Ausgabe Mai 2021

Armenien in Bedrängnis: Wie die EU sich wegduckt

Ein Soldat an einem aserbaidschanischen militärischen Außenposten beim Agaoglan-Kloster im Bezirk Lachin, 24. Februar 2021 (IMAGO / ITAR-TASS)

Bild: Ein Soldat an einem aserbaidschanischen militärischen Außenposten beim Agaoglan-Kloster im Bezirk Lachin, 24. Februar 2021 (IMAGO / ITAR-TASS)

Es klang fast nach einem Paradigmenwechsel für die Europäische Union, was Ursula von der Leyen im Herbst 2019 ankündigte. Zu ihrem Amtsantritt als EU-Kommissionspräsidentin sagte sie: „Wir wollen eine starke geopolitische Kommission sein.“ Ob diesen Worten bereits Taten gefolgt wären, wenn nicht die Pandemie dazwischengekommen wäre? Möglicherweise. Momentan betreibt die Union jedoch vor allem Nabelschau – und übersieht dabei, dass sich in ihrer östlichen Nachbarschaft die geopolitischen Kräfteverhältnisse massiv verschieben.

Gewiss, es gibt engagierte Kaukasus-Expertinnen und -Experten in der Kommission, im Parlament und im Rat, die genau verfolgen, was vor Ort geschieht. Insgesamt hat die Region für die EU jedoch keine Priorität. Und Armenien scheint in der Wahrnehmung Europas fast gänzlich unter dem Radar verschwunden zu sein. In dem kleinen Land am Fuße des Ararat warteten die Menschen während des Krieges um Bergkarabach im Herbst 2020 vergeblich auf die EU. Stattdessen schufen Russland und die Türkei Fakten.[1]

Die Abwesenheit der EU ist vor allem für die armenische Zivilgesellschaft ein Schlag ins Gesicht. Die Kaukasus-Republik wurde von der westlichen „Wertegemeinschaft“ im Stich gelassen – dieses Gefühl teilen viele Armenier. Die Enttäuschung darüber ist angesichts der innenpolitischen Entwicklungen der letzten drei Jahre besonders bitter. Denn Armenien war auf dem besten Weg, eine stabile Demokratie zu werden.

Mai 2021

Sie haben etwa 9% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 91% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Druckausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Mai 2026

In der Mai-Ausgabe zeigen Alexander Cooley und Daniel Nexon, wie die Trump-Regierung ihre geopolitische Macht systematisch in privaten Gewinn ummünzt – zum Schaden für Rechtsstaat und Demokratie. August Pradetto plädiert für eine entschiedene – auch rhetorische – Verteidigung des Völkerrechts gegenüber der wachsenden Gruppe jener Staaten, die auf die Macht des Stärkeren setzen. Klaus Naumann beleuchtet die Debatte um die Wehrpflicht und fragt, wie sich der Frieden in Europa künftig verteidigen lässt. In einer Welt, in der Heimatverlust zu einer universellen Erfahrung geworden ist, sucht Ece Temelkuran nach neuen Formen von Gemeinsamkeit und Handlungsmacht. Antje Schrupp zeigt, wie rechte Frauen mit traditionalistischen Frauenbildern den autoritären Aufstieg befördern. Sonja Peteranderl warnt vor den Risiken von Zyklus-Apps in Zeiten des Rechtsrucks. Inken Behrmann beleuchtet den auch hierzulande längst entbrannten Kampf um die immer knapper werdende Ressource Wasser. Markus Wissen sieht im radikalen Reformismus eine Strategie gegen den Krisenkapitalismus. Und Karin König erinnert an den Film »Die Mörder sind unter uns« als Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegsgeschichte und die Biografie seines Hauptdarstellers Ernst Wilhelm Borchert. 

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Der europäische Flüchtlingsschutz: Eine Ruine

von Vanessa Barisch

Haftähnliche Unterbringung, fehlender Rechtsschutz während des Asylverfahrens und die Legalisierung von Pushbacks, das sind die Merkmale, die ab Juni den Umgang mit Flüchtlingen in der EU prägen werden. Bis dahin sollen die EU-Staaten die schon 2024 beschlossene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems umgesetzt haben.