Ausgabe Juni 1995

Lesen Sie McNamara!

Achtundsechzig als die andere Seite des Vietnam-Syndroms

Am 4. Mai 1970 eröffnete auf dem Campus der State University von Kent/Ohio die Nationalgarde das Feuer auf eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg. Vier Studenten wurden getötet, neun verwundet. Der Gouverneur erklärte, die Studenten seien schlimmer als Braunhemden. Keiner der Verantwortlichen für den Vorfall, der nicht nur Amerika schockierte, wurde jemals belangt, keiner hat sich entschuldigt. Am 2./3. Mai dieses Jahres veranstaltete die Kent State University ein Symposium in Erinnerung an den Mai 1970. Todd Gitlin, einer der Begründer der 68er Bewegung in Berkeley, hat dort gesprochen und die Druckfassung seiner Rede den "Blättern" zur Verfügung gestellt. 20 Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs referiert Gitlin, Autor eines Standardwerks über "1968", die Zusammenhänge zwischen der - zwei Jahrzehnte danach von Robert McNamara eher beiläufig als "Fehler" eingestandenen indochinesischen Verstrickung der USA und der 68er Revolte. So wenig "überwunden" wie das "Vietnam-Trauma" selbst, wird "68", die vermeintliche Abkehr einer Generation zwischen Berkeley, Paris, Frankfurt und Berlin von den Idealen des Westens, kenntlich als schockartige Desillusionierung über deren Deformation, aber zugleich als Stachel, die Demokratie beim Wort zu nehmen. - D. Red.

Juni 1995

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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