Ausgabe Januar 2015

Vom Heldenkult zur Opferverehrung

Zum Wandel der Erinnerungskultur

Siebzig Jahre nach der Shoah – dem von einem hochentwickelten europäischen Staat unternommenen Versuch der planmäßigen Ermordung sämtlicher Juden – ist es offensichtlich, dass die jüdische Diaspora und die Israelis viele Gründe dafür haben, sich innerlich wie äußerlich bedroht zu fühlen. Das ist nicht nur eine Lehre der Geschichte, sondern auch der jüngsten antisemitischen Ausbrüche in Europa. Weniger offensichtlich ist dagegen, dass unmittelbar nach dem Krieg der Holocaust bei den Juden, und vor allem bei den Israelis, ein schamhaft verschwiegenes Thema war. Pola Lifszyc,[1] ein, wie wir heute sagen würden, „ganz normales“ Mädchen aus dem Warschauer Ghetto, das hätte überleben können, sich bei der Nachricht von der Verhaftung seiner Mutter aber freiwillig einem Transport anschloss, passte einfach nicht zum geschwollenen Bizeps des israelischen Helden – meist eines unerschrockenen Fallschirmjägers. „Wir bauen hier die Neue Welt, und im Theater ist wieder Ghetto!“, empörten sich in der Nachkriegszeit die Einwohner eines Kibbuz in einem Roman von Amos Oz. Zwar waren auch sie davon überzeugt, dass ihre Feinde es ihnen nie gestatten würden, in Ruhe zu leben, doch bewog sie das noch stärker dazu, die Erinnerung an die Zeiten der Kraftlosigkeit zu verdrängen.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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