Papst Benedikt oder Die große Täuschung | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Papst Benedikt oder Die große Täuschung

Sexueller Missbrauch und die Geheimschreiben des Vatikan

von Uta Ranke-Heinemann

Nicht nur in Irland und in den USA, sondern auch in kirchlichen Kindergärten, Heimen und Internaten der Bundesrepublik werden wir gegenwärtig mit einer Welle von Pädophiliefällen konfrontiert. Doch warum fast ausschließlich nur in der katholischen Kirche? Sind Protestanten weniger pädophil veranlagt als Katholiken?

Grundsätzlich gewiss nicht. Pädophilie wird von allen verantwortungsvollen Menschen aller Religionen als ein Verbrechen gegenüber Kindern scharf abgelehnt, von den evangelischen Christen genauso wie von den katholischen Christen und vom Papst. Was jedoch das in diesen Tagen gebotene Schauspiel vieler katholischer Würdenträger betrifft – etwa der irischen Bischöfe, die sich in Rom beim Papst für ihre jahrzehntelange Vertuschung tausender Pädophiliefälle „entschuldigen“ –, sind wir Zeugen einer einzigen großen Irreführung.

In der Tagesschau vom 16. Februar sah man die Bischöfe an einem großen Tisch mit dem Papst zusammensitzen und „reuig“ Rat beim Heiligen Vater suchen. Der Papst betonte die besondere Verabscheuungswürdigkeit der Pädophilie; er nannte sie ein „abscheuliches Verbrechen“ und eine „Sünde gegen Gott“. Er wolle in Kürze einen Brief an die Iren schreiben und Hilfe für die Betroffenen anregen. Die „reuigen“ Bischöfe stimmten in allem zu. Der Fernsehzuschauer hatte jedoch keineswegs den Eindruck einer ernsten Aussprache, sondern eher den eines gemütlichen Kaffeetrinkens unter Freunden, auf dem Tisch fehlte nur der Kuchen. Kurzum: Die Szene in den Nachrichten passte nicht zu einem Bußgang von sündigen Bischöfen, denen der Papst die Leviten liest.

Hinzu kommt jedoch etwas wesentlich Gravierenderes: Papst Benedikt selbst trägt an dieser augenblicklichen Schwemme an Pädophiliefällen, verjährten und noch nicht verjährten, in besonderem Maße die Schuld und Verantwortung – und zwar nicht erst, seit er vor fünf Jahren, am 19. April 2005, in das Amt des Papstes beordert wurde.

Die Rede ist von den zwei lateinischen Geheimschreiben, die heute noch verschlossen im Tresor jedes Bischofs liegen. Das erste, aus dem Jahr 1962, stammt von Kardinal Ottaviani und trägt den Titel „Crimen sollicitationis“ (Verführung zu sexuellen Handlungen). Das zweite ist aus dem Jahr 2001; es stammt von Kardinal Ratzinger, dem damaligen Chef der Glaubenskongregation (früher die „heilige Inquisition“ genannt), persönlich und heißt „De delictis gravioribus“ (Von den schwersten Verbrechen). In diesen beiden Geheimschreiben wird die „ausschließliche Kompetenz des Vatikans“ betont, was die Ahndung von Pädophiliefällen anbelangt; gleichzeitig werden sämtliche Bischöfe unter Strafe der Exkommunikation aufgefordert, alle Pädophiliefälle ausschließlich und nur an den Vatikan zu melden. Nachdem also Kardinal Ratzinger seit 1981 allen Bischöfen das Geheimschreiben Kardinal Ottavianis von 1962 eingeschärft hatte, verpflichtete er sie 20 Jahre später auf sein eigenes Geheimschreiben. Beides mit demselben Ziel: nichts aus den Gemäuern der katholischen Kirche nach außen dringen zu lassen.

Das führte zu einer totalen Justizbehinderung gegenüber den staatlichen Gerichten, zu einer ständigen Versetzung der pädophilen Priester, die über Jahrzehnte hinweg an jedem Ort, an den sie von ihrem Bischof – nach einer sogenannten Therapie – versetzt wurden, ihr Unwesen weitertreiben konnten und immer weitertreiben werden.

Genau diese Geheimschreiben hatten die „reuigen“ irischen Bischöfe jahrzehntelang streng befolgt. Von einem Bußgang war denn auch – durchaus folgerichtig – nichts zu spüren. Es fielen bei dieser Kaffeeklatschrunde wohl einige ermahnende Worte des Papstes gegen Pädophilie im Allgemeinen, denen die Bischöfe wie jeder normale Mensch selbstverständlich zustimmten. In diesem Sinne waren sich wieder alle einig.

Ganz in diesem Sinne erscheint demnächst ein Brief des Papstes über die versprochene Hilfe. Das ist natürlich schön für die öffentliche Stimmung – allerdings steht in den Geheimschreiben, die weiterhin unter Strafe der Exkommunikation von den irischen und allen anderen Bischöfen zu beachten sind, kein einziges Wort von Hilfe für die von priesterlicher Gewalt Betroffenen.

Im Gegenteil: Die päpstliche Hilfe kommt bis heute nur denjenigen zugute, deren Schicksal an die Öffentlichkeit zu gelangen droht. Denn schon immer haben Bischöfe ihren Opfern in extremen Fällen Schweigegeld gezahlt, wenn es der Geheimhaltung diente.

Kindesmissbrauch in Permanenz

Allen Lesern sei vor diesem Hintergrund empfohlen, sich den BBC-Dokumentarfilm „Sex, Crimes and Vatican“ vom Oktober 2006 anzuschauen – was leider nur auf YouTube im Internet möglich ist, da er in Deutschland, dank unserer katholischen Bischöfe, nicht gezeigt werden darf. Er stammt von dem BBC-Reporter Colm O’Gorman, der als 14jähriger in Irland von einem Priester vergewaltigt wurde. Wer sich diesen Film ansieht, dem wird klar, welches monströse Täuschungsmanöver gegenwärtig im Gang ist – nur um das Ansehen der katholischen Kirche und des Papstes nicht zu beschädigen.

Die erschütterndste Szene in diesem Film spielte sich 2002 in Mittelbrasilien ab, in einem der ärmsten Winkel der Welt. Dona Elza da Silva, Großmutter des damals fünfjährigen Warly, erzählt dem Reporter, dass ihr Warly sich das Leben nehmen wolle, weil alle Kinder ihm nachrufen: „Des Priesters kleine Frau“. Dass er von dem Priester Tarcisio, der kürzlich in die Nachbarschaft gezogen war, vergewaltigt wurde. Dass sie das dem Bischof gemeldet habe: „Aber der Bischof und alle sind böse mit mir. Keiner glaubt mir; die Leute gehen auf die andere Straßenseite, wenn sie mich sehen. Ich fühle mich exkommuniziert.“ Dann jedoch wird alles aufgedeckt, nicht durch die Kirche, sondern durch die Polizei, die zufällig das Tagebuch des Priesters findet. Es stellt sich heraus, dass er unter anderem 1991 in São Paulo einen 13jährigen Jungen vergewaltigt hatte, und – nach wiederholter „Therapie“ versetzt – schließlich hier landete. In seinem Tagebuch schreibt er – man sieht im Film seine krakelige Schrift: „Alter der Jungen: sieben, acht, neun, zehn Jahre, arm, möglichst vaterlos, nur eine Großmutter oder alleinstehende Mutter oder Schwester, wichtig: sich mit der Familie anfreunden. Dem Kind Gitarrenunterricht geben. Kleine Geschenke machen, als Gegenleistung sexuelle Handlungen.“

Der Priester Tarcisio wurde 2005 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Der BBC-Reporter fragt sich, da dieser Fall, wie alle anderen Fälle, dem Vatikan gemeldet wurde: Wieso duldet der Vatikan, dass er letztlich, immer und immer wieder versetzt, schließlich neben der arglosen Dona Elza da Silva landet und das von ihm vergewaltigte Kind deswegen nicht mehr leben will?

In dem Film wird auch der Dominikaner und Kirchenrechtler Tom Doyle gezeigt, der „eine hohe Position im Vatikan in Aussicht hatte“, aber 2003 aller kirchlichen Ämter enthoben wurde, weil er den Inhalt der Geheimschreiben öffentlich machte. Er erklärt: „Die Geheimschreiben dienen ausschließlich dem weltweiten Schutz der Täter, die ständig, um Skandale für die Kirche zu vermeiden, nach einer Therapie in eine andere Pfarrei versetzt werden; und sie haben eine totale Justizbehinderung für die staatlichen Gerichte zur Folge.“ Des weiteren teilt er mit, dass die Geheimschreiben nichts über mögliche Hilfeleistungen für die Betroffenen beinhalten.

Und dann ist da die Szene, wo der BBC-Reporter den Staatsanwalt in Phoenix/Arizona Rick Romley aufsucht, der ihm einen großen Briefumschlag zeigt mit Schriftstücken über Priester, die inzwischen zum Teil per Interpol gesucht werden, den er an Kardinal Sodano (Vorgänger des jetzigen Kardinalstaatssekretärs Bertone) geschickt hatte, und den er ungeöffnet zurückerhielt. Auf dem Umschlag konnte man lediglich in verschiedenen Sprachen lesen: „retour, rinvio, refuse“ – also Annahme verweigert.

Der Papst als Komplize

Es war tatsächlich das Fernsehen, und zwar der italienische Vatikansender Telepace, der mir 2002 die Augen dafür öffnete, dass wir alle belogen werden. Das war die Zeit, als der Vorgänger von Papst Benedikt, Papst Johannes Paul II., Krokodilstränen über die Pädophiliefälle vergoss und als Kardinal Bernard Francis Law von Boston reuig vor ihm kniete und von seinem Amt zurücktrat, weil er durch das ständige Versetzen der Priester und durch die Verheimlichung der Pädophilie vor den staatlichen Behörden großen menschlichen Schaden angerichtet hatte. Ich hatte Reueszenen schon öfter gesehen, beispielsweise bei einem schwarzen Erzbischof, der eine Koreanerin der Munsekte geheiratet hatte. Und ich hatte gesehen, wie der Papst ihm dann aufhalf und ihn anschaute – vorwurfsvoll immer noch, aber verzeihend, weil der Sünder ja bereut hatte und in den Schoß der Kirche zurückgekehrt war. (Inzwischen ist er allerdings wieder mit seiner Koreanerin verheiratet.)

Aber diesmal war in Großaufnahme auf dem Gesicht des Papstes etwas anderes zu sehen, und ich war schockiert: Das war der Blick eines Komplizen. Papst Johannes Paul sah den Kardinal Law an wie einen, der nichts verraten hatte. Es war eine Entente cordiale zwischen den beiden, ein herzliches Einverständnis. Kardinal Law bekam daraufhin ein hohes Amt im Vatikan, das er auch heute noch innehat. Kardinal Law hatte den Papst nicht verraten, er hatte nach seinem Willen, das heißt gemäß seiner Geheimschreiben, die Vertuschung der Pädophiliefälle betrieben.

Im Falle der meisten irischen Bischöfe scheint es anders zu verlaufen: Sie werden nicht allesamt zurücktreten. Wo sollte auch der Papst eine solche Menge von Bischöfen hernehmen? Alles dürfte dann so weiter gehen wie zuvor – und wie es die Geheimschreiben in ihren Tresoren verlangen.

Dank den Jesuiten

Eine Gruppe in der Katholischen Kirche war mir zunächst völlig undurchschaubar: die Jesuiten, die ich immer besonders geschätzt habe, wie es auch der Mathematiker und Philosoph Descartes (1596-1650) tat. Dieser lobte bis zu seinem Lebensende La Flèche, das Jesuiteninternat, in dem er erzogen worden war. Er empfahl es sogar einem Hugenotten, also einem Protestanten, der für seinen Sohn die beste Erziehung suchte, als das beste Internat in Europa.

Ausgerechnet diese Jesuiten, diese hervorragenden Pädagogen, haben sich jetzt selbst ans Messer geliefert. Sie treten reihenweise als „Mitwisser“ zurück, nachdem sie alle ehemaligen Schüler anschrieben mit der Frage, ob vielleicht jemand von ihnen von einem Jesuiten missbraucht worden sei. Und so hieß es am 16. Februar am Schluss der erwähnten 20-Uhr-Tagesschau: „Zu den Missbrauchsfällen an Jesuitenschulen in Deutschland sagte der Papst nichts.“

Auch ich stand vor einem Rätsel – bis ich las, dass der Jesuitenprovinzial Stefan Dartmann SJ alle Jesuiten weltweit, die Kinder missbraucht haben, aufruft, sich selbst anzuzeigen. Es ist zwar nicht zu erwarten, dass in Kürze die deutschen Bischöfe auf ihrer Konferenz zurücktreten werden, um künftig einem ehrlichen Beruf nachzugehen. Ich danke aber den Jesuiten, dass sie jetzt ihre Schuld auf sich nehmen.

Die Katholische Kirche in Gänze dagegen beansprucht offenbar noch immer das Privileg einer eigenen Gerichtsbarkeit. So lehnte Erzbischof Zollitsch in völliger Verkennung der rechtlichen Lage sogar die Minimal-Forderung des von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) vorgeschlagenen Runden Tisches zur Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in Kircheneinrichtungen ab.

Dass jetzt die katholischen Bischöfe für Verbrechen ihres eigenen Klerus die Gerichtsbarkeit selbst in die Hand nehmen und gegen die Justizministerin durchsetzen wollen, ist eines modernen Staates unwürdig. Es ist ein gefährlicher Rückfall in die Zeit, als die Kirche das Privileg einer eigenen Gerichtsbarkeit (privilegium fori) besaß und kann auf keinen Fall hingenommen werden. Der Schutz der Kinder muss Vorrang haben gegenüber klerikaler Selbstherrlichkeit. Denn natürlich fallen die in Rede stehenden massiven Verbrechen eindeutig unter die Straftatbestände des Paragraphen 176 des Strafgesetzbuches („Sexueller Missbrauch von Kindern“) und des Paragraphen 225 („Misshandlung von Schutzbefohlenen“). Diese Gesetze lassen keinerlei freien Raum für eine Sondergerichtsbarkeit der katholischen Bischöfe, keinen Raum für eine Debatte, was der Staat tun darf, vielmehr steht fest, was der Staat tun muss.

Gleichzeitig behauptete Erzbischof Zollitsch: „Sexueller Missbrauch von Kindern ist kein spezifisches Problem der katholischen Kirche“. Missbrauch habe weder etwas mit dem Zölibat zu tun, noch mit Homosexualität oder mit der katholischen Sexuallehre. Das jedoch kann nur behaupten, wer sich niemals ernsthaft mit der seit Jahrhunderten in der katholischen Kirche herrschenden Sexualmoral auseinandergesetzt hat.[1]

Gott, der Urheber des Universums, hat alles, also Heterosexuelle und auch Homosexuelle, geschaffen. Und es steht niemandem zu, den Urheber des Universums zu korrigieren. Dennoch hat das Christentum, sobald es zur Macht kam, versucht, die Homosexuellen mit Hilfe von Bibelworten auszurotten. So heißt es im 3. Buch Mose, Kapitel 20: „Wenn einer bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, sollen sie getötet werden.“

Der christliche Kaiser Theodosius bestimmte im Jahr 390, dass alle Homosexuellen verbrannt werden sollten (Codex Theodosianus 9,7,6). Dieses Gesetz führte noch im selben Jahr zu dem größten Massaker der Antike, dem Blutbad von Thessalonike: Der oberste Militärbefehlshaber Butherich war von einer aufgebrachten Menge ermordet worden, als er einen beliebten Wagenlenker verhaftete, der ein Verhältnis mit Butherichs Mundschenk hatte. Daraufhin ließ Theodosius 7000 ahnungslose Kinder, Frauen, Männer, Greise unter einem Vorwand in den Zirkus locken und dort abschlachten.

Über 1000 Jahre später heißt es in der Gerichtsordnung von Kaiser Karl V. aus dem Jahr 1532: „Wenn ein Mann mit einem Mann, eine Frau mit einer Frau Unkeusches treibt, soll man sie der allgemeinen Gewohnheit [!] nach mit dem Feuer vom Leben zum Tod richten“ (Artikel 116).

Montaigne, der berühmte Verfasser der „Essais“, berichtet 1581 in seinem „Italienischen Reisebericht“: In Rom habe er von einer seltsamen portugiesischen Homosexuellenbruderschaft gehört, die in der römischen Kirche Saint Jean an der Porta Latina Eheschließungen zwischen jeweils zwei Männern vorgenommen habe, und zwar mit den gleichen Zeremonien und dem gleichen Hochzeitsevangelium wie bei heterosexuellen Paaren. Im Anschluss an die kirchliche Trauung habe das Paar eine gemeinsame Wohnung bezogen, es feierte zu Ostern gemeinsam die heilige Kommunion, alles genau wie bei heterosexuellen Paaren. Acht oder neun Mitglieder dieser Bruderschaft seien inzwischen auf Veranlassung der Inquisition verbrannt worden, schreibt Montaigne abschließend. Fünf Jahre später ließ Papst Sixtus V. im Juni 1586 einen Priester und einen Knaben wegen gleichgeschlechtlicher Liebe verbrennen. (Dabei war das Verbrennen eines Kindes noch krimineller, da nach biblischem Recht minderjährige Knaben unter 13 Jahren als strafunfähig gelten.)

Die unaufgeklärte Aufklärung

Selbst die Aufklärung bedeutete keinen Schlussstrich unter diese grausame Praxis. Am 5. Juni 1750 wurden zwei Männer auf dem Place de Grève in Paris lebendig verbrannt. Die berühmte „Enzyklopädie“ der großen Aufklärer Diderot und d’Alembert, deren erster Band ein Jahr später, nämlich 1751, erschien, berichtet in dem Artikel „Sodomie“ (abgeleitet von dem biblischen Sodom und als Synonym für Homosexualität verwandt) von dieser Verbrennung und schreibt zustimmend: „Das göttliche Gesetz fordert die Todesstrafe für die, die sich mit diesem Verbrechen besudeln, siehe 3. Mose 20. Und diese Strafe wurde auch in unsere Gesetzgebung aufgenommen.“ Der Artikel distanziert sich in keiner Weise von der Verbrennung auf dem Place de Grève, beeilt sich vielmehr hinzuzufügen, dass die gleiche Strafe auch für Frauen und Minderjährige gelte.

Diese menschenverachtende Praxis erstreckt sich bis in die Gegenwart. Im Neuen Weltkatechismus von 1992 Nummer 2357 belehrt uns der Papst, es sei besser, die eigenen Töchter zur Vergewaltigung preiszugeben, als homosexuelle Akte zuzulassen. Er „stützt“, wörtlich „stützt“, sich dabei auf die Geschichte 1. Mose 19 (das ist die Geschichte vom Untergang von Sodom und Gomorrha), wo Lot, der Neffe Abrahams, zu den Homosexuellen, die sein Haus in Sodom belagern, sagt: „Seht, ich habe zwei Töchter, die noch nichts vom Manne wissen, die will ich euch herausgeben, macht mit ihnen, was euch gefällt, nur diesen Männern [Lots männlichen Gästen] tut nichts.“ Die beiden Mädchen, von denen hier die Rede ist, waren 12 bis 13 Jahre alt.

Statt im Weltkatechismus sich auf Lots Rat zu stützen, wäre es besser, wenn der Papst diejenigen homosexuellen Paare, die das wünschen, segnen würde. Nicht, weil ohne kirchlichen Segen diesen Paaren etwas fehlt, sondern weil es der Kirche an diesem Punkt stets an Menschlichkeit gefehlt hat – und bis heute fehlt.

Von Anfang an aber wird im Christentum das alttestamentlich-jüdische Erbe, also der Vernichtungswille gegenüber der Homosexualität, durchkreuzt von einer entgegengesetzten Strömung, nämlich einer dem Judentum fremden Sexualfeindlichkeit und einer von dieser Sexualfeindlichkeit gefärbten tiefen Frauenfeindlichkeit. Dadurch wird nun aber paradoxerweise als unbeabsichtigte Nebenwirkung die Homosexualität begünstigt. Denn Sexual- und Frauenfeindlichkeit führen letztlich zum Zölibat. Und dieses unheilsschwangere Dreigestirn – Sexualfeindlichkeit/Frauenfeindlichkeit/Zölibat – bringt zwar Homosexualität nicht hervor, aber es erleichtert Homosexuellen den Zugang zu den Spitzenpositionen.

In einer kirchlichen Hierarchie, deren oberstes Motto „Bloß keine Frauenskandale!“ ist, wird homosexuelle Veranlagung auf diese Weise zur günstigen Voraussetzung für gesellschaftlichen Aufstieg. Dieses Klima eröffnet manchem jungen Idealisten unter den homosexuell Veranlagten einen Horizont, in dem er seine Lebenskurve zu entfalten gedenkt. Schon mancher junge Mann hat seine homosexuelle Veranlagung mit göttlicher Berufung zum Priestertum und zu Höherem überhaupt verwechselt – und zwar in aller Unschuld und Aufrichtigkeit. Dass der Prozentsatz der Homosexuellen in keinem Beruf der Welt so hoch ist wie im katholischen Klerus, darin hat mir neulich in Madrid ein Jesuitenprovinzial zugestimmt. Es ist ja auch völlig einleuchtend. Kein Mensch möchte wegen seiner Veranlagung, die nicht der üblichen Norm entspricht, Aufmerksamkeit und unangenehme Fragen auf sich ziehen. Daher bietet sich für Homosexuelle unter allen Berufen am ehesten die Karriere des katholischen Klerikers an. Von einem Priester erwartet niemand, dass er mit seiner Ehefrau erscheint. Bei einem Kardinal fragt sich keiner mehr, warum er nur von Männern umgeben ist. Aus der Not ist eine Tugend geworden, aus dem Manko (in den Augen mancher) ein Prestige.

Von der Angst vor der Frau zur Vertreibung der Frau

Der endgültige Ausschluss der Frauen war eine Reaktion darauf, dass der Priester und Mönch Martin Luther eine Nonne geheiratet und eine riesige Antizölibatsbewegung in Gang gesetzt hatte. Sechs Jahre nach Luthers Tod rief der heilige Philipp Neri 1552 eine antilutherische Priesterreformbewegung ins Leben. Einer seiner Schüler, Francesco Pucci, berichtete am 29. Juni 1610 rückblickend, dass der heilige Philipp Neri ihm seinerzeit immer wieder eingeschärft habe: „dass ich die Frauen fliehen sollte, weil diese ein Hindernis sind für jeden, der im geistlichen Leben vorankommen will“.

Im Zuge der Gegenreformation erfolgte die Vertreibung der Frauen aus Rom und sämtlicher Schauspielerinnen und Sängerinnen von allen Bühnen, Theatern und Opern. 1562 singt der erste Kastrat im sixtinischen Chor, der Spanier Francesco Soto. 1563 wird dem Priesternachwuchs (und allen anderen) die zuvor verbreitete heimliche Eheschließung unmöglich gemacht durch die Einführung der „Formpflicht“ bei der Eheschließung. 1592 wird in der Vulgata Clementina, wie sie bei den Katholiken im allgemeinen Gebrauch ist, der Text des Apostels Paulus, 1. Korintherbrief 9,5, geändert. Dort fragt Paulus: „Habe ich nicht das Recht, eine Ehefrau auf den Reisen mitzunehmen wie die übrigen Apostel und Petrus?“ Nun werden aus den Ehefrauen der Apostel (dienende) Schwestern.

Der Vatikan wird auf diese Weise sukzessive immer mehr zu einer Gesellschaft entsexualisierter „Homosexueller“ – im ursprünglichen Wortsinn. Das Wort Homosexualität bezeichnet nämlich – dem Wortsinn nach – nicht eine sexuelle Veranlagung, sondern es kommt bekanntlich von dem griechischen Wort „homo“ für „gleich“ – und in der Tat haben im Vatikan alle das gleiche Geschlecht.

Im Licht und im Glanz steht nur noch ein einziges Geschlecht, das männliche – das Idealbild der Frau ist jetzt Mutter Theresa von Kalkutta (eigentlich, richtigerweise, Schwester Theresa, aber mit der Entsexualisierung der Ehe geht die Entsexualisierung der Mutterschaft einher). Als Jungfrau und Magd fügt sie sich nahtlos in das päpstliche Jungfräulichkeitsideal ein; und als Dienerin der Kranken und Elenden zweifelt sie die Machtposition und Überlegenheit der Männer nicht an. Ihr Platz neben dem Kranken- und Sterbelager der Unterprivilegierten ist die ideale weibliche Position, die den Frauen von den Männern noch nie streitig gemacht wurde.

Das katholische Christentum hat, als es in seinem Kern schließlich nur noch aus einem einzigen Geschlecht bestand und die Kirche monosexuell strukturiert war, gemäß seinem Sexualpessimismus auch die Homosexuellen entsexualisiert (soweit das eben möglich ist) und sie dann in seiner frauenverachtenden Männergesellschaft kultiviert und glorifiziert. Mit dem Vatikan als dem Idealbiotop für keusche Homosexuelle, einem frauenlosen Terrarium, ist ein uralter religiöser Menschheitsirrtum zu seinem krönenden Abschluss gelangt. Seit Heidengedenken sind Menschenopfer (im Christentum als Kreuzesopfer) und Sexualopfer (bei den Heiden Kastration, bei den Christen Zölibat) die beiden bevorzugten Weisen gewesen, die Gottheit gnädig zu stimmen.

Aber ist die Frauengefahr nach 2000 Jahren auch schließlich gebannt, so wird die Verdrängung der Frauen immer mehr zum Pyrrhussieg: Denn Pädophilie ist die Gefahr einer monosexuellen Kirche, der in 2000 Jahren zwar die Vertreibung der Frauen, aber nicht die Entsexualisierung geglückt ist. Wie lange die Kirche jetzt noch zur Züchtung des „keuschen Homosexuellen“ benötigt, wie sie im Weltkatechismus 1992 in den Nummern 2357, 2358 und 2359 gefordert wird, ist nicht klar.

Klar ist nur dies: Solange zwangsentsexualisierte, homosexuelle Priester mit Männern, Jugendlichen und Kindern in dunklem Beichtstuhlgewisper vereint sind, droht der Beichtstuhl sich immer mehr zur Kontaktbörse für Pädophile zu entwickeln – und darum sollte er für Kinder und Jugendliche verboten werden.

[1]
Vgl. das ausführliche 28. Kapitel über Homosexualität in der aktualisierten Ausgabe von Uta Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität, Heyne Taschenbuch 2008.

(aus: »Blätter« 4/2010, Seite 43-50)
Themen: Religion und Kultur

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