Ausgabe Dezember 2005

Mediterrane Partnerschaft?

„Wenn Europa den Mut aufbringt, den Vorschlägen seiner weitsichtigen Denker zu folgen“, schrieb Tahar Ben Jelloun kürzlich anlässlich eines möglichen EU-Beitritts der Türkei, dann „wird es an Macht und Menschlichkeit gewinnen, seine humanistischen Werte stärken und den Extremisten aller Art das Wasser abgraben.“ Der in Paris lebende marokkanische Intellektuelle forderte die „Integration der Barbaren“ in die Europäische Union. Und gemeint sind mit „Barbaren“ nicht nur die Türkei, sondern auch Algerien, Tunesien und vor allem Marokko.1

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatten um die kulturelle EUTauglichkeit der Türkei erscheint eine solche Forderung absurd. Sie kommt dennoch zur rechten Zeit. Anlässlich des Gipfeltreffens, bei dem am 27. und 28. November in Barcelona das zehnjährige Bestehen der Euro-Mediterranen Partnerschaft begangen wurde, scheint eine Revision der Beziehungen zwischen der EU und den vornehmlich arabischen Anrainerstaaten des Mittelmeers geboten.

So wünschenswert das von Jelloun aufgezeigte Ziel auch sein mag, seine Worte skizzieren weniger eine realistische Perspektive als eine grundlegende Kritik des europäischen Selbstverständnisses im Verhältnis zu seinen arabischen Nachbarn. Es geht, so ließen sich seine Überlegungen fortführen, nicht um Modifikationen europäischer Programme und eine Ausweitung bestehender Kooperationen.

Sie haben etwa 11% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 89% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Schutzzölle und Ratlosigkeit: Europa und der China-Schock

von Merle Groneweg

Schon im Mai 2024 schrieb Paul Krugman, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, in seiner Kolumne für die »New York Times«, inzwischen sei klar, »dass sich ein zweiter China-Schock aufbaut«. Der sogenannte erste China-Schock bezieht sich auf die 1990er und 2000er Jahre, als Importe aus China schätzungsweise 1,5 Millionen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe der USA verdrängten.