Zum Tode von Jürgen Habermas
Bild: Jürgen Habermas (IMAGO / photothek)
Am 14. März 2026 starb im Alter von 96 Jahren der Sozialphilosoph und »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas. Tief geprägt vom Kriegsende 1945, von der Erfahrung des Umbruchs vom verbrecherischen NS-Regime zur parlamentarischen Demokratie westlichen Zuschnitts, stand stets eines im Mittelpunkt seines Wirkens: die Verteidigung der Demokratie.
Als Willy Brandt 1969 Bundeskanzler wurde und nach einigem Zögern Jürgen Habermas bat, seinem Beraterkreis beizutreten, verabschiedete dieser sich schon nach der ersten gemeinsamen Sitzung mit folgenden Worten: »Meine Befürchtung geht dahin, dass die Sozialdemokratie, aus Berührungsfurcht vor eigenen Traditionen, eine Wahrnehmungssperre haben könnte. Die Kontrolle von wirtschaftlicher Verfügungsmacht, und das heißt heute: der Ausbau der Globalsteuerung zu einer Strukturplanung (die Eingriffe in private Investitionsentscheidungen nicht von vornherein diskriminiert) wird mittelfristig unvermeidlich sein, wenn die Regierung sich gesellschaftspolitisch nicht treiben lassen, sondern alternative Prioritäten entwickeln und auf politischem Weg zur Entscheidung bringen will.«1 Habermas stand sein ganzes Leben der Sozialdemokratie nahe, genauer: ihrem linken Flügel. Dabei ahnte er früh, dass selbst die am weitesten links stehendende Regierung der alten Bundesrepublik, eben die der Brandt-Ära von 1969 bis 1974, letztlich an der Macht der Wirtschaft und konkret an der Eigentumsfrage scheitern würde. Die brave SPD der Gegenwart machte ihn dagegen zunehmend ratlos. Insofern ist es von besonderer Ironie, dass die von Habermas gleichermaßen geschätzte wie stets kritisierte »Zeitung für Deutschland«, die »Frankfurter Allgemeine«, in jener Ausgabe, die in aller Breite Habermas’ Leben bilanziert, zugleich im Aufmacher lamentiert: »Wer soll diese SPD attraktiv finden?«2
Habermas’ Rückzug aus Brandts Beraterkreis zeigt: Am Ende ging ihm Theorie dann doch vor Praxis, die wissenschaftliche Durchdringung vor politischen Aktivismus. Dennoch verzichtete Habermas neben seinem ungeheuren wissenschaftlichen Werk nie auf politische Interventionen – im Gegenteil: Die von Habermas politisch durchaus polemisch, aber stets in aufklärerischer Absicht geschaffenen Stichworte wie »Geschichtsrevisionismus«, »Neue Unübersichtlichkeit« oder »Nachholende Revolution«, aber auch öffentliche Reden wie die Friedenspreisrede gleich nach dem 11. September 2001 haben immer wieder Identitätsfragen, ja sogar -krisen der Bundesrepublik ausgelöst oder doch manifest gemacht – exemplarisch im Historikerstreit vor 40 Jahren als der großen Selbstverständigungsdebatte über das Verhältnis der Bundesrepublik zum Nationalsozialismus.
Bereits an diesem ungeheuren Willen zur Wirkung, in Wissenschaft und politischer Debatte gleichermaßen, zeigte sich das Solitäre, dass diesen Ausnahmedenker ausmacht und wohl nur aus seiner generationellen Prägung heraus zu erklären ist. Habermas’ erstaunliche Wirkungsgeschichte begann in der deutschen Nachkriegsprovinz, die noch ganz vom späten Martin Heidegger (1889–1976) und dessen Frühwerk beherrscht wurde und in der der gerade einmal 24-jährige Habermas gegen das Werk des mittleren Heidegger aus den 1930er Jahren zu Felde zog – inklusive seiner unseligen NS-Traditionen. Sie dehnte sich in den 1960er und 70er Jahren, im Zuge der Studentenbewegung und im Boom kritischer Sozialwissenschaften rasch über die Landesgrenzen aus, erst auf Nordamerika und spätestens mit der Zäsur von 1989/90 auch auf den Rest der Welt. Diese globale Wirkungsgeschichte ist singulär und machte Jürgen Habermas zum bedeutendsten deutschen, wenn nicht sogar globalen Philosophen seiner Zeit.
Dabei teilt Habermas, der 1929 in Gummersbach geboren wurde, die Urerfahrungen seiner Generation. Diese Generation, die während des Krieges zur Hitlerjugend kam und allenfalls im letzten Kriegsjahr als Flakhelfer diente oder zum Volkssturm eingezogen wurde, brachte eminente intellektuelle Figuren hervor, wie Niklas Luhmann, Ralf Dahrendorf, Hermann Lübbe, Hans Magnus Enzensberger, Hans-Ulrich Wehler, Odo Marquard, Alexander Kluge oder auch die Brüder Hans und Wolfgang Mommsen. Aber auch gleichaltrige, ihre Zeit prägende Politiker wie Helmut Kohl oder Johannes Rau erlebten ihre primäre und sekundäre Sozialisation, also Kindheit und Adoleszenz, im Nazireich. Sie alle waren zu jung, um noch zur Wehrmacht eingezogen oder für die Nazipartei angeworben zu werden, aber alt genug, um den Nationalsozialismus noch bewusst zu erleben.
Habermas selbst war zu Beginn des Krieges gerade zehn Jahre alt und bei seinem Ende noch nicht ganz 16. Der Umbruch von 1945, der totale Zusammenbruch des NS-Regimes, sein Verschwinden als Staat und die plötzliche Erfahrung, dass man, wie Habermas es einmal in einem Interview ausgedrückt hat, »in einem durch und durch verbrecherischen Regime gelebt hatte«, und schließlich die Neugründung der Bundesrepublik im Westen des ehemaligen Reichsterritoriums – dieser in wenigen Jahren vollzogene Austausch fast des gesamten staatlichen Institutionensystems, der Wechsel von der verbrecherischsten Diktatur der Weltgeschichte zur parlamentarischen Demokratie westlichen Zuschnitts prägte Habermas’ Biografie wie die seiner gesamten Generation tief.
Die »Gnade der späten Geburt«
Auch wenn sie sich sehr unterschiedlich zur Vergangenheit des Dritten Reiches äußerten und verhielten, die Intellektuellen dieser Generation hatten kaum eine Chance, sich den Übergang von Hitler zu Adenauer, vom autoritären NS-Staat zum wohlwollend paternalistischen CDU-Staat, durch schlichte Verdrängung des Faschismus zu erleichtern. Sie mussten sich dazu verhalten. Sie konnten nicht einfach im Amt bleiben wie ein viel zu großer Teil des höheren Staats-, Universitäts- und Wirtschaftspersonals. Denn sie hatten ja keins. Die Zeit vor 1945 war zwar Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte, aber die Generation der damals 15- bis 20-Jährigen konnte für die Taten und Untaten des Regimes nicht mehr moralisch und persönlich verantwortlich gemacht werden. Das hat Helmut Kohl (oder sein neokonservativer Redenschreiber) in den 1980er Jahren zwar in apologetischer Absicht, die gerade wieder entfachte Diskussion über die NS-Vergangenheit zu beenden, aber sachlich nicht unzutreffend, die »Gnade der späten Geburt« genannt, die der Flakhelfer-Generation zuteil wurde.
Dennoch teilte sich diese Generation: Die einen hielten mit Habermas die Übernahme des Nazipersonals in die Bundesrepublik für eine »sozialhygienische« Katastrophe und kritisierten den »Verdrängungsantikommunismus« der 1950er Jahre, die anderen rechtfertigten wie Hermann Lübbe das »kommunikative Beschweigen« der »braunen Biographieanteile« und erteilten so der Integration der Nazis ihren sozialwissenschaftlichen Segen.
Im Ganzen aber steht diese Generation – trotz aller politischen Feindschaft, die sie (vor allem in den 1970er und 80er Jahren) polarisierte, und trotz des erheblichen Einflusses von Figuren wie Martin Heidegger, Ernst Jünger oder Carl Schmitt auf den rechten Flügel – insgesamt für den antifaschistischen bzw. antitotalitären Konsens der alten Bundesrepublik. Wie tief die Befreiung vom Faschismus diese Generation und speziell Habermas geprägt hat, kann man fast bis in jeden Satz, den er geschrieben hat, verfolgen und nachvollziehen.
Die Kriegs- und Vorkriegsgeneration sperrte sich dagegen zumeist heftig gegen die von Westen eindringenden Ideen egalitärer Freiheit und politischer Autonomie. Die Verachtung des westlichen Liberalismus und »Demokratismus« war bei Heidegger und Schmitt, Jünger oder auch Arnold Gehlen ungebrochen. Die Einzigen, denen das Verdrängen und Verleugnen unmöglich war, waren illegale linke Widerstandskämpfer wie der 1937 aufgeflogene und den Rest der Nazizeit eingekerkerte und nach Ablauf der Zuchthaushaft in die berüchtigte Strafdivision 999 abkommandierte Wolfgang Abendroth, waren die wenigen im Lande gebliebenen und nicht untergetauchten liberalen Gegner der Nazis wie Karl Jaspers, oder es waren die (zumeist jüdischen) Verjagten, die wie Hannah Arendt, Herbert Marcuse, Leo Strauß, Thomas Mann, Karl Löwith, Franz Neumann, Ernst Fraenkel oder Max Horkheimer nicht nur Deutschland, sondern Europa verlassen mussten – und schließlich noch einige Wenige, die wie Eugen Kogon 1945 den Konzentrationslagern entronnen waren. Sie schrieben schon während des Krieges oder gleich danach die für die Generation Habermas so wichtigen Bücher über den Nationalsozialismus und die Epoche des Faschismus: den »Behemoth« (Neumann), den (noch Mitte der 1930er Jahre und noch in Deutschland heimlich verfassten) »Doppelstaat« (Fraenkel), die »Origins of Totalitarianism« (Arendt), die »Dialektik der Aufklärung« (Horkheimer/Adorno) und den »SS-Staat« (Kogon). Aber ihre Stimmen hatten in der hegemonial vermachteten und undurchdringlichen Öffentlichkeit der Adenauer-Republik keinen Ort und wurden erst in den 1960er Jahren gehört. Adenauer setzte stattdessen auf kommunikatives Beschweigen, indem er sich mit NS-Personal wie dem Mitverfasser der Nürnberger Gesetze, Heinrich Globke, umgab.
Während also Habermas von Beginn an in Auseinandersetzung zur Adenauer-Republik und den sie tragenden Generationen stand, gilt Ähnliches für sein Verhältnis zur nachfolgenden Generation der 68er. Sie wurde nach (oder am) Ende des Hitler-Reichs geboren und ist die erste Generation, die ganz und gar durch die Bundesrepublik und den Westen, durch Europa und Amerika geprägt wurde. Sie musste sich nicht mehr, wenn sie sich zu den Nazis verhielt, zu einem Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte verhalten, denn die ins NS-Regime so oder so verstrickte Lebensgeschichte ihrer Eltern lag vor ihrer Geburt. Den Nationalsozialismus kannte sie nur noch aus Zeitungen, Büchern, Filmen und vom Hörensagen.
Die globale Wirkungsgeschichte von Jürgen Habermas ist singulär und machte ihn zum bedeutendsten deutschen, wenn nicht gar globalen Philosophen seiner Zeit.
Die Spiegel-Affäre von 1962 und der Auschwitzprozess von 1963 bis 65 wurden zu ersten politischen Schlüsselerlebnissen der kommenden 68er. Dadurch wurde der Nationalsozialismus zur gegenwärtigen Vergangenheit, blieb aber trotzdem lebensgeschichtlich unerreichbar vergangene Gegenwart, die nicht mehr durch eigenes Erleben, sondern nur noch durch Zeugen, Geschichte, Literatur, Kunst und Einbildungskraft vergegenwärtigt werden konnte. Das erleichterte die Wahrnehmung des nach wie vor latenten Faschismus im Alltagsleben der Bundesrepublik und im immer wieder, besonders im Vietnamkrieg, auflebenden Imperialismus ihrer westlichen Nachbarn. Aber es erleichterte auch die maßlose Übertreibung, die scheinrevolutionäre Kopie der vor- und antifaschistischen Weimarer Linksradikalen und Kommunisten in den K-Gruppen, wie auch die Verwechslung der ungebrochenen Nazi-Mentalitäten des CDU-Staats mit offen faschistischer Herrschaft und die voreilige Identifikation des imperialistischen Vietnamkriegs mit der amerikanischen Demokratie in Gänze – und es rief den entschiedenen Widerspruch von Habermas hervor.
Vom linken Heideggerianer zum Neomarxisten
Habermas seinerseits hatte schon früh die nationalsozialistische Vergangenheit seiner akademischen Lehrer (bzw. der Lehrer seiner Lehrer) öffentlich zum Thema gemacht. Das war, auch in der 1945er-Generation, eher selten. Zusammen mit dem acht Jahre älteren, aus dem Weltkrieg zurückgekehrten Karl-Otto Apel studierte Habermas in Bonn Philosophie und promovierte mit einer Arbeit über Schellings Geschichtsphilosophie bei Erich Rothacker, der noch 1944 einen Aufsatz über die Kriegswichtigkeit der Philosophie publiziert hatte.
Bereits ein Jahr vor Fertigstellung der Dissertation, also noch als Student, prangerte Habermas die Nähe Heideggers zum Nationalsozialismus an, und zwar nicht nur als Person, sondern auch seines Denkens, in einem aufsehenerregenden Artikel in der FAZ unter der Schule machenden Überschrift: »Mit Heidegger gegen Heidegger denken«. Heidegger hatte damals eine Vorlesung aus den 1930er Jahren, in der von der »inneren Wahrheit und Größe« der nationalsozialistischen »Bewegung« die Rede war, ohne jeden Kommentar wiederveröffentlicht. Sein Hauptwerk »Sein und Zeit« aus den 1920er Jahren prägte zu jener Zeit die gesamte deutsche Philosophie – und auch den jungen Habermas. Aber nicht Heideggers Vorlesung und seine offenbar ungebrochene Wertschätzung des Nationalsozialismus wurde als Skandal verstanden. Was die Geister empörte und erstarren ließ, war auch nicht, dass Habermas mit Heidegger gegen Heidegger zu denken empfahl, sondern dass er seine vehemente Kritik politisch begründete. Das war der eigentliche Bruch einer stillschweigenden Verabredung, nämlich der Verstoß gegen den common sense des kommunikativen Beschweigens der Adenauer-Republik.
Habermas rückte in den folgenden Jahren weiter nach links, und die Begegnung und Zusammenarbeit mit dem von ihm hochverehrten Theodor W. Adorno, an dessen Institut für Sozialforschung er Soziologie lernte und praktizierte, wurde zu dem für den angehenden Intellektuellen entscheidenden Ereignis. Allerdings kam es über die Auseinandersetzung mit dem wesentlich konservativeren Institutsleiter Max Horkheimer zum Bruch, und so wurde dann, über die Habilitation bei Abendroth, aus dem linken Heideggerianer Habermas endgültig ein Neomarxist, allerdings einer, der sich zum Marxismus immer unorthodox und revisionistisch verhielt.
Wenn Immanuel Kant im Werk von Habermas auch eine weit größere und grundlegendere Rolle spielt als Karl Marx, bleibt Marx doch stets wesentlich. Denn es ist gerade die schon für Marx charakteristische Verbindung einer normativ anspruchsvollen Philosophie der Vernunft mit einer empirischen Theorie der Gesellschaft, die das Werk von Habermas von anderen Zeitgenossen unterscheidet, von Soziologen wie Luhmann wie von Philosophen wie John Rawls. Diese, an das Programm der frühen Frankfurter Schule im New Yorker Exil (Horkheimer und Adorno, Herbert Marcuse und Leo Löwenthal) anschließende Integration von Philosophie und Sozialwissenschaft in eine kritische Gesellschaftstheorie ist das Signum des Habermasschen Werks.
Habermas’ Gesellschaftstheorie greift zwar den philosophischen Grundbegriff der Vernunft auf und expliziert ihn sprachphilosophisch, verwendet ihn aber für die Entwicklung einer sozialwissenschaftlichen Theorie. Sie beruht auf der – zuvor nur von dem Austromarxisten Max Adler vorweggenommenen – Idee einer vollständigen Transformation von Erkenntniskritik in Gesellschaftstheorie. Der Begriff der Gesellschaft bildet insofern das eigentliche Zentrum des Habermasschen Werks. Es ist daher ebenso falsch, Habermas als bloßen Philosophen argumentativer Begründung oder gar als Diskursethiker zu verstehen, wie ihn nur als Sozialwissenschaftler und Soziologen zu rezipieren. Habermas ist, obwohl er immer versucht hat, seine Theorie in beiden Disziplinbereichen mit den dort jeweils disziplinär spezialisierten Mitteln zu verteidigen, eben gerade kein reiner Philosoph und zugleich kein reiner Soziologe, sondern der Autor einer wirklich interdisziplinären Theorie der Gesellschaft.
»Öffentlichkeit« als der politische Grundbegriff der Habermasschen Theorie
Die besondere politische Wirksamkeit von Habermas resultiert daraus, dass er aus den Prämissen seiner Gesellschaftstheorie auch seine ständigen intellektuellen Interventionen ableitete. So wird die Verbindung von philosophischer Normativität und soziologischer Theorie in zahlreichen zeitdiagnostischen Arbeiten wirksam. Habermas hat der Bundesrepublik über Jahrzehnte immer wieder neue Stichworte zur geistigen Situation der Zeit geliefert, an denen sich oft zentrale politische Debatten und Konflikte entzündeten. So verband er den primär retrospektiv ausgerichteten, auf die NS-Zeit zielenden antifaschistischen Konsens mit einem auf die Bundesrepublik gemünzten »Verfassungspatriotismus« – ein Begriff, den er dem konservativen Liberalen Dolf Sternberger entwendet, uminterpretiert und in den 1980er Jahren mit breiter Wirkung in Umlauf gebracht hat – und orientierte sich wenig später, nach dem Mauerfall, bereits nach vorn, nämlich auf die entstehende europäische »postnationale Konstellation« – so ein Buchtitel der 1990er Jahre.
Der eigentliche Grundbegriff der Habermasschen Theorie, der für das ganze Werk zentral ist, ist allerdings der Begriff der Öffentlichkeit. Er verbindet Theorie und Kritik – und begründet Habermas’ Ruhm in der Folge seiner Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« von 1962. Diese implizierte eine scharfe Kritik an der entpolitisierten Öffentlichkeit der paternalistischen Adenauer-Ära – und sie bestätigte sich umgehend in der Spiegel-Affäre und dem Widerstand gegen die erst damals vor deutschen Gerichten beginnenden NS-Prozesse. Zugleich nahm sie den Ruf der Studentenbewegung nach einer Repolitisierung des öffentlichen Lebens vorweg.
Das Buch enthält bereits (in allerdings noch sehr moderater Form) die zentrale Forderung der 68er nach Herstellung von Öffentlichkeit in allen öffentlichen und privaten Gremien und Organisationen, in denen öffentliche Angelegenheiten nicht-öffentlich verhandelt werden. Demokratie sollte wieder zur öffentlichen Angelegenheit nicht nur des politischen Systems, der Parteien, Parlamente und Exekutivspitzen, sondern der ganzen Gesellschaft und ihrer nur vermeintlich unpolitischen Organisationen (wie etwa der Gewerkschaften) werden. Zudem passte die Mischung aus Habilitationsschrift, intellektuell zugespitzter Gesellschaftskritik und soziologisch-politikwissenschaftlichem Fachjargon nicht schlecht ins Milieu der vom Zigarettendunst verhangenen SDS-Versammlungen.
Die Integration von Philosophie und Sozialwissenschaft in eine kritische Gesellschaftstheorie ist das Signum des Habermasschen Werks.
Öffentlichkeit, deren Entdemokratisierung durch Macht und Konsumismus Habermas im Strukturwandel kritisierte, wurde so zum zentralen Stichwort der späten 1960er Jahre. Die von den radikalen Sprechern dieser Bewegung propagierte Totalrevolution aller gesellschaftlichen Verhältnisse wies Habermas jedoch als »Scheinrevolution« zurück. Eine Revolutionierung des Spätkapitalismus, von der die Studenten von Berlin bis Berkeley träumten, hielt Habermas nie für möglich, und im Aktionismus, den Rudi Dutschke propagierte, glaubte er zwar keine sachliche, wohl aber eine methodische Verwandtschaft mit dem Faschismus erkennen zu können. Auch wenn Habermas, was er später bereute, den radikalen Studenten auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung »linken Faschismus« vorwarf, sympathisierte er doch stark mit deren Motiven und versuchte in Vorträgen und Aufsätzen deren Chancen einzuschätzen. Außerdem war er Ende der 1960er Jahre oft auf den Versammlungen der radikalen Studenten vor allem in Frankfurt anzutreffen und diskutierte ausgiebiger als die meisten seiner Kollegen mit ihnen.3
Ein Plädoyer für Radikalen Reformismus
Als »Der Spiegel« deutschen Intellektuellen 1968 die Frage »Reform oder Revolution?« stellte, legte sich Habermas auf das Programm eines »Radikalen Reformismus« fest, der eine revolutionäre Umwälzung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse im Rahmen und mit den Mitteln des demokratischen Verfassungsstaats für möglich hielt. Damit entschied er sich für eine Position der Äquidistanz zum technokratischen Reformismus der damaligen Großen Koalition aus Sozial- und Christdemokraten auf der einen und zur schwärmerischen Revolutionsromantik der radikalen Studenten auf der anderen Seite.
Tatsächlich schien mit Brandts Parole »Wir wollen mehr Demokratie wagen« aus der ersten sozialdemokratischen Regierungserklärung der radikale Reformismus des Frankfurter Philosophen und Soziologen zur Macht gekommen. Eine Hoffnung, die aber in den bleiernen 1970er Jahren von RAF und Berufsverboten schnell enttäuscht wurde. Habermas, der damals von den neokonservativen Gegenintellektuellen als geistiger Ziehvater der Terroristen denunziert wurde, sah denn auch eine »andere«, nicht mehr freie und demokratische »Republik« heraufziehen. Er weigerte sich, weiter in der konservativen FAZ zu schreiben, und erwog sogar, seine politischen Essays nur noch in den viel liberaleren italienischen und französischen Blättern zu publizieren. Doch die Bonner Republik überlebte ihren Notstand, und Jürgen Habermas publizierte schon alsbald unermüdlich weiter, wenn auch nun vornehmlich in der »Zeit« und der »Süddeutschen Zeitung« und nach 1989 auch in den »Blättern«, deren Mitherausgeber er ab 1998 war.
Ein weiteres zentrales Stichwort der späten 1960er und frühen 70er Jahre, entstanden unter dem Eindruck zunehmender ökonomischer Krisen, lautete Spätkapitalismus. Das 1971 unter dem Titel »Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus« publizierte Buch erlebte hohe Auflagen und eine weltweite Rezeption. Es erschien fast zeitgleich mit dem ähnlich erfolgreichen Buch Claus Offes über die »Strukturprobleme des kapitalistischen Staats«. Beide Bücher trafen den Nerv der sozialdemokratischen Reformpolitik jener Zeit, die mit Willy Brandt und großen Hoffnungen endlich an die Macht gekommen – und kurz darauf schon wieder am Ende ihres reformistischen Lateins war. Denn alle politischen Reformen schienen an der Flexibilität und Elastizität des spätkapitalistischen Systems abzugleiten. Die Politik war somit selbst zum Zentrum der Krise eines Spätkapitalismus geworden, der zwar die Ökonomie politisch im Griff zu haben schien, genügend materiellen Wohlstand für alle produzierte und eine – ihm in harten Klassenkämpfen abgetrotzte – halbwegs gerechte Verteilung des Reichtums zuließ, aber als Nebeneffekt andere Krisen produzierte – eben der Politik, der Motivation, der Rationalität oder auch der Ökologie –, die das Legitimationsgefüge der Gesellschaft im Kern erschütterten.
Der Begriff der Legitimationsprobleme ist ein gutes Beispiel für die politische Relevanz einer Theorie, die neue Phänomene wissenschaftlich beschreibt und zu erklären versucht – in diesem Fall, warum und woran die Sozialdemokraten nicht nur in Westdeutschland, sondern überall im Nordwesten des Globus mit ihren Reformprojekten gescheitert waren.
Kommunikation und Diskurs
In den 70er Jahren wurden dann auch Begriffe, die bei Habermas einen zunächst noch sehr abstrakten, theoretischen Sinn hatten wie Kommunikation oder Diskurs breit rezipiert und drangen zur Zeit der großen Bildungsreformen vor allem ins Erziehungssystem ein. Das war zuvor schon mit dem von ihm und Apel gemeinsam geprägten Begriff des »emanzipatorischen Erkenntnisinteresses« passiert, der die Wissenschafts- und Hochschulkritik der 68er stark beeinflusst hat.
So sehr seine 1968 erschienene Schrift »Erkenntnis und Interesse« die Studentenbewegung inspirierte, fühlte Habermas sich hier doch meist missverstanden. Dabei waren auch seine theoretisch angelegten Begriffe wie »Diskurs« und »Kommunikation« oder auch »Erkenntnisinteresse« nicht ohne zeitdiagnostische Bedeutung. Der Diskursbegriff kommunizierte (trotz des sehr verschiedenen theoretischen Kontextes) untergründig sogar mit dem, im französischen Poststrukturalismus prominent gewordenen und in Paris sofort politisierten, stark voluntaristischen Begriff des »Diskurses«, wie er etwa im Werk Michel Foucaults verwendet wird.
So sehr Habermas’ 1968 erschienene Schrift ›Erkenntnis und Interesse‹ die Studentenbewegung inspirierte, fühlte er sich hier doch meist missverstanden.
Auch wenn Habermas den poststrukturalistischen Voluntarismus immer zurückgewiesen hat, gab es hier durchaus eine Gemeinsamkeit: Der Diskursbegriff dient Habermas wie Foucault dazu, die komplexe und differenzierte moderne Wissensgesellschaft aus einer wie immer macht- und herrschaftskritischen Perspektive zu beobachten. Eine unmittelbar politische, aber eben eher reformistische Bedeutungskomponente hatte der Diskursbegriff bei Habermas ohnehin.4 Davon beeinflusst, wurden das Wort »Diskurs« oder die Rede von »herrschaftsfreier Kommunikation« bereits in den 70er Jahren zwar breitenwirksam rezipiert, aber zumeist konkretistisch missverstanden. So identifiziert Habermas in seiner Kommunikationstheorie verschiedene ideale Voraussetzungen (der Wahrheit, der Wahrhaftigkeit, der normativen Richtigkeit und logischen Stimmigkeit), die wir bei jedem Sprechakt implizit beachten und kontrafaktisch unterstellen müssen, ob wir – und das gerade ist die Pointe – wollen oder nicht. Anstatt dies jedoch zu begreifen, wurde in der einschlägigen Literatur, die sich auf Habermas berief, dessen Diskursbegriff als Programm verstanden, das es im Unterricht oder bei der Therapie oder zwischen den betrieblichen Tarifparteien umzusetzen galt wie eine positiv gesetzte Rechtsnorm oder eine anwendungsorientierte physikalische Theorie.
Eine reflexive Theorie wie die von Habermas lässt sich jedoch nicht einfach objektivierend anwenden, als wäre sie eine Tugendlehre, ein Satz guter Ratschläge, wohlbegründeter Imperative und Maximen oder zweckrationaler Strategien. Sie richtet ihr Hauptaugenmerk vielmehr auf die »Bedingungen der Möglichkeit« von Kommunikation als die Voraussetzung möglicher Emanzipationsprozesse und nicht auf ihre Initiierung und Umsetzung.
Die Kolonialisierung der Lebenswelt
1981, nach der nicht nur glücklichen, aber durchaus produktiven Dekade als Co-Leiter (neben Carl-Friedrich von Weizsäcker) des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, erschien dann Habermas’ gesellschaftstheoretisches Hauptwerk, die zweibändige »Theorie des kommunikativen Handelns«.
Darin findet sich die eminent politische, zeitdiagnostische Formel von der Kolonialisierung der Lebenswelt. Die Kolonialisierungsdiagnose richtet das Augenmerk der Kritik auf Übergriffe der neuen, depersonalisierten »Kolonialherren« der technisch wissenschaftlichen Zivilisation – das Recht, das Geld, die Macht – auf Sphären gesellschaftlicher Kommunikation, in denen sie nichts zu suchen haben. Mit dieser Diagnose nimmt Habermas den in der instrumentellen Politik der 70er Jahre verloren gegangenen Faden der marxistischen Entfremdungs- und Verdinglichungskritik wieder auf, um sie auf dem entwickelten Niveau der modernen Systemtheorie (Parsons und Luhmanns) als »Kritik der funktionalistischen Vernunft« – so der Untertitel des zweiten Bandes – zu erneuern.
Die Pointe der Kolonialisierungsdiagnose würde man jedoch verfehlen, verstünde man sie nur strategisch – wie etwa die Diagnose eines Motorschadens oder eines Schienbeinbruches. Diagnosen gesellschaftlicher Pathologien verbinden strategische Optionen nämlich mit der Einsicht in das Zerreißen eines kommunikativen Zusammenhangs, den nicht Experten, sondern letztlich die Betroffenen selbst stiften und als solchen erkennen müssen, um die strategische Option, den Riss zu reparieren, erst zu gewinnen.
Das ganze Leben von Jürgen Habermas ist zu begreifen als der Versuch, den Anspruch der Moderne auf Fortschritt, auf Wahrheit und Demokratie zu verteidigen.
Aus dieser Verteidigung der aufklärungsorientierten Verständigung resultieren denn auch Habermas’ fachwissenschaftlich-philosophische Interventionen der 90er Jahre und des frühen 21. Jahrhunderts, seine kontroversen Beiträge zum Klonen und zur Gentechnologie, gerichtet gegen die imperiale Macht der Naturwissenschaften und eine Kolonialisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften.
Im Mittelpunkt der Habermasschen Theorie wie auch seiner politischen Interventionen stand dabei stets die Verteidigung der Demokratie. Demokratische Legitimation funktioniert laut Habermas eben nur in dem Maße, in dem sie sich, wie er in seiner Rechtsphilosophie in »Faktizität und Geltung« (1992) zu zeigen versucht hat, der strategischen Absicht selbstinteressierter Akteure entzieht und in der Änderung des positiven Rechts den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« wirksam werden lässt.5 Eine allein auf den Ausgleich und die Koordination strategisch-instrumenteller Interessen gerichtete Demokratie ohne Geltungs- bzw. Wahrheitsanspruch oder eben, wie Habermas schrieb, »eine ›post-truth-democracy‹ […] wäre keine Demokratie mehr«.6 Hier, in der Post-truth-democracy eines Donald Trump zeigen sich die ganze Brisanz und Aktualität des Habermasschen Denkens wie auch die Tragik seines Lebensendes.
Schreiben wider die Tatmenschen vom Schlage Trumps und Putins
Bereits seit den 90er Jahren richteten sich die politischen Stellungnahmen von Habermas zunehmend auf die internationale Politik. Damit verließ nicht nur der Theoretiker, der längst Weltruhm genoss, sondern auch der politische Intellektuelle die Welt der nationalen Öffentlichkeit – aus schierer Sorge und in Verteidigung der vier Dimensionen, die sein Leben wohl am stärksten geprägt haben: des freien Westens inklusive eines Amerikas, in dem er viele Jahre gelebt und gelehrt hatte, Europas, der Demokratie und schließlich des Wahrheitsanspruchs in der Kommunikation.
Mit der Trump-Regierung, und zumal in ihrer Verbindung mit den globalen Tech- und KI-Konzernen, stehen alle diese Kategorien fundamental unter Beschuss. Doch die dahin gehende kritische Entwicklung hatte wesentlich früher eingesetzt. Bereits die Wiedervereinigung setzte die Nationalstaaten und auch Europa immer mehr unter Globalisierungsdruck. Mit Nine Eleven erfolgte dann der Einbruch einer radikalisierten, ideologisierten Religion, was Habermas mit dazu veranlasste, in seinem letzten Opus Magnum von über 1700 Seiten über die Gelingensbedingungen von Aufklärung und Religion nachzudenken.
Zunächst aber erhob Habermas massiven Einspruch gegen den »gespaltenen Westen« und den Irakkrieg der Bush-Regierung, ironischerweise Seit’ an Seit’ mit seinem einstigen postmodernen Gegenspieler Jacques Derrida. Im Zuge des Putinschen Eroberungskrieges musste sich Habermas dann auch immer stärker mit der von ihm eigentlich verachteten, da stark Carl-Schmitt-lastigen, Geopolitik auseinandersetzen.
Doch endgültig düster wurde seine Weltsicht unter der Ägide von Donald Trump. Das ganze Leben von Jürgen Habermas ist zu begreifen als der Versuch, den Anspruch der Moderne auf Fortschritt, auf Wahrheit und Demokratie, zu verteidigen. Insofern musste ihm eine Figur wie Trump als der Gegensatz seines Lebens schlechthin erscheinen. Und dennoch, ja umso mehr gab er seinen Kampf nicht auf, schrieb er unermüdlich weiter an Texten. Von Hegel stammt bekanntlich die Bezeichnung Napoleons als eines Weltgeists zu Pferde. »Weltgeist auf Papier« könnte man dagegen Habermas nennen – das Schreiben war ihm Lebenselixier. Das aber zeigt auch die ganze Fragilität seines Tuns. Papier ist bekanntlich geduldig, aber das Geschriebene wird deshalb noch lange nicht gelesen oder gar befolgt. Zumal in einer Zeit, da die Tatmenschen vom Schlage Trumps und Putins das Feld beherrschen.
Am Ende verließen Habermas die Kräfte und wohl auch der Wille zum Leben, nicht zuletzt wegen des Todes der zwei ihm vielleicht wichtigsten Menschen: Im Dezember 2023 starb seine Tochter Rebekka und im Juni 2025 auch noch Ute, seine Frau, die über 70 Jahre an seiner Seite gewesen war. Als wir ihn Ende 2025 in Starnberg besuchten, beklagte er die große Leere. Nun müssen wir seinen Kampf ohne ihn weiterführen.
1 Jürgen Habermas, Brief an W. Brandt, 8.2.1970, Vorlass, Archivzentrum UBA Ffm (Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, Frankfurt a.M.).
2 Mona Jäger, Wer soll diese SPD attraktiv finden?, in: »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 16.3.2026; darüber zum Tode von Jürgen Habermas der Kommentar von Patrick Bahners mit dem Titel »Frankfurter Lehre«.
3 Vgl. die umfangreiche Quellensammlung in Wolfgang Kraushaar, Die Frankfurter Schule und die Studentenbewegung, Hamburg 1998.
4 In der neuen Einleitung zu »Theorie und Praxis« spricht Habermas bewusst von der bei ihm durchaus subversiv zu verstehenden Institutionalisierung praktischer Diskurse, in Abgrenzung sowohl vom Konservatismus Niklas Luhmanns auch als auch vom Voluntarismus der radikalen Linken.
5 Jürgen Habermas, Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz, in: Jürgen Habermas und Niklas Luhmann, Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Frankfurt a.M. 1971, S. 137.
6 Jürgen Habermas, Religion in der Öffentlichkeit, in: Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt a.M. 2005, S. 119-154, hier: S. 150 f.