Ausgabe Juli 2009

Opfer Springer

Polizeiwachtmeister Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den friedlich demonstrierenden Benno Ohnesorg durch einen Schuss in den Hinterkopf tötete, war Mitglied von SED und Stasi. Seit dies bekannt wurde, raunt es im Lande: „Der Gründungsmythos der 68er wackelt“ (Kurt Kister). Und der geneigte Leser fragt sich, was Mythen noch so alles können.

Besonders wackeln lässt es, wen könnte es wundern, der Springer-Verlag. Dieser war, so will uns der Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, Thomas Schmid, beibringen, in seiner nach böser linker Lesart angeblich so einseitigen Berichterstattung in Wahrheit viel differenzierter. Tatsächlich konnte man am 3. Juni 1967 in der „BZ“ lesen: „Berlin hatte bisher den Ruf einer fleißigen, arbeitsamen Stadt. […] Eine Minderheit ist auf dem besten Weg, diesen Ruf zu zerstören. Sie will Berlin in ein Rabaukennest verwandeln. […] Was gestern in Berlin geschah – es hat mit Politik nichts mehr zu tun. Das war kriminell. […] Diese Leute können von der Bevölkerung kein Verständnis mehr erwarten.“ Und von der „BZ“ schon gar nicht: „Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen.“ Die „Bild“-Zeitung verhielt sich demgegenüber natürlich viel differenzierter: „Ein junger Mann ist gestern in Berlin gestorben.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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