Ausgabe Oktober 1991

Dem Islam sind Flügel gewachsen

Vor dreizehn Jahren machte Helene Carrere d'Encausse auf die wachsende Kluft aufmerksam, die sich zwischen europäischen und orientalischen Regionen der UdSSR in der demographischen, sozialökonomischen und kulturellen Entwicklung öffnete. Gleichzeitig erbrachten westliche Darstellungen auf der Grundlage sowjetischer Quellen den Nachweis, daß der Islam in den orientalischen Regionen der Sowjetunion trotz massiver Religionsbekämpfung als kulturelle, religiöse und nationale Kraft eindeutig überlebt hatte. Als dann in der südlichen Nachbarschaft der Sowjetunion "fundamentalistische" Strömungen des Islam neue politische Verhältnisse schufen und im Iran sogar den "islamischen Staat" realisierten, als schließlich der "Dschihad" gegen die sowjetische Kriegsmacht in Afghanistan auf sowjetisches Territorium überschwappte, da schlug bis dahin weitgehendes Desinteresse am sowjetischen Islam im Westen in eine Wahrnehmung um, in der die heute rd. 60 Millionen Muslime in Zentralasien, Transkaukasien, im Nordkaukasus und an der Wolga als geschlossenes nationalreligiöses Potential und als Sprengsatz im Nationalitätengefüge der Sowjetunion präsentiert wurden.

Oktober 1991

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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