Ausgabe Oktober 2024

Fallstricke des Antiglobalismus

Tara Zahra: Gegen die Welt.Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit, Cover: Suhrkamp

Bild: Tara Zahra: Gegen die Welt.Nationalismus und Abschottung in der Zwischenkriegszeit, Cover: Suhrkamp

„Im goldenen Zeitalter vor dem Krieg konnte der ‚Bewohner Londons […], seinen Morgentee im Bette trinkend, durch den Fernsprecher die verschiedensten Erzeugnisse der ganzen Erde in jeder beliebigen Menge bestellen und mit gutem Grund erwarten, daß man sie alsbald an seiner Tür ablieferte‘“. Mit diesen Worten des britischen Ökonomen John Maynard Keynes beschreibt Tara Zahra die scheinbar heile Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Noch deutlicher ist das Urteil Stefan Zweigs: „Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört“, zitiert die Historikerin aus seinem autobiographischen Werk „Die Welt von Gestern“. „Jeder ging, wohin er wollte, und blieb, solange er wollte.“

Doch ganz so heil oder frei war die Welt nicht, macht Zahra deutlich – oder nur für jene kleine Gruppe von Kosmopoliten, für die Grenzen keine Rolle spielten. „Vor dem Ersten Weltkrieg konnten Zweig und Keynes vor allem deshalb frei von bürokratischen Hindernissen durch die Welt reisen, weil sie wohlhabende, gebildete, weiße Europäer waren.“

Dieses Zeitalter der Globalisierung war mit dem Ersten Weltkrieg vorbei. Damit beginnt Zahras gleichermaßen spannendes wie wichtiges Buch „Gegen die Welt“. Es besticht durch seinen lebendigen Stil, man fühlt sich manchmal um hundert Jahre in der Geschichte zurückversetzt.

»Blätter«-Ausgabe 10/2024

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In der Februar-Ausgabe analysiert Ferdinand Muggenthaler die Folgen des US-Militärschlags in Venezuela für Lateinamerika – und erläutert, an welche Grenzen Trumps imperiale Ambitionen auf dem Subkontinent stoßen könnten. Nach vier Jahren russischer Vollinvasion und einem Jahr Trump ist die Ukraine zu einem zentralen Schauplatz im Ringen um eine imperiale globale Ordnung avanciert, argumentiert Steffen Vogel. Ulrich Menzel beschreibt die Konturen des heranbrechenden neuen imperialistischen Zeitalters, in dem das »Trio infernale« – USA, Russland und China – miteinander um die globale Vorherrschaft ringt. Seyla Benhabib beleuchtet unter Rückgriff auf das Denken Hannah Arendts die dramatischen Herausforderungen der Demokratie im planetarischen Zeitalter. Sonja Peteranderl zeigt auf, wie sich deutsche Behörden aus ihrer Abhängigkeit von Trump-hörigen Tech-Konzernen lösen können. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk hierzulande nicht nur innenpolitisch unter Druck steht, sondern auch ausländische Regierungen politisch Einfluss auszuüben versuchen, zeigt Wolfgang Kraushaar am Beispiel der Kontroverse um die ARD-Israel-Korrespondentin Sophie von der Tann. Und Georg Diez plädiert angesichts der wachsenden Stimmenanteile der AfD für die Abkehr von Parteidisziplin und den Umbau der Demokratie hin zu einer zielorientierten Zwei-Drittel-Republik.

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