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Yes, we Gauck!?

von Karl D. Bredthauer

Joachim Gauck ist nicht irgendwer, kein Deus ex machina, kein unbeschriebenes Blatt. Als erster und prägender Chef der nach ihm salopp als „Gauck-Behörde“ bezeichneten mehrtausendköpfigen Bundesdienststelle wurde er zu einer Symbolfigur deutscher Geschichtspolitik. Er steht für eine „Vergangenheitsbewältigung“ spezifischer Prägung, sozusagen die vergangenheitspolitische Wende in Deutschland. Deren Zentrum bildet die Denkfigur von den „zwei Diktaturen“, welche die Bundesrepublik nach dem Untergang der DDR zu bewältigen habe. Die wie selbstverständlich daherkommende Formel hat es in sich. Inwiefern, das verdeutlicht in seltener Klarheit ein Gespräch, das „Blätter“-Mitherausgeber Günter Gaus 1991 im Rahmen seiner legendären „Porträt“-Serie mit dem damals gerade ein Jahr amtierenden „Bundesbeauftragten“ führte.[1] Nicht nur aus Anlass der Präsidentschaftskandidatur Joachim Gaucks verdient es dieses – vor offen zutage tretenden und mehr noch untergründigen Spannungen geradezu knisternde – Gespräch, dem Vergessen entrissen zu werden.

Da unterbreitet der ehemalige Chef der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der Deutschen Demokratischen Republik dem ehemaligen DDR-Bürger und nunmehrigen Bundesbeauftragten ein Szenario aus der deutsch-deutschen Nachkriegskonstellation. „Ich konstru-
iere teilweise einen Fall jetzt, aber er ist nur teilweise konstruiert. Eltern emigrieren aus politischen oder rassischen Gründen aus Deutschland nach 1933. Sie kehren mit ihrem halbwüchsigen Kind nach Deutschland, und zwar in ihren Teil Deutschlands, nach ihrer Überzeugung die DDR, zurück. Es ist Kalter Krieg. Die KPD in Westdeutschland, in der Bundesrepublik, ist verboten. McCarthy wütet in Amerika. Die Utopie des Sozialismus fühlt sich sehr gefährdet. Jetzt geht der Mann dieser Emigranteneltern in den Staatssicherheitsdienst. Ist er moralisch weniger gerechtfertigt als der, der sich so weit nicht aus dem Fenster lehnen wollte, dass er in die SED gegangen ist, aber so weit doch mitspielen wollte, dass er in eine Blockpartei ging?“

Ich „kann schon Ihrer nostalgischen Schilderung, Herr Gaus, nicht zustimmen“, entgegnet Gauck. „Denn das Land, in das dieser Mann gekommen ist, das ist nicht nur [aber auch? – d. Verf.] der Widerpart zu einem wütenden McCarthy, sondern es ist die Heimstatt eines viel wütenderen Tyrannen, der hier die Maske eines Ulbricht hatte, aber in Wirklichkeit ein wütender Stalin war, der möglicherweise mehr Menschenopfer zu verantworten hatte, als es Hitler getan hat. Ein Deutscher sollte sich hüten, das zu tun. Und ich werde niemals den deutschen Kommunismus mit dem deutschen Faschismus vergleichen. Aber diesen Kommunismus, diesen Mann im Hintergrund zu übersehen bei dieser Rückkehr, da muss man einen Grad an Naivität oder an Besessenheit gehabt haben, den ich nicht goutieren kann. Es geht nicht an, dass ich so uninformiert bin, und dann so tue, als habe ich nichts gewusst. Das hatten wir in Deutschland schon mal.“

Gauck weiß wohl, wovor ein Deutscher sich hüten sollte, aber dann passiert es ihm doch, und nicht nur in Gestalt des wissenschaftlich durchaus zulässigen Vergleichs, sondern unterschwellig als Gleichsetzung: „Das hatten wir in Deutschland schon mal.“ Und was? Dass nachher keiner etwas gewusst haben will – nämlich von den Verbrechen „Hitlerdeutschlands“.

Gauck wendet hier also eine – ob affirmativ oder kritisch eingesetzte, in jedem Fall zentrale – Redefigur des nachkriegsdeutschen Umgangs mit dem „Dritten Reich“ umstandslos auf die DDR an. Dergleichen zu „goutieren“, fällt schwer, zumal, wenn der Vergleich wie hier lebensgeschichtlich konkret wird. Menschen, die nach 1933 aus rassischen oder politischen Gründen emigrieren mussten und sich nach 1945 für das nach Gaucks „Geschmack“ falsche Deutschland entschieden, im Kalten Krieg auf der anderen Seite landeten, finden sich hier zwangsvereinigt in der Gesellschaft der NS-Täter oder Mitläufer wieder, also derer, von denen sie oder ihre Eltern, Familien, Freunde einst gejagt, aus Deutschland vertrieben oder ermordet wurden. Gleichgesetzt mit denen, die dies alles nach 1933 und dann nach 1945 wiederum „kommunikativ beschwiegen“ (Hermann Lübbe).

Günter Gaus weist seinen Gesprächspartner darauf hin, dass er die Frage nach der moralischen Bewertung der „ein bisschen privilegierten Mitläufer“ des SED-Staates in den „Blockparteien“ nicht beantwortet habe. Gauck entschuldigt sich und erklärt: „Aber Sie haben gespürt, dass es etwas anderes gab, was für mich ins Wort wollte.“ Und es will weiter ins Wort, das „andere“, wenn der Befragte wenig später erneut auf den „Zurückkehrenden“ zu sprechen kommt, der sich nach 1945 für die in seinen Augen schlechterdings unmögliche Seite in Deutschland entscheidet. „Wenn er sehr jung ist [also eher nicht der schon durch 1933 ff. geprägten, für Gauck offenbar per se moralisch zweifelhaften DDR-Gründergeneration angehört – d. Verf.] und weder Manès Sperber kennt noch Koestler und uninformiert ist, dann darf er so sein“, gesteht Gauck dem Parteigänger des „anderen Deutschland“ als möglicherweise mildernde Umstände zu; doch dann erhebe sich in ihm, fährt er sogleich fort, „die bange Frage, wie lange darf einer eigentlich behaupten in bestimmten Zeiten [sic], dass er uninformiert war, und das zur Entschuldigung anführen? Wir sind sehr rigide bei denen, die das für die Nazizeit sagen“.

„Wer ist das? Wer ist da sehr rigide?“, fällt Gaus Gauck ins Wort, und der erklärt unbestimmt: „Unsereiner“. Aber Gaus insistiert: „Haben Sie ein Urteil über jene politischen Kräfte der alten Bundesrepublik, die 1949 nicht nur hinnahmen, sondern öffentlich vertraten, dass Hans Globke, einst im NS-Innenministerium, Mitverfasser der anti-jüdischen Rassengesetze, als Staatssekretär engster Vertrauter von Bundeskanzler Adenauer wurde?“

Schon die Erinnerung daran mache ihm schwer zu schaffen, erklärt Gauck. „Und wenn wir jetzt anders verfahren wollen, liegt das unter anderem daran, dass wir ja auch aus der mangelnden Bereitschaft, der Vergangenheit zu begegnen nach dem Krieg, heute lernen wollen.“ Die hier anklingende Vorstellung, dass man in der Bundesrepublik durch eine möglichst schonungslose Abrechnung mit der DDR nach 1989 komfortablerweise die Versäumnisse der eigenen „Vergangenheitsbewältigung“ nach 1945 nachholend kompensieren könne, war zwar schon 1991 nicht mehr originell, und heute gehört sie zum festen Bestand der Entsorgungsdoktrin von den einander irgendwie äquivalenten „zwei Diktaturen“. Wie Joachim Gauck das Thema moduliert, verdient trotzdem auch 2010 Beachtung, zumal es aus dem Munde eines Präsidentschaftskandidaten kommt, der gern als moralische Instanz zitiert wird.

Wirklich aufhorchen lässt nun aber, wie einfühlsam Gauck sich die seinerzeit mangelnde „Rigidität“ der (west-)deutschen „Selbstreinigung von der nationalsozialistischen Zeit“ (Gaus) erklärt. „Ich frage mich manchmal heute, ob, wenn man Auschwitz erlebt hat und sich dazu stellen musste als Überlebender, und wenn man diese ganzen Leichenberge hinter sich hatte und dieses Unmaß von Schuld, ob man dann so etwas wie dieses Atemholen brauchte, man konnte vielleicht nicht gleich dem ins Auge gucken.“

Wer ist hier denn wer?! Wessen Auschwitz-Erlebnis ist gemeint? Wer ist „man“? Wer brauchte eine „Atempause“, angesichts des Unmaßes von Schuld? Ausgerechnet die Schuldigen? Wer hätte sich dem „Erlebnis“ denn stellen müssen? Und wer hatte sie „hinter sich“, die „ganzen Leichenberge“? Von der schwer erträglichen Ausdrucksweise ganz abgesehen: In dieser verbalen Zwangsvereinigung als so oder so „Überlebende“ werden Opfer und Täter ununterscheidbar.

Gauck ist ganz bei sich, wenn er es durchaus nicht „goutieren“ mag, dass so mancher „Rückkehrende“, große und gute Namen darunter, sich seinerzeit – im Bann der Kontinuitäten und Diskontinuitäten Nachkriegsdeutschlands und der Aporien des Kalten Krieges – gegen die westdeutsche Republik kehrte und dafür entschied, in das vermeintliche „Gegenmodell“ auf deutschem Boden, die DDR, zu investieren. So unüberhörbar und glaubhaft diese Antipathie des Bundesbeauftragten für die Stasi-Akten aus tiefstem Herzen kommt, so unvermittelt schlägt sie in tief empfundene Empathie um – wenn Gauck erklären möchte, warum die Verantwortlichen für „Leichenberge“ in seinen Augen nach 1945 schonender zu behandeln waren als 1989 ff. die Verantwortlichen für „Aktenberge“, wie sie „die zweite Diktatur“ ihren Nachlassverwaltern hinterließ. Hitler war, lässt der von Gaus Interviewte en passant einfließen, möglicherweise weniger schlimm als Stalin. Gilt die von Gauck unterschwellig monierte „Rigidität“ im Urteil über die NS-Diktatur etwa dem falschen Objekt?

Angela Merkel hat Unionsfreunde, die in Sachen Nationalsozialismus Täter und Opfer miteinander verwechselten oder verwirrten, wie in den Fällen Hohmann („jüdischer Bolschewismus“, Juden als „Tätervolk“?) oder Oettinger (NS-Marinerichter Filbinger als Widerständler), rasch und energisch zur Ordnung gerufen. Sozialdemokraten und Grüne halten es heute für einen gelungenen Coup, jemanden wie Gauck auf den Schild zu heben. Hat Gauck seine Verwirrung in der moralischen Schlüsselfrage deutscher „Vergangenheitspolitik“, die er Günter Gaus gegenüber bezeugte, jemals ausräumen können oder wollen? Interessiert so etwas die rot-grünen Strategen überhaupt noch? Was, wenn ihr Überraschungscoup sich als geschichtspolitischer Offenbarungseid erweist?

Einer Frau von der republikanischen Integrität und Entschiedenheit Hildegard Hamm-Brüchers hat die SPD 1994, als diese zur Wahl stand, ihre Stimmen nicht geben mögen – selbst als der eigene Kandidat keine Mehrheit fand. Jetzt aber, mit „Bild“[2] gesprochen: „Yes, we Gauck“!?

[1] Ein Gespräch zwischen Günter Gaus und Joachim Gauck vom 25. November 1991. Abgedruckt in: Neue Porträts in Frage und Antwort: Günter Gaus im Gespräch, Berlin 1992, S. 191-214, hier S. 206-211; zur geschichtspolitischen Konstellation der Zeit vgl. auch Karl D. Bredthauer, Geschichtswäsche? In: „Blätter“, 2/1992, S. 137-142.

[2] Vgl. „Bild am Sonntag“, 6.6.2010.

(aus: »Blätter« 7/2010, Seite 33-35)
Themen: Geschichte, Nationalsozialismus und Parteien

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