Ausgabe November 1990

...und ein Israel haben wir auch nicht

Zur Lage der Roma in Südosteuropa

Im Kontext des sozialistischen Nationalitätengefüges spielen Roma eine besondere Rolle, da sie in fast allen Ländern Osteuropas zahlenmäßig große Minderheiten stellen (etwa 800 000 bis 1 Million in Jugoslawien, Bulgarien, Ungarn, der Tschechoslowakei, 2 Millionen in Rumänien, 1/2 Million in der Sowjetunion und 50 000 in Polen), ohne jemals als Nationalität anerkannt worden zu sein. Sie wurden als soziale Randgruppe betrachtet und die Politik ihnen gegenüber schwankte zwischen Gleichgültigkeit und Aggression. Die mit dem Nationalitätenstatus verbundene kollektive Anerkennung als Volk mit eigener Kultur und Geschichte, Recht auf Selbstorganisation, Repräsentanz in Verwaltung und Politik, öffentlicher Kulturausübung und muttersprachlichem Bildungswesen wurde ihnen nicht - wie anderen Völkern - zunächst zuerkannt, dann ideologisch beschnitten, unterdrückt und verboten, sondern generell verweigert. Diese strukturelle Diskriminierung war gepaart mit weitreichender sozialer Verelendung und diversen Menschenrechtsverletzungen.

Während die Sinti seit Jahrhunderten im deutschsprachigen Raum beheimatet sind, leben die Roma - fast vollständig seßhaft und kulturell außerordentlich vielfältig - in osteuropäischen Ländern.

November 1990

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In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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