Der lange Marsch in ein gerechteres Amerika | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Der lange Marsch in ein gerechteres Amerika

Rede von Barack Obama, US-Senator und Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei, gehalten am 18.März 2008 im Constitution Center, Philadelphia (Wortlaut)

von Barack Obama

Der Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei zwischen Senator Barack Obama aus Chicago und der New Yorker Senatorin Hillary Clinton hat in den vergangenen Wochen an Schärfe zugenommen. Dabei haben sich auch die persönlichen Angriffe verstärkt, und zwar insbesondere aus dem Lager Hillary Clintons, die bei den Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag der Demokraten im August deutlich zurückliegt. Im März geriet Barack Obama allerdings noch aus einem anderen Grund unter Druck: Pastor Jeremiah Wright von der „Trinity United Church of Christ“, zu dem Obama eine enge Beziehung unterhält, hatte in Predigten, die im Internet über YouTube verbreitet wurden, harsche Kritik an der Außenpolitik der Vereinigten Staaten und am Rassismus der amerikanischen Gesellschaft geübt. Aus diesem Grund sah sich Obama zu einer öffentlichen Reaktion veranlasst. In einer Rede in Philadelphia, die von den Medien umgehend als historisch eingestuft wurde, setzte er sich ausführlich mit den konkreten Vorwürfen gegen Wright wie auch mit dem allgemeinen Thema des Rassismus in der amerikanischen Geschichte und Gegenwart auseinander. Wir präsentieren Obamas in der Tradition des amerikanischen Liberalismus stehende Rede hier in eigener Übersetzung erstmals vollständig auf Deutsch. – D. Red.

„We the people, in order to form a more perfect union“1. Mit diesen einfachen Worten startete eine Gruppe von Männern, die sich vor 221 Jahren in einem – hier gegenüber auf der anderen Straßenseite immer noch stehenden – Saal versammelt hatte, Amerikas unwahrscheinliches Experiment in Sachen Demokratie. Bauern und Gelehrte, Staatsmänner und Patrioten, die einen Ozean überquert hatten, um Tyrannei und Verfolgung zu entkommen, erarbeiteten schließlich hier in Philadelphia auf einem bis zum Frühjahr 1787 andauernden Konvent ihre Unabhängigkeitserklärung.

Nun wurde das so entstandene Dokument zwar unterzeichnet, doch blieb es letztlich unvollendet. Es war befleckt von der Erbsünde dieser Nation, der Sklaverei. Dieses Thema spaltete die Kolonien und lähmte auch den Konvent, bis die Gründerväter sich entschlossen, den Sklavenhandel noch mindestens 20 Jahre länger zu erlauben und eine endgültige Lösung künftigen Generationen zu überlassen.

Aber natürlich trug unsere Verfassung die Antwort auf das Thema Sklaverei schon in sich – eine Verfassung, für die das Ideal der Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger vor dem Gesetz im Mittelpunkt stand; eine Verfassung, die dem Volk Freiheit und Gerechtigkeit versprach, und einen Bund, der mit der Zeit vervollkommnet werden konnte und sollte.

Doch es zeigte sich, dass Worte auf einem Stück Pergament nicht ausreichten, die Sklaven von ihren Ketten zu befreien oder Männern und Frauen jeglicher Hautfarbe und Glaubensüberzeugung ihre vollen Rechte und Pflichten als Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten zu verschaffen. Es bedurfte vieler Generationen von Amerikanern, die bereit waren, das ihre zu tun, um – durch Protest und Kampf, auf der Straße und vor Gericht, durch Bürgerkrieg und zivilen Ungehorsam, immer aber unter großen Gefahren – die Diskrepanz zu vermindern, die zwischen der Verheißung unserer Ideale und der jeweiligen Lebenswirklichkeit ihrer Zeit klaffte.

Das war eine der Aufgaben, die wir zu Beginn des gegenwärtigen Wahlkampfes auf die Tagesordnung setzten – den langen Marsch derer fortzuführen, die vor uns waren, den Marsch in ein gerechteres, gleicheres, freieres, sozialeres und wohlhabenderes Amerika. Ich entschied mich, in diesem historischen Augenblick für das Präsidentenamt zu kandidieren, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass wir den Herausforderungen unserer Zeit nicht begegnen können, wenn wir es nicht gemeinsam tun – indem wir unseren Bund vervollkommnen und begreifen, dass unsere Geschichten unterschiedlich sein mögen, aber dass gemeinsame Hoffnungen uns miteinander verbinden; dass wir vielleicht verschieden aussehen und unterschiedlicher Herkunft sind, aber alle in die gleiche Richtung streben – einer besseren Zukunft für unsere Kinder und Enkel entgegen.

Diese Überzeugung verdanke ich meinem unerschütterlichen Vertrauen auf den Anstand und die Großzügigkeit des amerikanischen Volkes. Aber sie erwächst auch aus meiner persönlichen American story.

Ich bin der Sohn eines schwarzen Mannes aus Kenia und einer weißen Frau aus Kansas. Mich großzuziehen halfen ein weißer Großvater, der die Weltwirtschaftskrise überstanden und während des Zweiten Weltkrieges in General Pattons Armee gekämpft hatte, und eine weiße Großmutter, die während seiner Dienstzeit in Europa am Fließband einer Bomberfabrik in Fort Leavenworth stand. Ich habe einige der besten Schulen Amerikas besucht und in einem der ärmsten Länder der Welt gelebt. Ich bin mit einer schwarzen Amerikanerin verheiratet, in deren Adern das Blut von Sklaven und Sklavenhaltern fließt – ein Erbe, das wir an unsere beiden geliebten Töchter weitergeben. Ich habe Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen, Onkel und Vetter jeglicher Rasse und jeglicher Hautfärbung, über drei Kontinente verstreut, und ich werde mein Leben lang niemals vergessen, dass eine Lebensgeschichte wie meine in keinem anderen Land der Erde möglich wäre.

Mit dieser Lebensgeschichte bin ich nicht gerade der konventionellste Kandidat. Aber diese Geschichte hat mich geradezu genetisch auf das Ideal festgelegt, dass diese Nation mehr ist als die Summe ihrer Teile – dass wir eben wirklich in der Vielfalt eins sind.2

Das ganze erste Jahr dieses Wahlkampfes hindurch konnten wir, allen gegenteiligen Voraussagen zum Trotz, erleben, wie sehr das amerikanische Volk nach einer solchen Botschaft der Einheit gehungert hat. Obwohl die Versuchung besteht, meine Kandidatur bloß durch die Brille der Rassenfrage zu betrachten, haben wir auch in ganz überwiegend von Weißen bewohnten Staaten überwältigende Siege errungen. Selbst in South Carolina, wo immer noch die Flagge der Konföderierten weht, brachten wir schwarze und weiße Amerikaner in einer machtvollen Koalition zusammen.

Die Kontroverse um Reverend Jeremiah Wright

Das heißt nicht, dass die Rassenfrage im Wahlkampf keine Rolle gespielt hat. Es kam vor, dass ich den einen Kommentatoren „zu schwarz“ und den anderen „nicht schwarz genug“ war. In der Woche vor der South-Carolina-Vorwahl kochten plötzlich Rassenspannungen hoch. Die Presse forschte bei jedem exit poll unermüdlich nach den neuesten Anzeichen einer Rassenpolarisierung, nicht nur zwischen Weiß und Schwarz, sondern auch zwischen Schwarz und Braun.

Dennoch hat die Rassendebatte in diesem Wahlkampf erst während der letzten Wochen eine Wendung genommen, die wirklich Zwietracht zu säen droht.

Auf der einen Seite des politischen Spektrums war die Unterstellung zu hören, meine Kandidatur sei eine Art Übung in Affirmative Action; sie basiere allein darauf, dass blauäugige Liberale und Linke sich nach einer Rassenversöhnung zu Rabattpreisen sehnen. Auf der anderen Seite hat mein früherer Pastor, Reverend Jeremiah Wright, mit aufwieglerischen Worten Ansichten formuliert, die nicht nur den Graben zwischen den Rassen vertiefen könnten, sondern obendrein unserer Nation sowohl ihre Größe als auch ihre Gutherzigkeit absprechen; Ansichten also, durch die sich Weiße wie Schwarze gleichermaßen zu Recht verletzt fühlen.

Ich habe die Äußerungen des Reverend Wright, die solchen Streit verursachten, bereits unzweideutig verurteilt. Doch für manche bleiben quälende Fragen zurück. War mir bekannt, dass er Amerikas Innen- wie Außenpolitik gelegentlich scharf kritisiert? – Natürlich. – Hat er, als ich in seiner Kirche saß, jemals Äußerungen getan, die kontrovers aufgenommen werden könnten? – Aber ja. – Ob ich viele seiner politischen Ansichten entschieden ablehne? – Unbedingt – genau so wie sicherlich viele unter Ihnen aus dem Mund ihrer Pastoren, Priester oder Rabbiner Dinge gehört haben, die Sie entschieden ablehnen.

Doch die Äußerungen, die jüngst einen solchen Sturm entfesselt haben, waren nicht bloß kontrovers. Es handelte sich nicht einfach darum, dass ein Kirchenvertreter Dinge anprangert, die er für ungerecht hält. Nein, in besagten Äußerungen kam eine völlig verzerrte Vorstellung von diesem Lande zum Ausdruck – eine Sichtweise, die den weißen Rassismus für endemisch hält, und die Amerikas Mängel höher veranschlagt als alles, was wir an Amerika schätzen; eine Sichtweise, der zufolge die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten primär aus dem Verhalten treuer Verbündeter wie Israel erwachsen und nicht etwa Ausfluss der perversen, hasserfüllten Ideologien des radikalen Islam sind.

Insofern waren Reverend Wrights Anmerkungen nicht nur falsch, sondern spalterisch – und dies in einer Zeit, in der wir einig sein müssen; voll rassischer Vorurteile in einer Zeit, in der wir zusammenfinden müssen, um ein ganzes Knäuel ungeheurer Probleme lösen zu können – zwei Kriege, die Terrorismusgefahr, eine wankende Volkswirtschaft, die chronische Krise im Gesundheitswesen und einen Klimawandel mit womöglich verheerenden Folgen; lauter Probleme, die weder schwarz noch weiß, weder Asiaten- noch Latino-Probleme sind, sondern Probleme, die uns alle betreffen.

Angesichts meines Werdegangs, meiner Politik, meiner erklärten Wertvorstellungen und Ideale wird es zweifellos Leute geben, denen die Verurteilung nicht ausreicht, die ich in diversen Stellungnahmen klar ausgesprochen habe. Warum ich mich überhaupt mit Reverend Wright eingelassen habe, werden sie vielleicht fragen. Warum hätte ich mich nicht für eine andere Kirche entschieden? Und ich gestehe, dass ich zweifellos ganz ähnlich reagieren würde – wenn alles, was ich über Reverend Wright wüsste, die Bruchstücke aus jenen Predigten wären, die im Fernsehen und bei YouTube in einer wahren Endlosschleife liefen, oder wenn die Trinity United Church of Christ den Karikaturen entspräche, mit denen manche Kommentatoren hausieren gehen.

Aber in Wahrheit ist das eben nicht alles, was ich über den Mann weiß. Der Mann, den ich vor über 20 Jahren kennenlernte, ist jemand, der mir half, meinen christlichen Glauben zu finden, jemand, der mit mir über unsere Pflicht sprach, einander zu lieben, die Kranken zu pflegen und die Armen aufzurichten. Reverend Wright ist ein Mann, der seinem Land als Marineinfanterist gedient hat, der an einigen der besten Universitäten und Seminare dieses Landes studiert und gelehrt hat und seit über 30 Jahren eine Kirche leitet, die der Gemeinschaft dient, indem sie Gottes Werk hier auf Erden verrichtet – indem sie die Obdachlosen beherbergt, den Bedürftigen hilft, häusliche Pflegedienste, Stipendien und geistliche Betreuung in den Gefängnissen organisiert und sich um Aids-Kranke kümmert.

In „Dreams From My Father“ – meinem ersten Buch – habe ich beschrieben, welches Erlebnis mein erster Gottesdienst in der Trinity-Kirche für mich war:

„Die Menschen begannen zu schreien, erhoben sich von ihren Sitzen, klatschten in die Hände, stießen Rufe aus, ja wie ein starker Windzug trug es die Stimme des Reverend bis zu den Deckenbalken hinauf [...] Und in diesem großen Zusammenklang – Hoffnung! – hörte ich noch etwas anderes; am Fuße des Kreuzes dort und in den Tausenden von Kirchen der ganzen Stadt verschmolzen in meiner Vorstellung die Geschichten einfacher schwarzer Menschen mit den Geschichten von David und Goliath, Moses und Pharao, den Christen in der Löwengrube, mit Hesekiels Tal der Knochen. Diese Geschichten – vom Überleben, von Freiheit und Hoffnung – wurden zu unserer Geschichte, meiner Geschichte; das vergossene Blut war unser Blut, die Tränen unsere Tränen; bis diese schwarze Kirche schließlich, an diesem sonnigen Tag, erneut einem Gefäß glich, das die Geschichte eines Volkes in sich barg, weiterzugeben an künftige Generationen und in die ganze Welt hinaus; unsere Prüfungen und unsere Triumphe erschienen mir einmalig und universell zugleich, schwarz und mehr als schwarz; indem sie die Chronik unserer Reise festhielten, ermöglichten es uns diese Geschichten und Lieder, Erinnerungen wachzurufen, deren wir uns nicht schämen mussten – Erinnerungen, die vielleicht alle Menschen kennen- und schätzen lernen – und mit denen wir uns an den Wiederaufbau machen könnten.“3

So habe ich Trinity kennengelernt. Wie andere vorwiegend von Schwarzen geprägte Kirchen im ganzen Lande umfasst Trinity die schwarze Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit – den Arzt und die Sozialhilfeempfängerin, den Musterschüler und den jugendlichen Ex-Gangster. Wie in anderen schwarzen Kirchen sind auch bei Trinity die Gottesdienste von rauem Gelächter und einem manchmal derben Humor erfüllt, von Tanzen, Händeklatschen, Geschrei, ja Gebrüll, das in ungeübten Ohren schrill klingen mag. In dieser Kirche findet sich die ganze Fülle an Güte und Grausamkeit, der klare Verstand und die erschreckende Unwissenheit, die Kämpfe und Erfolge, die Liebe und – ja! – auch die Bitterkeit und die Vorurteile, die Amerikas black experience ausmachen.

Vielleicht hilft dies, mein Verhältnis zu Reverend Wright zu verstehen. So unvollkommen er sein mag, für mich gehört er zur Familie. Er hat meinen Glauben gefestigt, hat mich getraut und meine Kinder getauft. So oft wir uns miteinander unterhielten, habe ich ihn nie abfällig über irgendeine ethnische Gruppe sprechen hören, noch habe ich je erlebt, dass er Weiße, mit denen er zu tun hatte, anders behandelte als höflich und respektvoll. Er trägt die Widersprüche – das Gute und das Schlechte – der Gemeinschaft in sich, der er seit so vielen Jahren gewissenhaft dient.

Ich kann ihn ebenso wenig verleugnen, wie ich die schwarze Gemeinschaft verleugnen kann. Ich kann ihn so wenig verleugnen wie meine weiße Großmutter – eine Frau, die mich großziehen half, die unzählige Opfer für mich gebracht hat, eine Frau, die mich liebt wie nur irgendetwas auf dieser Welt; aber auch eine Frau, die mir einst gestand, Angst zu haben, wenn schwarze Männer ihr auf der Straße begegneten, und die mehr als einmal rassische oder ethnische Klischees von sich gab, die mich zusammenzucken ließen.

Diese Menschen gehören zu mir. Und sie gehören zu Amerika, diesem Land, das ich liebe. Manche werden diese Worte als einen Versuch aufnehmen, Äußerungen zu rechtfertigen oder jedenfalls zu entschuldigen, die schlechterdings unentschuldbar sind. Doch ich versichere Ihnen, so ist es nicht. Politisch am sichersten wäre es vermutlich, über diese Episode einfach hinwegzugehen und zu hoffen, dass Gras darüber wächst. Wir könnten Reverend Wright als Sonderling oder als Demagogen abtun, so wie manche Geraldine Ferraro nach ihren jüngsten Äußerungen mit dem Kommentar abtaten, sie habe nun einmal tiefsitzende Rassenvorurteile.4

Doch ich glaube nicht, dass dieses Land es sich gegenwärtig leisten kann, die Rassenfrage einfach zu ignorieren. Wir würden dann den gleichen Fehler machen, den Reverend Wright in seinen anstößigen Predigten beging – das Negative so sehr zu versimpeln, in Klischees zu pressen und aufzubauschen, dass es die Realität völlig verzerrt.

Die Worte, die in den letzten Wochen gefallen sind, und die dabei aufgetretenen Streitfragen sind in Wirklichkeit Ausdruck der Komplexität, welche die Rassenfrage in unserem Lande kennzeichnet und die wir bis heute nicht wirklich bewältigt haben – ein Bereich, in dem unser Bund erst noch vollendet werden muss. Und wenn wir uns jetzt drücken, wenn jeder sich einfach in seine Ecke zurückzieht, dann werden wir es niemals schaffen, uns zusammenzutun, um die Herausforderungen im Gesundheitswesen zu bewältigen, oder im Bildungswesen, oder die Aufgabe, für jede Amerikanerin und jeden Amerikaner einen guten Job zu finden.

Die von früheren Generationen ererbten Ungleichheiten

Um die heutige Situation zu verstehen, müssen wir uns in Erinnerung rufen, wie wir hierher gelangt sind. William Faulkner schrieb einmal: „Die Vergangenheit ist nicht tot und begraben. In Wahrheit ist sie nicht einmal vergangen.“ Es ist nicht nötig, hier die Geschichte rassischen Unrechts in diesem Lande zu rekapitulieren. Aber was wir im Gedächtnis haben müssen, ist die Tatsache, dass sich viele der Gegensätze, die es heute in der afroamerikanischen Gemeinschaft gibt, unmittelbar auf von früheren Generationen ererbte Ungleichheiten zurückführen lassen; von Generationen, die unter dem brutalen Erbe der Sklaverei und der Rassendiskriminierung zu leiden hatten.

Schulen nur für Schwarze waren und sind schlechtere Schulen, aber es gibt sie, über 50 Jahre nach Brown versus Board of Education [der Entscheidung des Obersten Gerichtshof von 1954, die gesetzliche Rassentrennung aufzuheben – d. Übs.] immer noch. Und die schlechtere Ausbildung, die man dort erhielt und erhält, trägt zur Erklärung der Diskrepanz zwischen den Studienerfolgen schwarzer und weißer Studenten heute bei.

Es gab eine Zeit gesetzlich abgesicherter Diskriminierung – als Schwarze daran gehindert wurden, Eigentum zu erwerben, und dies oft mit Gewalt; afroamerikanische Firmeninhaber keine Kredite erhielten; schwarze Hausbesitzer keine Hypotheken der Federal Housing Administration (FHA) bekommen konnten; Schwarze keine Gewerkschaftsmitglieder werden durften, keine Polizisten oder Feuerwehrleute. Die Diskriminierung bewirkte, dass schwarze Familien keine Reichtümer anhäufen und an künftige Generationen vererben konnten. Diese Geschichte trägt zur Erklärung des Wohlstands- und Einkommensgefälles zwischen Schwarz und Weiß bei sowie zur Erklärung der Armenviertel, die es bis heute in so vielen städtischen wie ländlichen Gemeinden gibt.

Der Mangel an wirtschaftlichen Erfolgschancen für schwarze Männer sowie Scham und Frustration darüber, die eigene Familie nicht ernähren zu können, trugen zur Zerrüttung vieler schwarzer Familien bei – ein Problem, das die Sozialpolitik seit vielen Jahren möglicherweise noch verschlimmert hat.

Auch der Mangel an öffentlichen Dienstleistungen in so vielen schwarzen Vierteln der Städte – an Kinderspielplätzen, Polizeistreifen, regelmäßiger Müllabfuhr und Bauaufsicht – hat dazu beigetragen, dass ein Teufelskreis aus Gewalttätigkeit, Passivität und Vernachlässigung entstand, in dessen Bann wir immer noch stehen.

Schwarzer Zorn und weiße Ressentiments

Das ist die Realität, in der Reverend Wright und andere Afroamerikaner seiner Generation aufwuchsen. Ins Erwachsenenalter traten sie Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre ein, zu einer Zeit also, als die Rassentrennung im Land noch Gesetzeskraft besaß und ihre Entwicklungschancen systematisch beschnitten wurden. Beachtung verdient daher weniger, wie viele angesichts der Diskriminierungen scheiterten, sondern vielmehr, wie viele Männer und Frauen diese Hürden nahmen; wie viele es geschafft haben, die Ausweglosigkeit zu überwinden und Wege zu bahnen – für diejenigen, die nach ihnen kommen würden wie ich.

Aber so vielen es auch mit Zähnen und Klauen gelang, sich wenigstens ein Stück vom American Dream zu erkämpfen – viel zu viele haben es nicht geschafft: all jene, die der Diskriminierung letzten Endes auf die eine oder andere Weise erlegen sind. Das Erbe dieser Niederlage lastet auf nachfolgenden Generationen, auf jenen jungen Männern und immer öfter auch jungen Frauen, die wir an Straßenecken herumstehen sehen oder die in unseren Gefängnissen schmachten, ohne Hoffnung und ohne Perspektiven. Aber Rassen- und Rassismusfragen bestimmen selbst bei jenen Schwarzen, die ihren Weg gemacht haben, von Grund auf die Weltsicht. Für die Männer und Frauen der Generation, der Reverend Wright angehört, sind die Erinnerungen an Demütigung, Zweifel und Angst nicht einfach weg; ebenso wenig der Zorn und die Bitterkeit jener Jahre. Dieser Zorn kommt vielleicht nicht öffentlich, in Gegenwart weißer Mitarbeiter oder Freunde, zum Ausdruck. Aber beim Friseur oder am Küchentisch kommt er zu Wort. Manchmal wird dieser Zorn von Politikern ausgenutzt, die auf Stimmenfang Rassenunterschiede hochspielen oder von eigenen Fehlleistungen ablenken wollen.

Und bei Gelegenheit kommt er auch sonntagmorgens in der Kirche zu Wort, auf der Kanzel und in den Bankreihen. Dass es so viele Leute überrascht, diesem Zorn in einigen der Predigten von Reverend Wright zu begegnen, ruft uns eine Binsenwahrheit in Erinnerung: Der Sonntagmorgen ist jener Moment im amerikanischen Leben, den die Rassentrennung am stärksten prägt. Dieser Zorn ist nicht immer produktiv; nur zu oft lenkt er die Aufmerksamkeit von der Lösung echter Probleme ab. Er hält uns davon ab, der Tatsache ins Gesicht zu sehen, dass wir selbst Anteil haben an unserer Situation, und er hindert die afroamerikanische Gemeinschaft daran, die Bündnisse zu schmieden, die sie braucht, um echten Wandel zu schaffen. Aber der Zorn ist real; er ist stark; und wenn man versucht, ihn einfach wegzuwünschen, ihn verdammt, ohne zu begreifen, woraus er erwächst, führt das allein dazu, die tiefe Kluft aus Nichtverstehen und Verständnislosigkeit, die die Rassen trennt, noch zu vertiefen.

In Teilen der weißen Gemeinschaft gibt es eine ähnliche Wut. Die meisten weißen Amerikaner aus Arbeiterklasse und Mittelschicht haben nicht das Gefühl, aufgrund ihrer Hautfarbe besonders bevorzugt zu sein. Ihre Erfahrungswelt ist die der Einwanderer – und deren Erfahrung besagt, dass niemand ihnen irgendwas geschenkt hat. Alles haben sie sich selbst aufbauen müssen. Sie haben bei Null angefangen und ihr Leben lang hart gearbeitet, nur um immer wieder erleben zu müssen, wie ihre Arbeitsplätze ins Ausland exportiert werden oder wie man sie nach all den Arbeitsjahren um ihre Renten betrügt. Sie haben Angst vor der Zukunft und spüren, wie ihre Träume zunichte werden. In einem Zeitalter stagnierender Löhne und globaler Konkurrenz scheinen Glück und Erfolg sich in ein Nullsummenspiel verwandelt zu haben: Deine Träume gehen auf meine Kosten. Wenn man ihnen dann sagt, sie sollten ihre Kinder per busing in eine Schule am anderen Ende der Stadt schicken; wenn sie hören, dass ein Afroamerikaner bevorzugt wird und einen guten Job oder einen Studienplatz in einem guten College bekommt, zum Ausgleich für Unrecht, das sie selbst gar nicht begangen haben; wenn man ihnen sagt, ihre Angst vor der Kriminalität im Viertel beruhe auf Vorurteilen, dann staut sich mit der Zeit Verbitterung auf.

Genau wie der Zorn innerhalb der schwarzen Gemeinschaft werden auch diese Ressentiments selten offen artikuliert, so lange man zivilisiert zusammensitzt. Aber seit mindestens einer Generation haben sie die politische Landschaft entscheidend mitgestaltet. Verärgerung über die Sozialhilfepolitik und Affirmative Action trug dazu bei, die Reagan- Koalition zu schmieden. Die Angst vor Kriminalität wird von Politikern gewohnheitsmäßig zu Wahlkampfzwecken ausgebeutet. Manche Talkshow-Routiniers und konservative Kommentatoren konnten Karriere machen, indem sie unberechtigte Rassismusvorwürfe pompös entlarvten und gleichzeitig berechtigte Kritik an rassenbedingter Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung als Political Correctness oder umgekehrten Rassismus abtaten.

Ebenso wie der schwarze Zorn sich oft als kontraproduktiv erwies, haben auch diese weißen Ressentiments die Aufmerksamkeit von dem abgelenkt, was an der Mittelschichten-Misere in Wirklichkeit schuld ist – nämlich eine von Insidergeschäften, fragwürdigen Bilanzierungspraktiken und kurzatmiger Gier geprägte Unternehmenskultur; ein Washington, das von Lobbyisten und Partikularinteressen beherrscht ist; eine Wirtschaftspolitik, welche die wenigen gegenüber der Mehrzahl begünstigt. Doch auch für die Ressentiments weißer Amerikaner gilt: Sie als irregeleitet oder gar als rassistisch zu etikettieren, ohne zu erkennen und anzuerkennen, dass sie aus berechtigten Sorgen erwachsen – dies vertieft ebenfalls die Rassenspaltung und blockiert den Pfad zur Verständigung.

Auf vollständiger Gleichberechtigung bestehen

Genau an diesem Punkt stehen wir jetzt. Ein „Patt“ zwischen den Rassen, in dem wir seit Jahren feststecken. Anders als einige meiner Kritiker, schwarze und weiße, behaupten, war ich nie so naiv zu glauben, wir könnten unsere Rassengegensätze im Zuge eines einzigen Wahlkampfes oder allein dadurch, das jemand kandidiert, überwinden – zumal wenn die Kandidatur so wenig perfekt ist wie meine.

Aber ich stehe zu meiner festen Überzeugung – einer Überzeugung, die in meinem Glauben an Gott und in meinem Glauben an das amerikanische Volk wurzelt: Wenn wir zusammenarbeiten, können wir über einige unserer alten Wunden aus der Rassenspaltung hinwegkommen; ja wir haben gar keine andere Wahl, wenn wir auf dem Weg zu einem vollkommeneren Bund vorankommen wollen.

Dieser Weg bedeutet für die afroamerikanische Gemeinschaft, die Bürde unserer Vergangenheit auf uns zu nehmen, ohne ihr Opfer zu werden. Es heißt, weiterhin für jeden Aspekt des amerikanischen Lebens auf vollständiger Gleichberechtigung zu bestehen. Doch es bedeutet auch, dass wir unsere spezifischen Sorgen – bessere Gesundheitsversorgung, bessere Schulen und bessere Jobs – mit den weiter reichenden Bestrebungen aller Amerikaner in Einklang bringen: mit denen der weißen Frau, die gegen die „gläserne Decke“ ankämpfen muss; des weißen Mannes, der seine Arbeit verloren hat; des Einwanderers, der seine Familie zu ernähren versucht. Und es bedeutet, dass wir die volle Verantwortung dafür übernehmen, wie wir leben – indem wir unsere Väter stärker fordern und mit unseren Kindern mehr Zeit verbringen, ihnen vorlesen und sie lehren, dass sie in ihrem Leben auch angesichts aller Schwierigkeiten, ja Diskriminierungen niemals verzweifeln oder dem Zynismus verfallen dürfen. Sie müssen stets an der Zuversicht festhalten, dass sie ihr Schicksal selbst bestimmen können.

Genau dies aber ist paradoxerweise die uramerikanische – und, in der Tat, konservative – Idee der Selbsthilfe, die in den Predigten Reverend Wrights so häufig zum Ausdruck kommt. Allerdings fehlte es meinem früheren Pastor allzu oft an der Einsicht, dass ein Selbsthilfeprogramm auch den Glauben an die Wandlungsfähigkeit der Gesellschaft voraussetzt.

Der grundlegende Fehler in Reverend Wrights Predigten besteht nicht darin, dass er den Rassismus in unserer Gesellschaft zur Sprache brachte. Der Fehler besteht darin, dass er so sprach, als ob unsere Gesellschaft statisch wäre, als hätte es keinen Fortschritt gegeben, als wäre dieses Land – ein Land, das es einem seiner eigenen Gemeindemitglieder ermöglicht hat, sich um das höchste Amt im Staate zu bewerben und eine Koalition aus Weiß und Schwarz zu schmieden, aus Latinos und Asiaten, Reichen und Armen, Jung und Alt – als wäre dieses Land dennoch unwiderruflich einer tragischen Vergangenheit verhaftet. Aber wir wissen doch – und haben gesehen –, dass Amerika sich wandeln kann. Genau darin besteht doch der Geist, der diese Nation beseelt. Was wir schon erreicht haben, erfüllt uns mit Hoffnung – the audacity of hope5 – auf das, was wir morgen erreichen können und müssen.

Für die weiße Gemeinschaft bedeutet der Weg hin zu einem vollkommeneren Bund anzuerkennen, dass die Schmerzen der afroamerikanischen Gemeinschaft nicht nur in den Köpfen der Schwarzen existieren; sondern dass das Erbe der Diskriminierung gegenwärtig ist und dass auch heute – nur weniger offen – diskriminiert wird; dass also Diskriminierung eine Tatsache ist und man sich mit ihr auseinandersetzen muss. Nicht nur in Worten, sondern in Taten – durch Investitionen in unsere Schulen und unsere Gemeinschaften; durch konsequente Anwendung unserer Bürgerrechtsgesetze und die Gewährleistung fairer Prozesse in unserer Strafjustiz; dadurch, dass dieser Generation Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet werden, die es für frühere Generationen nicht gab. Es erfordert, dass alle Amerikaner begreifen: Deine Träume müssen nicht auf Kosten meiner Träume gehen; Investitionen ins Gesundheitswesen, in Sozialsysteme und in die Bildung schwarzer und brauner und weißer Kinder kommen letztlich ganz Amerika zugute.

Letzen Endes geht es also um nicht mehr und nicht weniger als das, was alle großen Weltreligionen fordern: dass wir andere so behandeln, wie wir selbst von ihnen behandelt werden möchten. Lasst uns unseres Bruders Hüter sein, wie die Heilige Schrift lehrt. Seien wir die Hüter unserer Schwester. Erkennen wir, dass wir alle füreinander da sind, und sorgen wir dafür, dass dieser Geist auch die Politik erfüllt.

Wir stehen nämlich in diesem Lande vor einer Entscheidung. Wir können einer Politik zustimmen, die Spaltung, Streit und Zynismus erzeugt. Wir können die Rassenfrage als bloßes Spektakel behandeln – wie im Prozess gegen O.J. [Simpson 1995 – D. Übs.] – oder nur dann zur Kenntnis nehmen, wenn es zu Tragödien kommt, etwa im Gefolge des Hurrikans Katrina – oder lediglich als Stoff für die Abendnachrichten.

Wir können Reverend Wrights Predigten über alle Kanäle ausstrahlen, tagtäglich, und bis zum Wahltag immer weiter über sie reden, als ginge es in diesem Wahlkampf einzig und allein um die Frage, ob die Amerikaner glauben, dass ich mit diesen verletzenden Äußerungen irgendwie sympathisiere, oder ob sie das nicht glauben. Wir können uns über irgendwelche Ausrutscher von Hillary-Wahlkämpfern empören, als ob diese bewiesen, dass sie die Rassenkarte ausspielen will. Wir können auch Mutmaßungen darüber anstellen, ob weiße Männer scharenweise John McCain zuströmen werden, egal welche Politik er propagiert.

Wir können es so machen.

Worüber wir diesmal sprechen wollen

Aber ich sage Euch, wenn wir das tun, werden wir bei den nächsten Wahlen wieder über irgendeine Ablenkung reden. Danach über eine neue und immer so weiter. Und verändern wird sich gar nichts.

Das ist die eine Option. Oder wir kommen hier und heute, bei dieser Wahl, zusammen und sagen: „Diesmal nicht.“ Diesmal wollen wir über die verfallenden Schulen reden, die schwarzen Kindern und weißen Kindern und asiatischen Kindern und hispanischen Kindern und den Kindern der Native Americans [der „Indianer“ – D. Übs.] die Zukunft stehlen. Diesmal wollen wir dem Zynismus entgegentreten, der uns belehren will, diese Kinder könnten nicht lernen, und der behauptet, diese Kinder da, die anders aussehen als wir, gingen uns nichts an.

Die Kinder Amerikas sind nicht „diese Kinder da“ – es sind unsere Kinder, und wir werden nicht zulassen, dass sie unter den wirtschaftlichen Bedingungen des 21. Jahrhunderts ins Hintertreffen geraten. Diesmal nicht.

Diesmal wollen wir darüber sprechen, dass Weiße und Schwarze und Hispanics, die keine Krankenversicherung haben, in den Notaufnahmestationen Schlange stehen; auf sich allein gestellt haben sie nicht die Kraft, Washingtons Lobbyisten zu überwinden, doch wenn wir gemeinsam zupacken, ist es zu schaffen.

Diesmal wollen wir über die geschlossenen Fabriken sprechen, die es einst Männern und Frauen jeder Hautfarbe ermöglichten, anständig zu leben, und über die geräumten Häuser, die einst Amerikanern jeglicher Religionszugehörigkeit, aus jedem Teil des Landes und mit jeder Art Lebenslauf gehört haben. Diesmal wollen wir darüber sprechen, dass das Problem nicht darin besteht, dass irgendwer, der anders aussieht als Du, Dir den Job wegnehmen könnte; es besteht darin, dass die Firma, für die Du arbeitest, Deinen Arbeitsplatz um des bloßen Profits willen ins Ausland verlagert.

Diesmal wollen wir über die Männer und Frauen jeglicher Hautfarbe und Religionszugehörigkeit sprechen, die unter derselben stolzen Flagge gemeinsam dienen, gemeinsam kämpfen und gemeinsam bluten. Wir wollen darüber sprechen, wie man sie heimholen kann – aus einem Krieg, der niemals hätte autorisiert und niemals hätte geführt werden dürfen. Und wir wollen darüber sprechen, wie wir unseren Patriotismus beweisen können, indem wir für sie sorgen, für sie und ihre Familien, und ihnen die Leistungen zukommen lassen, die ihnen zustehen.

Ich würde nicht für das Präsidentenamt kandidieren, wäre ich nicht aus ganzem Herzen überzeugt, dass die überwältigende Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner genau dies für unser Land will. Mag sein, dass unser Bund niemals perfekt sein wird, aber eine Generation nach der anderen hat gezeigt, dass er immer weiter verbessert werden kann. Und heute finde ich – wann immer mich selbst Zweifel oder zynische Gedanken überkommen, ob diese Möglichkeit wirklich besteht – meine größte Hoffnung in der neuen Generation. Bei den jungen Leuten, deren Einstellung, Überzeugung und Aufgeschlossenheit für den Wandel schon in diesem Wahlkampf Geschichte geschrieben haben.

Bevor ich heute gehe, möchte ich ihnen vor allem noch etwas erzählen – eine Geschichte, die ich erzählen durfte, als ich die große Ehre hatte, anlässlich des Geburtstages von Dr. King in seiner heimatlichen Kirche, der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, zu sprechen.

Die Geschichte handelt von einer jungen Frau namens Ashley Baia, 23 Jahre alt, die für uns in Florence, South Carolina, Wahlkampf gemacht hat. Seit Wahlkampfbeginn hatte sie sich hauptsächlich in einer afroamerikanischen Gemeinschaft engagiert, und eines Tages nahm sie an einer Gesprächsrunde teil, in der jeder der Reihe nach aus seinem Leben erzählte und darüber, warum er gekommen war.

Ashley berichtete, dass, als sie neun Jahre alt war, ihre Mutter Krebs bekommen habe. Und weil sie an manchen Tagen nicht zur Arbeit gehen konnte, wurde die Mutter entlassen und verlor ihre Krankenversicherung. Sie mussten Insolvenz anmelden – und da entschied Ashley, dass sie etwas unternehmen musste, um ihrer Mutter zu helfen. Sie wusste, dass Essen sie besonders viel Geld kostete, also überzeugte Ashley ihre Mutter davon, dass sie am liebsten, lieber als alles andere, Sandwich mit Senf äße. Das war nämlich die billigste Art zu essen.

So hielt sie es ein ganzes Jahr lang, bis es der Mutter besser ging. Und der Grund, für uns Wahlkampf zu machen – so erzählte sie der ganzen Runde – war der, dass sie den Millionen anderer Kinder im Lande helfen wollte, die ihre Eltern ebenso unterstützen wollen und müssen.

Ashley hätte sich sicher auch anders entscheiden können. Vielleicht hat sie ja Leute getroffen, die ihr sagten, an den Problemen ihrer Mutter seien Schwarze schuld, die Sozialhilfe kassierten und zu faul zum Arbeiten seien; oder Hispanics, die illegal ins Land kommen. Aber Ashley hat sich nicht anders entschieden. Sie suchte sich für ihren Kampf gegen die Ungerechtigkeit Verbündete.

Wie dem auch sei: Ashley beendet ihre Geschichte und geht dann im Saal umher, fragt einen nach dem anderen, warum er die Kampagne unterstützt. Jeder hat eine andere Geschichte und andere Gründe. Viele bringen ein ganz spezifisches Problem zur Sprache. Schließlich steht sie vor diesem ziemlich alten schwarzen Mann, der die ganze Zeit über still dagesessen hat. Und Ashley fragt ihn, warum er da ist. Er bringt kein bestimmtes Thema zur Sprache. Er redet nicht über Krankenversicherung oder über die Wirtschaft. Nicht über das Bildungswesen oder über den Krieg. Er sagt nicht, er sei wegen Barack Obama gekommen. Er sagt ganz einfach in die Runde: „Ich bin wegen Ashley hier.“

„Ich bin wegen Ashley hier.“ Für sich genommen, ist dieser Moment der Anerkennung – zwischen einem weißen Mädchen und einem alten Schwarzen – nicht genug. Er genügt nicht, um den Kranken ärztliche Hilfe, den Arbeitslosen Arbeit oder unseren Kindern eine gute Ausbildung zu verschaffen.

Aber dieser Moment ist ein Anfang. In ihm gewinnt unser Bund an Kraft. Und wie im Laufe der 221 Jahre, seit einige Patrioten in Philadelphia jenes Dokument unterschrieben, so viele Generationen erfahren haben: Mit einem solchen Moment beginnt der Weg der Vervollkommnung.

1 „Wir, das Volk [der Vereinigten Staaten], von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen.“
2 Obama übersetzt hier sozusagen das lateinische Motto „e pluribus unum“ im US-Staatssiegel – D. Übs.
3 Barack Obama, Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance, New York 2004 [1995]; vgl. die deutsche Ausgabe: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie, München 2008, S. 302.
4 Geraldine Ferraro, 1984 selbst Vizepräsidentschaftskandidatin der Demokraten, hatte gesagt: „Wenn Obama ein weißer Mann wäre, wäre er nicht in dieser Position. Wenn er eine Frau wäre, wäre er ebenfalls nicht in dieser Position. Er kann glücklich sein, dass er ist, was er ist.“ Im Zuge der öffentlichen Kontroverse um diese Worte trat sie als Wahlkampfberaterin Clintons zurück. – D. Red.
5 „The Audacity of Hope: Thoughts on Reclaiming the American Dream“ lautet der Originaltitel von Barack Obamas jüngstem Buch (New York 2006; deutsche Ausgabe: Hoffnung wagen, München 2007). – D. Übs.

(aus: »Blätter« 5/2008, Seite 112-121)
Themen: USA, Rassismus und Geschichte

top