Ausgabe August 1990

Die Grauzone des Wartens

Zur jüdischen Selbstfindung auf deutschem Boden

Die friedliche Revolution hat Folgen gezeitigt, die Phase der Restauration, Begleiterscheinung jeder Umwälzung, löst deutliches Unbehagen aus. Das Wort Stalinismus ist en vogue, die Vergangenheit gibt sich passé, die Zukunft ist ungewiß. Über die spezifisch deutsche Vorgeschichte wird bislang kaum aufs Neue nachgedacht. Das Jahr 1945 scheint in Vergessenheit geraten. Im Einheitsrausch sind die Ursachen der Landesteilung aus dem Blickwinkel gekommen und jüdische Vorbehalte unerwünscht, die sich mit der Sorge jener verbinden, denen DDR-Souveränität als Garant zweier demokratischer Deutschländer, ausgerichtet an Europa, am Herzen lag. Heute, so will mir scheinen, ist es schwerer denn je, dem Thema jüdischer Integration in der DDR gerecht werden zu wollen. Alle Voraussetzungen sind in Frage gestellt. Was ist, was war das Thema Juden in Deutschland und wie wird es sich zukünftig in welches Umfeld einordnen lassen?

Die Integrationsfrage wurde bislang, so absonderlich das klingen mag, aus dem starren DDR-Selbstverständnis staatlicher Politik beantwortet. Jude war demnach, so die Übereinkunft, wer sich als Mitglied einer der acht Religionsgemeinden eingeschrieben hatte. Heute sind das rund 350 Personen. Auf sie trifft die halachische Definition zu, von jüdischen Müttern geboren oder konvertiert zu sein.

August 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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