Ausgabe November 2020

Das Elend von Calais: Der Brexit und die Bootsflüchtlinge

14.08.2020. Dover, Vereinigtes Königreich. Migranten, darunter auch Kleinkinder, werden von Beamten der Border Force in Dover, Vereinigtes Königreich, am vermutlich elften Tag in Folge an Land gebracht, an dem Migranten bei der Überquerung des Ärmelkanals von Frankreich nach England gerettet wurden.

Bild: imago images / i Images

Ende September warteten britische Medien einmal mehr mit neuen Rekordmeldungen auf: Im letzten Monat, bevor herbstliche Witterung die See in der Meerenge von Dover aufwühlen würde, hatten fast 2000 Migranten in Schlauchbooten die Küste der Grafschaft Kent erreicht. Das sind mehr als im gesamten Jahr 2019, als 1892 Menschen registriert wurden. In diesem Jahr stieg ihre Zahl Monat für Monat; Anfang Oktober lag sie bei insgesamt etwa 7000. Eine „Invasion“ nennen das konservative Politiker und Boulevardzeitungen. Schon im August hatte das Innenministerium in London einen „Clandestine Channel Threat Commander“ ernannt, dessen Aufgabe es ist, die wichtigste Migrationsroute zwischen dem Vereinigten Königreich und dem europäischen Kontinent unpassierbar zu machen.

Ebenfalls Ende September, auf der anderen Seite des Ärmelkanals: An einem Morgen versammeln sich kurz vor Tagesanbruch etwa 350 Polizisten verschiedener Einheiten in der Nähe des Krankenhauses von Calais. In den folgenden Stunden räumen sie die größte Niederlassung Geflüchteter in der Hafenstadt. Mehr als 600 Bewohner – so twittert Gérald Darmanin, der französische Innenminister später – werden mit Bussen in Auffangzentren überall im Land gebracht. Die meisten liegen in anderen Départements, weitab von Calais. Die Ziele der Aktion beschreibt Darmanin so: „Menschlichkeit und Kampf gegen die Schmuggler.

November 2020

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