Ausgabe Februar 2023

Ukrainekrieg und Zeitenwende: Wider die Nationalisierung des Gedenkens

Ein Arbeiter entfernt Parolen von einem sowjetischen Ehrenmahl in Warschau, 9.5.2022 (IMAGO / Eastnews)

Bild: Ein Arbeiter entfernt Parolen von einem sowjetischen Ehrenmahl in Warschau, 9.5.2022 (IMAGO / Eastnews)

Putins Angriffskrieg markiert auch eine Herausforderung für die deutsche Erinnerungskultur: Einst hatte die Rote Armee Auschwitz befreit, heute sterben ukrainische Holocaust-Überlebende durch russische Raketen. Gegen eine Vereinnahmung der deutschen Erinnerungskultur hilft nur eine Abkehr von nationalen Gedenkweisen, so der Historiker Benet Lehmann.

Wladimir Putin rechtfertigt seinen Krieg in der Ukraine mit diversen geschichtlichen Bezügen. Neben dem Phantasieren über das großrussische Imperium ist es der vermeintliche Kampf gegen einen neu erstarkenden Faschismus, der Bevölkerung und Soldaten mobilisieren soll: Angeblich kämpften die Streitkräfte Russlands als Nachfolger der Roten Armee gegen ein neues nazistisches Regime, das sich in der Ukraine und auch in Europa ausbreite. Geschichte dient hier als willkommenes Mittel, um individuelle und kollektive Identitäten herzustellen. Putin setzt sich, teils aus historisch-faktischen, teils aus erdachten Bausteinen, ein verqueres Geschichtsbild zusammen und stellt dafür die Koordinaten der Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg auf den Kopf.[1] Aus „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ wird bei ihm in kruder Logik „Nie wieder Faschismus, deshalb führen wir Krieg.“

Diese historische Aufladung sorgt auch für Spannungen in der deutschen Erinnerungskultur.

»Blätter«-Ausgabe 2/2023

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