Ausgabe Oktober 2011

Schizophrenie des Alltags: Stellen wir das Selbstverständliche in Frage!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Auszeichnung, ein Jahr lang das Amt des Stadtschreibers bekleiden zu dürfen. Ich verstehe Ihre Einladung nach Mainz vor allem als Aufforderung, miteinander ins Gespräch zu kommen, einander kennenzulernen und – zumindest was das ZDF betrifft – gemeinsam zu arbeiten.

Bisher kenne ich Mainz kaum. Ich habe den Dom gesehen, ein paar Räume der Gutenberg-Universität, das Foyer vom SWR, das 3sat-Studio, Buchhandlungen, Hotels, Restaurants, den Bahnhof. Jenseits dieser Berührungspunkte ist Mainz für mich die Chiffre eines geistigen Raums mit unübersehbaren Wirkungen. Es ist die Stadt von Johannes Gutenberg, mit einer alten Universität, die Gutenbergs Namen trägt, die Stadt, in der die erste deutsche Republik gegründet wurde, mit Georg Forster als einem der maßgebenden Köpfe. Mainz ist die Stadt von Anna Seghers, die Stadt, die eine von Alfred Döblin mitbegründete Akademie beherbergt, und nicht zuletzt die Stadt, die wie keine andere für das deutsche Fernsehen steht.

Über Johannes Gutenberg und die Folgen seiner Erfindungen zu sprechen, ist mir fast nicht möglich. Die letzten sechs Jahrhunderte sind ohne das gedruckte Wort unvorstellbar. Marshall McLuhans Begriffsschöpfung der „Gutenberg-Galaxis“ setzt das einprägsam ins Bild.

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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