichtungen offen - auszuprobieren, wer sie wirklich sind.

Nachdem man so umschlossen war, muß man jetzt erst in der Reflexion sehen, was einen wirklich unterscheidet. Wenn ich trotzdem spekulieren soll, dann möchte ich sagen, es wird etwas bleiben von dem erreichten Stand im Verhältnis der Geschlechter in der DDR. Das ist gewachsen, und es gibt zumindest in meiner Generation, die in die DDR hineingeboren wurde, ziemlich deutliche Resultate. Weniger in dem, was man statistisch auflistet - z.B.: wieviele Führungspositionen Frauen innehaben -, sondern viel mehr im Alltag, im Umgang der Geschlechter miteinander. Das geht mit Sicherheit in die Breite der Alltagsbeziehungen. Auch im sexuellen Bereich vermute ich das, obwohl ich da überhaupt keine Statistiken kenne. Weiter wird das Gefühl bleiben, in einem kleinen Land gelebt zu haben. Und das dadurch geprägte Verhalten.

Die Vorstellung, daß man der Beste ist oder Bürger einer Großmacht, existiert hier nicht.

Mai 1990

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema