Ausgabe Mai 2011

Der August Bebel der Kritischen Theorie

Laudatio auf Oskar Negt

August Bebel gehört zu den großen Unbekannten der deutschen Geschichte. Bei der Lektüre der Biographien über ihn von Theodor Heuss und Brigitte Seebacher-Brandt fand ich viel, was ich nicht gewusst hatte; aber ich fand nicht das, was ich eigentlich suchte. Theodor Heuss beschreibt wunderschön Bebels „prachtvolle Stimme mit dem kupfernen Ton“. Brigitte Seebacher-Brandt schildert die ungeheuere Wirkung seiner Auftritte: Wie eine tausendköpfige Menge „mit geduckten Häuptern und in Totenstille“ harrt, „die sich in donnernde Hochrufe entlädt, hat Bebel die Tribüne erklommen“. Bebel hätte, heißt es, erzählen können, dass zwei mal zwei fünf ist, und es wäre geglaubt worden. Er war der Arbeiterkaiser, ein glänzender Parlamentarier und glühender Prophet. Er hat die sozialistischen Utopien so volkstümlich darstellen können wie kein anderer, er sah sie zum Greifen nah und er schilderte sie zum Greifen nah – und seine Zuhörer waren so ergriffen, dass sie den Hut vom Kopf nahmen und ehrfürchtig Spalier standen, wenn er nach vier, fünf Stunden Rede und Diskussion den Saal hinausschritt.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (9.50€)
Anmelden

Weitere Artikel zum Thema

Über den Verfassungspatriotismus hinaus

von Meron Mendel

Während des Historikerstreits 1986 wehrte sich Jürgen Habermas erfolgreich gegen die Relativierung des Holocaust und hoffte, die Deutschen würden statt einer konventionellen Nationalidentität einen Verfassungspatriotismus entwickeln. Heute sollte dieses abstrakte Konzept mit konkreten Inhalten gefüllt werden.