Ausgabe Juli 1994

Allerlei Revisionsbedarf

I. Vorläufige Nachbehandlung

In seinem berühmten Vortrag "Politik als Beruf" aus dem Winter 1918/19 wandte sich Max Weber gegen die Psycho-Technik, Niederlagen als Ergebnisse sittlicher Überlegenheit darzustellen. Als Abschreckungsbeispiel nannte er unter anderem den abgewiesenen Liebhaber, der plötzlich entdeckt, die Angebetete sei seiner nicht wert gewesen. Nicht besser fährt der Soldat, der den Belastungen des Krieges nicht gewachsen ist, kollabiert, den individuellen Zusammenbruch aber als Folge einer ethischen Maxime darstellt, indem er sagt: "Ich konnte das deshalb nicht ertragen, weil ich für eine sittlich schlechte Sache fechten mußte". In seinem dritten Beispiel wird Weber unmittelbar tagespolitisch. Er warnt davor, Kriegsursache und -niederlege (er meint implizit die deutsche Situation 1918) ethisch zu interpretieren.

Dieselbe schiefe Optik wie beim Abgeblitzten und beim Deserteur finde sich "bei dem im Kriege Besiegten. Statt nach alter Weiber Art nach einem Kriege nach dem 'Schuldigen' zu suchen - wo doch die Struktur der Gesellschaft den Krieg erzeugte -, wird jede männliche und herbe Haltung dem Feinde sagen: Wir verloren den Krieg, ihr habt ihn gewonnen.

Juli 1994

Sie haben etwa 7% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 93% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema Ostdeutschland

Rechte Gewalt, leere Kassen: Ostdeutsche Zivilgesellschaft unter Druck

von Elisa Pfleger

In der Bundespolitik ist das Entsetzen über den Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl noch immer groß. In allen ostdeutschen Flächenländern und in 43 von 48 Wahlkreisen wurde die in weiten Teilen rechtsextreme Partei stärkste Kraft, in Görlitz und im Kreis Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge erhielt sie beinahe 50 Prozent der Stimmen.