Ausgabe Mai 2001

Das System Kutschma

Zehn Jahre nach der Unabhängigkeit steht es nicht gut um die Ukraine. Präsident Leonid Kutschma sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt. "Kutschma weg!" fordern seit Wochen Demonstranten. Auslöser des auf der Straße zum Ausdruck gebrachten Unbehagens waren im Herbst letzten Jahres aufgetauchte Tonbandaufzeichnungen, die belegen sollen, dass die Ermordung des Journalisten Gregori Gongadse auf eine entsprechende Anordnung des Präsidenten zurückgeht. Doch die aktuellen Skandale sind nur die Spitze des Eisbergs. "Wir haben eine Systemkrise", lautet das vorläufige Fazit des Kiewer Interfax-Journalisten Oleksander Kyrylkin. Baumeister der ukrainischen Melange aus Korruption und Machtmissbrauch ist der Präsident des Landes. Kutschma verwaltet den ukrainischen Staat wie ein Betriebsdirektor und verfolgt dabei zwei strategische Ziele: die Expansion seiner Machtbefugnisse durch Veränderung des Regierungssystems und den Aufbau eines Umfeldes finanzstarker Oligarchen.

Das strukturelle Defizit des ukrainischen Politsystem liegt in der unausgewogenen Kombination präsidialer und parlamentarischer Elemente. Die Folge sind permanente Konflikte zwischen Präsident und Ministerkabinett sowie zwischen Präsident und Parlament. Um seine eigene Position in diesen Konflikt zu stärken, erweiterte Kutschma sukzessive seine verfassungsmäßige Macht.

Sie haben etwa 14% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 86% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Holger Friedrich und die OAZ: Wie ein Verleger Demokratiefeinde hofiert

von Matthias Meisner

Auf dem deutschen Medienmarkt gibt es seit Ende Februar eine neue Zeitung. Das ist angesichts der andauernden Krise der Printmedien bemerkenswert. Doch über die »Ostdeutsche Allgemeine Zeitung« gibt es noch weit mehr zu sagen.