Ausgabe Januar 2011

Das europäische Memento

Am Anfang von Flucht und Vertreibung war der Krieg

Ein Gutes, immerhin, hat die erbitterte Debatte über Erika Steinbach und die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“: Es wird wieder diskutiert über die Geschichte zwischen Deutschen und Polen. Lange, allzu lange hatte der Kalte Krieg die Verbindungen zwischen den beiden Völkern massiv eingeschränkt. Immerhin gab es dann in den 80er Jahren Hilfsaktionen von Deutschen für das im Kriegszustand versunkene Polen, so dass man hier – anders als etwa in der Tschechoslowakei – nach 1989 nicht ganz von vorne anfangen musste.

Zu Beginn des Kalten Krieges wurde über die Vergangenheit dagegen nicht diskutiert. Beide Seiten hielten sich für Opfer, wussten aber wenig voneinander. Zudem wurde der Informationsstrom bewusst eingeschränkt, weshalb die Realitäten des Krieges im Osten vielerorts in Vergessenheit gerieten. Das erlaubte es vielen Deutschen, vor der Frage nach der Verantwortung für den Krieg und die damit verbundenen Leiden zu fliehen – und zwar Verantwortung sowohl für die eigenen Leiden, als auch vor allem für die Leiden der zwischen Deutschland und Russland angesiedelten Völker, der Weißrussen, Polen und Ukrainer, deren Gebiete wortwörtlich blutgetränkt waren und die 10 bis 20 Prozent ihrer Bevölkerung, ganz überwiegend Zivilisten, verloren hatten.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema