Ausgabe November 2018

Der Todesmarsch als Gemeinschaftsverbrechen

Die Erinnerung an die Reichspogromnacht, die sich an diesem 9. November zum 80. Mal jährt und die den Beginn der systematischen Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten markiert, ist fest in der bundesrepublikanischen Gedenkkultur verankert. Weit weniger Beachtung findet bisher indes das letzte nationalsozialistische Massenverbrechen: Die Räumung der Konzentrationslager kurz vor dem Eintreffen der alliierten Truppen und die sich anschließenden Todesmärsche. Diese begannen im Juli 1944 kurz vor der Befreiung des Todeslagers Majdanek bei Lublin durch Einheiten der Roten Armee und endeten im Mai 1945 in Österreich, wo das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz am 5. Mai als letztes Hauptlager von US-Truppen befreit wurde. Die Zahl der Häftlinge, die im Laufe dieser zehn Monate – ihre Befreiung vor Augen – noch zu Tode kamen, kann aufgrund der schlechten Quellenlage nur geschätzt werden, sie wird jedoch auf mindestens 200 000 bis 350 000 Opfer beziffert. Diesem Verbrechen widmet sich die nun als Buch vorliegende Dissertation von Martin Clemens Winter „Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum. Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche“.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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