Ausgabe August 1995

Monsieur Le Bomb

"Die nukleare Abschreckung bin ich." Frankreichs neugewählter Präsident Jacques Chirac will sich nicht auf diese selbstbewußte Devise seines Vorgängers Mitterrand verlassen, der 1992 die Kernwaffenversuche seines Landes stoppte. Am 13. Juni 1995, fünfzig Jahre nach dem amerikanischen Atombombenabwurf auf Hiroshima und fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Attentat des französischen Geheimdienstes auf das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior", kündigte er die Wiederaufnahme der Atomtests auf dem Mururoa-Atoll im Südpazifik an: Ein großes Land wie Frankreich dürfe sich nicht aus dem exklusiven Club der Nuklearmächte ausschließen, sondern müsse seine Sicherheit selbst garantieren können. Acht Nuklearversuche, von denen jeder einige hundert Millionen Francs verschlingen wird, sollen zwischen September 1995 und Mai 1996 stattfinden. Die Verknüpfung von Großmachtstatus und nationaler Sicherheit ist nichts Neues.

Die Nuklearmacht Frankreich, von innenpolitischen Krisen und Schwächen schwer angeschlagen, pocht auf ihren internationalen Rang und beschwört die atomare Abschreckung. Die hohe Arbeitslosenquote, die schlechte Lage der Wirtschaft, die Erfolge des rechtsextremen Front National, Ausländerprobleme, vor allem in den menschenfeindlichen Vorstädten, bedingen soziale Konflikte von großer Härte.

August 1995

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Erfahrung der Freiheit: Die Kinder von Tschernobyl

von Olga Bubich

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl traf die armen Regionen in Belarus besonders hart. Gut eine Million Kinder aus den verstrahlten Gebieten konnten über humanitäre Programme jahrelang ein paar Wochen in anderen europäischen Ländern verbringen.