Ausgabe Januar 2015

Vom Heldenkult zur Opferverehrung

Zum Wandel der Erinnerungskultur

Siebzig Jahre nach der Shoah – dem von einem hochentwickelten europäischen Staat unternommenen Versuch der planmäßigen Ermordung sämtlicher Juden – ist es offensichtlich, dass die jüdische Diaspora und die Israelis viele Gründe dafür haben, sich innerlich wie äußerlich bedroht zu fühlen. Das ist nicht nur eine Lehre der Geschichte, sondern auch der jüngsten antisemitischen Ausbrüche in Europa. Weniger offensichtlich ist dagegen, dass unmittelbar nach dem Krieg der Holocaust bei den Juden, und vor allem bei den Israelis, ein schamhaft verschwiegenes Thema war. Pola Lifszyc,[1] ein, wie wir heute sagen würden, „ganz normales“ Mädchen aus dem Warschauer Ghetto, das hätte überleben können, sich bei der Nachricht von der Verhaftung seiner Mutter aber freiwillig einem Transport anschloss, passte einfach nicht zum geschwollenen Bizeps des israelischen Helden – meist eines unerschrockenen Fallschirmjägers. „Wir bauen hier die Neue Welt, und im Theater ist wieder Ghetto!“, empörten sich in der Nachkriegszeit die Einwohner eines Kibbuz in einem Roman von Amos Oz. Zwar waren auch sie davon überzeugt, dass ihre Feinde es ihnen nie gestatten würden, in Ruhe zu leben, doch bewog sie das noch stärker dazu, die Erinnerung an die Zeiten der Kraftlosigkeit zu verdrängen.

Sie haben etwa 4% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 96% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (2.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Februar 2026

In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Micha Brumlik: Ein furchtloser Streiter für die Aufklärung

von Meron Mendel

Als die Hamas am 7. Oktober 2023 Israel überfiel und anschließend der Krieg der Netanjahu-Regierung in Gaza begann, fragten mich viele nach der Position eines Mannes – nach der Micha Brumliks. Doch zu diesem Zeitpunkt war Micha bereits schwer krank. Am 10. November ist er in Berlin gestorben.