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Aus Fremdzwang wird Selbstzwang

Wie das Wachstum in die Köpfe kam

von Harald Welzer

Jede Wachstumsvorstellung setzt voraus, dass sich ein künftiger Zustand durch irgendein „mehr“ gegenüber der Gegenwart auszeichnet. Die Vorstellung vom Wachstum erfordert also eine Vorstellung von Zukunft. Das aber ist eine Kategorie, die – so seltsam das heute erscheinen mag – bis in das 17. Jahrhundert hinein weitgehend inexistent war. Wenn von Zukunft die Rede war, dann im Sinne von „adventum“, der Wiederkehr Christi am Ende der Zeiten, nicht als zu erreichender anderer Zustand in der irdischen Existenz.[1] Belegen lässt sich diese Zukunftslosigkeit mit Hilfe klassischer Kosmologien und auch damit, dass die meisten Grammatiken früher gar keine Zeitform „Futur“ vorsahen; die heutige Form des Futurs ist eine späte Hilfskonstruktion des ausgehenden Mittelalters.[2] Mit anderen Worten: Die Vorstellung einer zukünftigen Extension oder Expansion irgendeines Aspektes des Lebens ist historisch recht jung. Dasselbe gilt für ihr subjektives Korrelat, nämlich die auf einen individuellen Lebenslauf bezogene Zukunft, die Autobiographie. Biographie und Lebenslauf im heutigen Sinn sind selbst ein Produkt der Moderne.

Unter gesellschaftlichen Verhältnissen, die von einem statischen Machtgefüge und einer unumstößlich scheinenden Ordnung geprägt sind, ist die Autobiographisierung ebenso wie die Individualität geringer ausgeprägt oder gar nicht vorhanden. Das liegt daran, dass es weniger an den Ambitionen und Leistungen der Einzelnen liegt, wo sie ihren gesellschaftlichen Platz einnehmen; dieser Platz hängt ganz einfach davon ab, in welche Situation und gesellschaftliche Lage sie hineingeboren werden. Von Biographie und Lebenslauf im modernen Sinn kann erst ab jenem Individualisierungsschub die Rede sein, der durch den massenhaften Arbeitskräftebedarf der neu entstehenden Industrien und die damit verbundene Entbettung der Arbeitskraft aus traditionalen Verhältnissen möglich wurde.

Während die Einzelnen unter vormodernen Bedingungen fest in ständische, lokale und häusliche Zusammenhänge eingebunden sind und ihre soziale Position nicht oder nur höchst ausnahmsweise durch eigene Anstrengung verändern können,[3] wird der als Sozialtypus erstmals auftretende „doppelt freie Lohnarbeiter“ – „frei“ von Eigentum an Produktionsmitteln, wie auch, anders als der Sklave, „frei“ zum Verkauf seiner Arbeitskraft – zum Verantwortlichen für seine eigene Biographie.[4] Diese Verflüssigung der sozialen Positionen betrifft in noch höherem Maße Handwerker, Kaufleute und Fabrikanten. Es ist kein Zufall, dass die großen Entwicklungs- und Bildungsromane von Goethes „Wilhelm Meister“ bis Moritz’ „Anton Reiser“ in dieser Formationsperiode entstehen. Die sich entwickelnde Pädagogik entwirft ein Biographiemodell, das von der Vorstellung bestimmt ist, dass die „Anlagen“ der Individuen unter bestimmten Bedingungen besser oder schlechter „entwickelt“ werden können.

Sich bilden, entwickeln, reifen – wachsen

Hier tritt nun deutlich der Gedanke ins zeitgenössische Bewusstsein, dass Menschen nicht durch eine göttlich vorgegebene Positionalität fixiert und mit einer unveränderlichen Persönlichkeit ausgestattet sind, sondern sich „bilden“ und „entwickeln“, „entfalten“ können, mithin „etwas aus sich machen“, „etwas erreichen“, also „reifen“ und „wachsen“ müssen. Sprichworte, wie dass jeder seines Glückes Schmied sei, geben diesem Biographiemodell griffigen Ausdruck; so etwas ist vormodern gar nicht denkbar.

Eine Biographie, die äußerst starken Selbstgestaltungserwartungen unterliegt und ein hohes Maß an Zukunftsorientierung voraussetzt, entsteht als mentale Formation also erst im Zuge der Etablierung moderner Gesellschaften, obwohl wir sie heute für „natürlich“ halten. Soziologische Theorien, besonders die Zivilisationstheorie von Norbert Elias, können zeigen, wie sich historische Veränderungsprozesse in Modifikationen auf der individuellen Verhaltensebene niederschlagen – wie also Veränderungen im Großen, in der Herrschaftsorganisation, der Ökonomie, der Mobilität, der Kommunikation etc., mit Veränderungen im Einzelnen, seinem Habitus, seiner Subjektivität zusammenhängen.[5] Elias’ Theorie geht davon aus, dass im Zuge der Gesellschaftsentwicklung die Handlungsketten durch Arbeitsteilung und Ausdifferenzierung von Funktionen immer länger werden, was bedeutet, dass die Interdependenzen zwischen den Menschen qualitativ wie quantitativ immer weiter anwachsen.

Natürlich ist ein solcher Vorgang dem Einzelnen, der an ihm teilhat, nicht bewusst – Regulierungen dieser Art finden in der Praxis, nicht im Bewusstsein statt, sind aber gerade deshalb umso wirkungsmächtiger. Sie äußern sich langfristig in Habitusveränderungen, die auch einen Umbau der inneren Verfassung der Menschen im Zuge des Zivilisierungsprozesses anzeigen. Elias’ Theorie beschreibt eine fortschreitende Veränderung des Verhältnisses, in dem Selbst- und Fremdzwänge zueinander stehen. Wird etwa unter feudalen Verhältnissen gesellschaftliche Macht durch Androhung und Ausübung direkter Gewalt sichergestellt, zeichnen sich moderne Gesellschaften durch ein beständiges Absinken des direkten Gewaltniveaus aus, also durch ein Schwinden von Fremdzwängen. Im selben Zug wachsen aber die Selbstzwänge an, also die Regulierungen, denen jemand folgt, ohne dass er einer direkten Macht unterworfen wäre.

Das lässt sich zum Beispiel anhand der Durchsetzung des industriellen Arbeitstags illustrieren: Während, wie von Edward P. Thompson klassisch beschrieben, die Arbeiter in der Frühphase der Industrialisierung mit Gewalt, also mit Knebel und Peitsche, dazu angehalten wurden, ihre zwölf Stunden in der Fabrik zu verbringen, und nicht selten regelrecht dahin geprügelt wurden (insbesondere wenn sie montags nicht zur Arbeit erschienen), wird später der industrielle Arbeitstag in seiner langsam erkämpften Acht-Stunden-Rhythmisierung zur scheinbar natürlichen und selbstverständlichen Norm, in deren Synchrontakt die Wach-, Schlaf- und Rekreationsrhythmen aller Gesellschaftsmitglieder, vom Kleinkind bis zur Rentnerin, eingebunden sind.[6]

Heute ist nicht mehr die Verkürzung der Arbeitszeit, sondern der Besitz von Arbeit der selbstverständliche Zweck aller Anstrengung – einem Arbeiter des 19. Jahrhunderts wäre diese libidinöse Dimension der Arbeit ziemlich pervers vorgekommen. Der Blue Monday ist faktisch wie mental eine ferne Vergangenheit: Aus Fremdzwang ist Selbstzwang geworden.

Das 19. Jahrhundert: Die Synchronisierung der Zeit

Insgesamt gab es keine Epoche in der Menschheitsgeschichte, die ein vergleichbares Ausmaß an zeitlicher Synchronisierung hervorbrachte wie das 19. Jahrhundert. Am Ende einer Entwicklung, die nicht nur die zeitliche Taktung des industriellen Arbeitstages, sondern vor allem auch die Vereinheitlichung der international zunächst völlig unterschiedlichen Eisenbahnzeiten und die Ordnung der Welt in unterschiedliche Zeitzonen hervorbrachte, stand ein weltweit einheitliches Zeitregime.[7] Dieses ebenfalls historisch junge Phänomen hat eine so erstaunliche Verinnerlichung durchlaufen, dass kaum mehr bewusstseinsfähig ist, dass die Moderne so etwas wie „natürliche Zeitrhythmen“ gar nicht kennt.[8]

Veränderungen im Gesellschaftsgefüge bringen andere Sozialformen und andere Praktiken und damit psychisch andere Menschen mit anderen Bedürfnissen hervor. Die gesellschaftliche Bedeutung von Kategorien wie Pünktlichkeit, Selbstdisziplin, Rechenschaft, „guter Arbeit“[9] etc. zeigen die Entwicklung von Biographien an, deren Träger sich in hohem Maße dessen bewusst sind, dass ihr eigenes Wohlergehen und ihr Erfolg nicht von fremden oder göttlichen Mächten abhängig sind, sondern vor allem von ihnen selbst und ihrer gelingenden Einpassung in sich bewegende Sozialgefüge. Phänomene wie dieses zeigen, dass Soziogenese und Psychogenese zwei Seiten desselben Vorgangs sind. Deshalb ist die Wachstumsidee nicht nur in Wirtschaft und Politik verankert, sondern auch in der Psyche der Menschen, die in den entsprechenden Gesellschaften aufwachsen.

Es ist die historische Konstellation aus früher Industrialisierung, Aufklärung, protestantischer Rechenschaftskultur, Berufsförmigkeit und Kreditwirtschaft, in der jene Mentalitäten und Identitätsformationen sich ausgebildet haben, die unsere Selbst- und Weltwahrnehmung, unsere Deutungsmuster und Lebensziele auch heute in der Tiefe prägen. Die Verinnerlichung dessen, was man sein kann und sollte, ist nun freilich nicht nur eine Befreiung aus den äußeren Zwängen der Positionalität gewesen, sondern sie ging einher mit ganz neuen, zuvor unbekannten Orientierungsnotwendigkeiten und Lasten. Kategorien wie Selbstverantwortung, Disziplin, Wille werden in dem Augenblick für heranwachsende Individuen bedeutsam, wo man nicht nur „etwas aus sich machen“ kann, sondern eben auch muss. Denn wie der Lohnarbeiter frei ist, sich jenseits feudaler Zwänge dort zu verdingen, wo es für ihn am günstigsten ist, so ist er, wie es bei Marx heißt, zugleich frei, „seine Haut zu Markte zu tragen“ – also auch den Orientierungs- und Versorgungssicherheiten der unfreien Existenz entbunden. „Der historische Prozess der Individualisierung bedeutet in dieser Perspektive, dass die Person sich nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einer sozialen Position bzw. die Mitgliedschaft in einem sozialen Aggregat konstituiert, sondern über ein eigenständiges Lebensprogramm.“[10]

War der vormoderne Lebensweg eine weitgehend variationslose Zeitspanne vor dem Tod, nach dem immerhin die erfreuliche Perspektive auf ein jenseitiges Glück wartete, ergab sich mit der Freiheit der Gestaltung des eigenen Lebenswegs eben auch der Zwang, „ein Lebenswerk auf Erden“ vorweisen zu müssen.[11] Mit diesem Zwang entsteht ein permanenter Bedarf nach Orientierung und Selbstvergewisserung. Die faktische und gefühlte Notwendigkeit, „in sich selbst soviel Welt als möglich zu ergreifen“, wie es Wilhelm von Humboldt formulierte, erzeugt einen wachsenden Druck, auch mit sich selbst und seinem Leben ökonomisch umzugehen. Nunmehr kann auch das Leben mehr oder weniger erfolgreich „geführt“ werden; und solche Lebensführung erfordert Kontrolle, Maß und Beobachtung, kurz: ein hohes Selbstzwangniveau.

„So viel Welt als möglich“: Unendliches Wachstum – nach außen wie nach innen

„So viel Welt als möglich“ – in dieser emphatischen Formulierung Humboldts scheint der bürgerlich-kapitalistische Wertehorizont des unendlichen „besser, weiter, mehr“ nach innen gewendet auf: Auch das Selbst wird zu einer kontinuierlichen Entwicklungsaufgabe mit festgelegten Stufen und Zielen – der biographische Erfolg wird messbar. Der „ökonomische Mensch“[12] zeichnet sich, wie wir alle, dadurch aus, dass er in einem genau und immer fester gefügten Universum von Prüfungen, Bilanzierungen und Rechenschaften seine eigenen Entwicklungsfortschritte zu dokumentieren und nach innen wie nach außen zu rechtfertigen hat.[13] Der ökonomische Mensch und seine Selbstbeobachtungsstrategie bildet sich zunächst – wie schon Max Weber in seiner berühmten Studie „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ dargelegt hat – am Typus des bürgerlichen Unternehmers und „Berufsmenschen“ heraus, der jede Bewegung in seinen Geschäftsgängen akribisch erfasst und beständig auf der Suche nach Optimierungen seiner Abläufe und Verfahren ist: „Mit den Geschäftsbüchern wird ein geschäftliches Tagebuch geführt, das den Geschäftsverkehr am Leitfaden aller eintreffenden Begebenheiten kontrolliert und sehr bald als schriftliche Disziplin der kontinuierlichen Selbstüberprüfung fortgesetzt wird – nicht von ungefähr hat man im Rechnungswesen eine der Quellen des modernen Tagebuchführens erkennen wollen. Jeder Tag ist gewissermaßen Bilanz- und Gerichtstag und wird gemustert nach seinem Ertrag.“[14]

Joseph Vogl beschreibt die kaufmännische Praxis des Buchhaltens als Dispositiv, das eine ständige Beobachtung und Kontrolle wechselnder Ereignisse ermöglicht. Die Buchhaltung verwaltet Ereignisse, indem sie diese selektiv in verschiedenen Registern – Memorial, Journal, Hauptbuch – aufschreibt und nach Gewinn und Verlust sortiert. Aufgezeichnet werden die Ereignisse auf der Achse der Zeit und innerhalb von bestimmten, für alle Ereignisse gleichermaßen gültigen Zeiteinheiten. Eine solche Notationstechnik sichert Kontinuität und ist damit erst die Voraussetzung einer Wachstumserfahrung.

Für den Kaufmann bedeutet die Einführung der Buchhaltung, dass er gewissermaßen schlaflos wird, stets unruhig und wachsam, „ein Subjekt der kontinuierlichen Selbstkontrolle und der Jahresabrechnungen, ein Subjekt, das sich damit einen innerweltlichen Lebenslauf verpasst“.[15] Keine Zeiteinheit darf vergeudet und keine Handlung unergiebig sein, und da der geschäftliche Erfolg identisch mit dem biographischen ist, gelten dieselben protokollierbaren Erfolgsmaße für das Geschäft wie für das Leben.

Interessant dabei ist, dass sich mit der Herausbildung solcher „innerweltlichen Askese“ zugunsten der Kontrolle und Werthaltigkeit jeder Lebenseinheit zugleich der Stellenwert der Produkte wie auch die Qualität der für ihre Herstellung erforderlichen Arbeit verändert: Dem vorindustriellen Handwerker wie dem Künstler ging es ebenso wie ihrem Auftrageber um die Erstellung eines spezifischen Gegenstands oder Werkes. Die Arbeit war mit der Fertigstellung beendet und wurde auch exakt dafür entgolten – fand also ihren Zweck im finalen Produkt, das vom Auftraggeber konsumiert wurde wie der Lohn vom Auftragnehmer. In der industriellen Produktion geht es dagegen keineswegs mehr um die Herstellung des einzelnen Produkts als eines Zweckes an sich und um die Arbeit als Mittel zur Erreichung dieses Zwecks, sondern um ein System, in dem unablässig gearbeitet wird, um eine prinzipiell unendliche Reihe von Produkten zur Gewinnung von Mehrwert zu generieren – also von investivem Kapital, das sofort wieder in die Verbesserung der Produktion oder Erweiterung der Produktpalette gesteckt wird, um den Unendlichkeitshorizont noch weiter hinauszuschieben.

In diesem System ist nichts jemals fertig, die Arbeit hört niemals auf. Darin liegt nicht nur eine Verkehrung der Mittel und Zwecke – Arbeit und Geld werden zum Zweck, die Produkte und ihre Herstellung bloße Mittel –, sondern auch die prinzipielle „Unabschließbarkeit des Tuns“ und eine grundsätzliche „Vergeblichkeit von Produktion.“[16] Hier liegt, wie man sieht, nicht nur die Wurzel der Vorstellung vom grenzenlosen Wachstum, das zur Ausstattung des grenzenlosen Universums der konsumierbaren Dinge nötig ist, sondern auch der Urgrund für die Mentalität eines niemals fertigen, eines immer wachsenden Menschen – eben des ökonomischen Menschen.

Die Industrialisierung menschlicher Mobilität und der Aufschub des Todes

Parallel zu dieser Entwicklung der Unabschließbarkeit des Tuns und zum niemals abgeschlossenen Wachstum vollziehen sich Veränderungen der Zeitwahrnehmung: nicht nur die bereits erwähnte der industriellen Arbeitszeit, sondern auch die ungeheure Beschleunigung der Bewegung im Raum, wie sie mit dampf- und später benzingetriebenen Fortbewegungsmitteln im 19. Jahrhundert einsetzt – die Industrialisierung von Raum und Zeit, wie Wolfgang Schivelbusch das in seiner „Geschichte der Eisenbahnreise“ genannt hat.[17] Diese Industrialisierung auch der Zeit- und Raumwahrnehmungen hat zu einer sich beständig steigernden Form von Mobilität geführt, in der Minutengewinne auf Strecken von hunderten von Kilometern gigantische Investitionen wert scheinen. Die damit gewonnene Vorstellung an „Zeitgewinn“ korrespondiert mit dem häufig übersehenen Aspekt, dass die Moderne auch noch einen anderen eklatanten Gewinn an Zeit verzeichnet: nämlich die gestiegene Lebenserwartung.

Lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung um 1800 bei 30 Jahren, betrug sie im Jahr 2000 bereits 67 Jahre, mit deutlichen Ausschlägen nach oben in den Industriegesellschaften.[18] Erst der Anstieg der Lebenserwartung lässt so etwas wie eine persönliche Zukunft in den Vorstellungshorizont treten und damit ein Leben im Vorausentwurf denkbar werden. Zugleich unterstützt der nicht nur wohlfahrtsstaatlich, sondern auch medizinisch immer weiter hinausgeschobene Horizont der Lebenszeit die Vorstellung, auch diese bestehe in einem Prozess beständigen Anwachsens. Der ökonomische Mensch, der über einen individuellen Lebenslauf verfügt und seiner Lebenszeit das Maximale abgewinnen muss, sieht sich damit nicht mehr in einen übertemporalen Generationszusammenhang eingebunden, in dem die eigene Lebenszeit nur eine Episode in aufeinander folgenden und aneinander gebundenen Leben ist, sondern eben nur auf das eigene Leben und dessen zeitlichen Horizont verwiesen.[19] Auch darum gilt es, möglichst viel aus der verfügbaren Lebenszeit zu machen, möglichst viel Zeit zu sparen, zu nutzen, zu akkumulieren.

Interessanterweise hat nicht nur die Überwindung zeitlicher und räumlicher Begrenztheiten ein mentales Korrelat, sondern mehr noch die Kategorie der Energie, wie sie im 19. Jahrhundert – eben insbesondere mit der Nutzung fossiler Rohstoffe – prominent wird. Der Wechsel des Energieregimes in den frühindustrialisierten Ländern von Biomasse auf Kohle und Öl prägte nicht nur eine tiefe Unterschiedlichkeit zwischen den westlichen und allen übrigen Ländern der Erde aus,[20] sondern führte auch zu einer systematischen Aufwertung der Kategorie des „Energetischen“, wie sie in anderen Weltteilen nicht anzutreffen war: „Der energiereiche und sich selbst als ‚energisch‘ entwerfende Westen trat der übrigen Welt auch so entgegen. Die Kulturheroen der Epoche waren nicht kontemplative Müßiggänger, religiöse Asketen oder stille Gelehrte, sondern Praktiker einer energiegeladenen Vita activa: nimmermüde Eroberer, unerschrockene Reisende, ruhelose Forscher, imperatorische Wirtschaftskapitäne. Überall, wo sie hinkamen, beeindruckten, erschreckten oder blufften okzidentale Kraftnaturen mit ihrer persönlichen Dynamik, in der sich der Energieüberschuss ihrer Heimatgesellschaften widerspiegeln sollte.“[21] Ein besonders bemerkenswerter Zug dieses Sozialtypus ist die mit der Energiekultur verknüpfte Überlegenheitsvorstellung des westlichen (weißen) Menschen, denn die zeitlich parallel aufkommende Rassenlehre ordnete die „Rassen“ ja keineswegs nur nach körperlichen Merkmalen, sondern auch nach ihrer vermeintlichen Leistungsfähigkeit und Energie.

Auch die entstehende Psychologie ist durchsetzt mit den Energiebegriffen des Industriezeitalters: Fast vergessen ist heute, dass eine historische Leistung der Psychologie des 19. Jahrhunderts darin lag, dass Nervenaktivität gemessen werden konnte, weil man entdeckte, dass sie auf elektrischer Energie beruhte; Helmholtz konnte nachweisen, dass ihre Leitung eine bestimmte Zeit erforderte. Die frühe experimentelle Psychologie beschäftigte sich mit der Messung von Reizintensitäten und dafür aufgewendete Energie; die aufkommende Psychophysik erwarb sich große Verdienste bei der optimalen Anpassung des Bedienpersonals an die Anforderungen technischer Apparaturen. Aber es wäre völlig verkehrt, die energetischen Vorstellung vom Mentalen allein auf der naturwissenschaftlichen Seite der Psychologie zu verorten; das komplette Werk Sigmund Freuds etwa ist durchzogen von der Mechanik, Hydraulik und Energetik des Industriezeitalters: Der Begriff der freien und gebundenen „Energie“ spielt in der Psychoanalyse eine genauso große Rolle wie der „Trieb“ und seine „Dynamik“. Andere prominente Begriffe sind die „Verdrängung“, die „Stauung“, die „Verdichtung“, übrigens auch die „Ökonomie“ des Seelenlebens. Noch im berühmten „Vokabular der Psychoanalyse[22] heißt es, ganz ingenieurhaft, „dass die psychischen Vorgänge im Umlauf und in der Verteilung einer messbaren Energie (Triebenergie) bestehen, die erhöht oder verringert werden und anderen Energien äquivalent sein kann.“[23]

Die damit verbundenen Subjektvorstellungen prägen ein Bildungskonzept, das nicht nur davon ausgeht, dass menschliche Subjekte sich entwickeln – also in physiologischer und psychologischer Hinsicht wachsen –, sondern in vielfältiger Weise in dieser Entwicklung gefördert bzw. gestört werden können. Auch dabei spielen Vorstellungen über die Beherrschung und Steuerung zum Beispiel sexueller Energien eine wichtige Rolle, wie Michael Hagner gerade exemplarisch nachgezeichnet hat.[24] Die Erfindung der Schule als Erziehungs- und Bildungsinstitution für alle Mitglieder einer Gesellschaft ist ebenfalls an die Entwicklung der frühindustrialisierten Länder gebunden, wobei neben der Vermittlung von Wissen vor allem ihre erzieherische und disziplinierende Funktion im Vordergrund stand. Im schulischen Regime wurden jene Tugenden eingeübt, die – wie Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Sorgfalt, Ordnung etc. – einen Sozialcharakter prägten, der innerhalb der Synchronisierungserfordernisse einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft funktionsfähig ist. Ein nicht gering zu veranschlagender Effekt der Verschulung der frühindustrialisierten Länder ist auch die Einübung von Konkurrenz und Wettbewerb sowie die Messung der individuellen Leistungen über Notensysteme. Dieser Prozess der Verschulung hält noch heute an: Nicht nur, dass die Einschulungsquoten und Alphabetisierungsraten als zentrale Kennzeichen von „Entwicklung“ gelten,[25] auch die Durchstrukturierung aller Aspekte von Lernen und Bildung durch messbare Leistungskriterien hält – seit „Bologna“ und „G 8-Klassen“ mehr denn je – unvermindert an. Heute können sich Schülerinnen, Schüler und Studierende kaum mehr vorstellen, dass es zweck- und verwertungsfreie Inhalte von Bildung und Lebensläufe jenseits von Wettbewerb und Leistungsnachweisen geben könnte. Was Lernen zu sein scheint, ist bloße Akkumulation – die Aneignung und Speicherung von „mehr“ Wissen und Information.

Unendlich viel Arbeit: Der nie fertige „Berufsmensch“

Ganz unabhängig davon, was die ausschlaggebenden Faktoren bei der Genese der beschriebenen prinzipiellen Grenzenlosigkeit von Selbst, Arbeit, Produktion und Ressourcennutzung waren – „die industrielle Revolution, der Einsatz von Dampfmaschinen, die Organisierung der Arbeitsteilung, eine Industrie-Pädagogik, physiologische Modelle“,[26] die Individualisierung und Biographisierung, die Übertragung biologischer und evolutionärer Prinzipien in den Bereich der Ökonomie sowie das protestantische Modell der innerweltlichen Askese und Rechenschaft –, ihr Ergebnis jedenfalls ist die erstaunliche Verwandlung von Substantiellem in bloße Durchlaufzustände: Jeder Herstellungsvorgang ist nur der Vorläufer des Nächsten, jedes Produkt der Vorgänger des folgenden, jeder Arbeitsgang nur der vorläufige Akt in einer unendlichen Kette von Wiederholungen. Kein Zweck wird je erreicht, aber das Geld ist unendlich vermehrbar und die Produktivität grenzenlos zu steigern.

Galt Arbeit zuvor als „molestia“, als Mühe und Beschwernis,[27] so wird sie nun nobilitiert zum „opus“, zum hervorbringenden Tun, dem, wie Joseph Vogl schreibt, anthropologischen Leitbegriff des 19. Jahrhunderts: „Produktiv diesem neuen Verständnis nach ist ein Reichtum, der die Bedürfnisse aller übersteigt; und produktiv ist eine Arbeit, die nicht mit der Stillung eines Bedürfnisses endet.“[28]

Und genau in dieser Gestalt geht Arbeit in die nationalökonomische Theoriebildung ein: als eine in sich unbegrenzte endlose Tätigkeit, die kein spezifisches, abgegrenztes, im Produkt aufgehobenes Ziel hat, sondern der unablässigen Schöpfung von Wert dient – mithin der nie endenden Produktion von „Wachstum“. Diesen Vorgang hat Marx mit dem Verschwinden der konkreten Arbeit im Tauschwert bezeichnet. So wie die Arbeit damit unaufhörlich wird, so wird jeder Augenblick im Leben, jede Stufe im Lebenslauf, jeder Euro auf dem Konto lediglich zur Vorstufe jedes nächsten Abschnitts, jedes weiteren Euro. Und das Selbst ist in jeder Biographie immer nur Vorstufe eines Selbst, das noch Weiteres zu erreichen hat.

Diese Form der Güterproduktion und Mehrwerterzeugung generiert eine permanente Selbsttranszendenz in Wirtschaft und Persönlichkeit. Beide sind prinzipiell auf Selbstüberschreitung, Unabschließbarkeit, also Unendlichkeit gestellt und zielen damit systematisch auf pausenloses Wachstum. Eine stationäre Wirtschaft ist das exakte Gegenteil davon, daher gänzlich undenkbar – sie wird sofort mit Stillstand in der Wohlstands- wie in der Persönlichkeitsentwicklung assoziiert. Der Affekt, der immer dann auftritt, wenn man in den einschlägigen Debatten vorschlägt, man könne einfach aufhören zu wachsen, spricht Bände über die Rolle, die das Wachstum in den emotionalen Haushalten eingenommen hat. Das sich selbst überschreitende Wachstum hat sein Korrelat in jedem einzelnen modernen Lebenslauf: Das Prinzip der Unendlichkeit herrscht nicht nur draußen, sondern eben auch in einem selbst. Schon Hegel hatte den skizzierten Typ von Arbeit als beständig aufgeschobenes Genießen und gehemmte Begierde[29] charakterisiert und Max Weber den zugehörigen Sozialcharakter als „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz“ bezeichnet und bitter resümiert: „Dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben“.[30]

Der „Berufsmensch“ tritt mit dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell erstmals auf den Plan und mit ihm die Kategorie des unendlichen Wachstums, in der Außenwelt wie in der Innenwelt. Die Formierung dieses Sozialcharakters startet vor 200 Jahren, seitdem erfährt er eine beständige Fortentwicklung. Die mentale Infrastruktur des sich immer nur als Vorstufe des nächsten Entwicklungsschritts begreifenden Subjekts lässt sich in den Figuren des „lebenslangen Lernens“, des „produktiven Alterns“ ebenso wiederfinden wie in den esoterischen Selbstfindungssuchen nach dem „wahren Ich“, dem „positiven Leben“, die systematisch genauso wenig jemals an ein Ende kommen können wie die Selbstausbeutungsfetischismen der Laptop-Männer, die alle Züge, Flugzeuge und Warte-Lounges dieser Welt bevölkern. Alle werden niemals fertig.

Die Endlichkeit der Ressourcen – ein Störfaktor

Max Weber war klar, dass diese große neue Maschine zur permanenten Steigerung von Produktivität und Erzeugung von Mehrwert auch unablässig Treibstoff brauchte, um in Betrieb zu bleiben: eben die fossilen Energien – Kohle, Öl und Gas. Erst das Ende ihrer Verfügbarkeit könnte das Ende dieses Modells vom grenzenlosen Wachstum bedeuten – bis dahin bildet es ein Universum, dass die Existenzform und das Innenleben all jener bestimmt, die in einer solchen Wirtschafts- und Gesellschaftsformation leben – da gibt es gar keine Wahlmöglichkeit. „Die Puritaner“, schreibt Weber, „wollten Berufsmensch sein, wir müssen es sein. Denn indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen, Wirtschaftsordnung zu erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden – nicht nur der direkt ökonomisch Erwerbstätigen –, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“[31]

Hier kommen alle Elemente zusammen, die die Gestalt der Gegenwart der frühindustrialisierten Gesellschaften bestimmen: ein Wirtschafts-, Gesellschafts- und Subjektmodell, das sich als eine Kultur des permanenten Vorstadiums eines fiktiven nächsten Stadiums begreift; eine Technologie, die den Produktivitätsfortschritt unablässig weiter befördert; ein Treibstoff, der die Maschine am Laufen hält; und eine Zivilisationsform, die alle ihre Mitglieder mit einer Biographie ausstattet, die ein unabschließbares Wachsen über sich selbst hinaus bedeutet. Was Weber noch nicht sehen konnte, war, dass die allumfassende Wachstumskultur nicht erst mit dem Ende der Ressourcen an jenen furchterregenden Punkt der Endlichkeit kommt, an der sie nicht mehr funktioniert, sondern schon durch die Schäden, die sie selbst angerichtet hat und die ihre eigenen Überlebensbedingungen unterminieren. Aber die Kategorie der Endlichkeit ist dieser Kultur so unheimlich wie der eigene Tod dem Individuum. Beides ist kulturell nicht vorgesehen – sonst könnte man wohl kaum noch allen Ernstes „lebenslanges Lernen“ propagieren.

So kurz und verkürzt diese historische Rekonstruktion sein mag, so zeigt sie doch, dass mit der Errichtung der materiellen und institutionellen Infrastrukturen der Moderne sich zugleich die mentalen Infrastrukturen ihrer Bewohner verändert haben – und zwar so, dass ihnen die Zwänge zur permanenten Fortentwicklung und Selbstoptimierung längst und unbemerkt zum Selbstzwang geworden sind – so sehr, dass kaum noch jemand auf die Idee kommt zu fragen, wozu das alles eigentlich gut sein soll.

Wenn also das Problem aufgeworfen wird, dass uns das Wirtschaftswachstum immer näher an die Funktionsgrenze des Systems, mithin an den Kollaps bringt, dann sprechen wir nicht nur über die äußeren Manifestationen des Wachstumsdenkens – also über gebaute oder in Regularien und Verfahren gegossene Infrastrukturen –, sondern über die Verankerung des Wachstumskonzepts in den basalen Vorstellungen über uns selbst.

In diesem Zusammenhang mag erwähnenswert sein, dass auch die ehemals sozialistischen Länder inklusive der DDR vom Wachstumsfetisch beseelt waren und nicht nur der Westen. Sie alle verstanden sich ja dezidiert als Vorstufe zur kommunistischen Heilswelt, und Wachstumsindikatoren waren die Wegmarken auf der (immerhin auch ziemlich endlosen) Strecke dorthin.[32] Paradigmatisch hierfür steht etwa die Parole „Überholen ohne einzuholen“, die Walter Ulbricht bereits 1959 ausgegeben hatte, um das unendliche Wachstum auch in den realsozialistischen Ländern zur Staatsaufgabe zu erklären.

Immer auf der Durchreise: Der globalisierte und flexibilisierte Mensch

Mit der Steigerung der ökonomischen wie technologischen Innovationsgeschwindigkeit und der Flexibilisierung und Globalisierung der Kapitalströme und Produktionsstandorte haben sich auch die Lebensläufe und Biographien weiter flexibilisiert und globalisiert. Galt die kapitalistische Normalbiographie, gegliedert in eine schulische, vorberufliche oder akademische Ausbildungsphase, eine Berufsphase und eine relativ kurze Ruhestandsphase für einige Nachkriegsjahrzehnte als erwartbarer Lebenslauf, so hat sie sich seit den 1980er-Jahren weitgehend aufgelöst und ist zu einem permanenten Projekt der Selbstoptimierung in Anpassung an sich beständig verändernde Bedingungen und Anforderungen der Arbeitswelt geworden: Nicht nur, was man ist, unterliegt einem chronischen Überprüfungs-, Innovations- und Optimierungsdiktat, sondern auch, wo man das ist – das flexible Selbst, das am Ende lediglich eine Relaisstation der diversen Funktionserfordernisse ist, die sich mit seiner Lebenszeit kreuzen. Als Träger einer solchen Biographie ist man nicht nur unablässig sein eigener permanenter Vorentwurf auf der Zeit-, sondern nunmehr auch auf der Raumebene.

Man kann hier mit Hartmut Rosa von einem sich beschleunigenden Prozess der Gegenwartsschrumpfung sprechen: der „generellen Abnahme der Zeitdauer“, in der Erwartungssicherheit hinsichtlich der Stabilität von Handlungsbedingungen herrscht.[33] Diese Schrumpfung ist keineswegs darauf beschränkt, welche Zeithorizonte hinsichtlich der positionalen und örtlichen Bedingungen einer Biographiesequenz bestehen, sondern gilt auch für die Beziehungsformen, die schon seit den 1970er Jahren zunehmend Patchworkstrukturen[34] annehmen – und das sind immer solche mit größerer Varianz und geringerer Festigkeit. Keupp wie Rosa betonen, dass sich diese äußere Veränderung von Temporal- und Raumstrukturen in Innenverhältnisse übersetzt: „Wenn Familie, Berufe, Wohnorte, politische und religiöse Überzeugungen und Praktiken im Prinzip jederzeit gewechselt werden bzw. sich verändern können, dann ist man nicht Bäcker, Ehemann von Y, Münchener, Konservativer und Katholik per se, sondern nur für die Perioden von nicht genau vorhersagbarer Dauer – man ist alle diese Dinge ‚im Moment‘, d.h. in einer Gegenwart, die zu schrumpfen tendiert; man war etwas anderes und wird (möglicherweise) jemand anderer sein. Der soziale Wandel verlagert sich damit gleichsam in die Subjekte hinein. Interessant ist dabei die Frage, ob jene Beziehungen dann überhaupt noch Identität definieren können oder ob wir in unserer Selbstbeschreibung von Identitätsprädikaten absehen, weil sie eine nicht einlösbare Stabilität suggerieren: Man ist nicht Bäcker, sondern man arbeitet (seit zwei Jahren) als Bäcker, man ist nicht Ehemann von Y, sondern lebt mit Y zusammen, man ist nicht Münchener und Konservativer, sondern wohnt (für die nächsten Jahre) in München und wählt konservativ.“[35]

Wichtig ist dabei, dass diese Verflüssigungstendenzen den Gegenwartsmoment zugleich immer bedeutsamer und immer fluider machen: Jede Station in der Gegenwart ist immer schon putative Durchgangsstation für etwas, was danach kommt. In der Gegenwart sind wir alle daher gar nicht da, sondern immer nur auf der Durchreise.

 

Der Beitrag basiert auf Passagen aus „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“, herausgegeben von der Heinrich Böll Stiftung und erschienen in deren Schriften zur Ökologie, Band 14, Berlin 2011 (siehe www.boell.de).

 


[1] Lucian Hölscher, Ist die Zukunft schon vorüber? In: „Berliner Republik“, 5/2010, S. 25.

[2] Ebd.

[3] Vgl. Arthur E. Imhof, Die Verlorenen Welten. Alltagsbewältigung durch unsere Vorfahren – Und weshalb wir uns heute so schwer damit tun, München 1984; Hanns-Georg Brose und Bruno Hildenbrand, Biographisierung von Erleben und Handeln, in: dies. (Hg.), Vom Ende des Individuums zur Individualität ohne Ende, Opladen 1988, S. 11-30; Martin Kohli, Normalbiographie und Individualität: Zur institutionellen Dynamik des gegenwärtigen Lebenslaufregimes, in: Brose/Hildenbrand, Vom Ende..., a.a.O., S. 33-53.

[4] Karl Max, Das Kapital, Bd.1: Der Produktionsprozess des Kapitals, Berlin 2008 [1867].

[5] Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, 2 Bde., Bern und München 1969 [1939].

[6] Edward P. Thompson, Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, Frankfurt a.M. 1987.

[7] Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 119.

[8] Man betrachte nur einmal niederländische Malerei aus dem 15. und 16. Jahrhundert, um erstaunt festzustellen, dass die dargestellten Personen, etwa in den Brueghelschen Jahreszeitenbildern, zeitlich desynchronisiert sind: Immer findet man beispielsweise inmitten der handelnden, schlittschuhlaufenden oder werkenden Personen auch solche, die einfach schlafen.

[9] Alf Lüdtke, Deutsche Qualitätsarbeit – ihre Bedeutung für das Mitmachen von Arbeitern und Unternehmern im Nationalsozialismus, in: Aleida Assmann, Frank Hiddemann und Eckhard Schwarzenberger (Hg.), Firma Topf & Söhne: Hersteller der Öfen für Auschwitz. Ein Fabrikgelände als Erinnerungsort? Frankfurt a.M. 2002, S. 123-138.

[10] Kohli, a.a.O., S. 35.

[11] Brose/Hildenbrand, Vom Ende..., a.a.O., S.13.

[12] Der ökonomische Mensch ist nicht mit der wirtschaftswissenschaftlichen Fiktion des „homo oeconomicus“ zu verwechseln, jenem Reaktionsbündel, das auf Reize reagiert, wenn sie ihm einen Vorteil versprechen. Es ist erstaunlich, wie lange sich dieses Menschenbild in der Vorstellungswelt der Ökonomen gehalten hat, obwohl der Behaviorismus in anderen Disziplinen schon vor vielen Jahrzehnten abgedankt hatte. Darin kann man einen weiteren Indikator für die inhaltliche Sklerose der Wirtschaftswissenschaften sehen und hoffen, dass der Vitalisierungsschub, der seit einigen Jahren durch die „behavioral economics“ stattfindet, nachhaltig sein wird.

[13] Joseph Vogl, Poetik des ökonomischen Menschen. Metamorphosen des Subjekts in der Moderne, in: „literaturkritik.de“, 5/2009.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Joseph Vogl, Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen, Zürich 2008, S. 336.

[17] Wolfgang Schivelbusch, Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 2004.

[18] Osterhammel, a.a.O., S. 258.

[19] Wolfgang Ullrich, Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur? Frankfurt a. M. 2006, S. 26.

[20] Osterhammel, a.a.O., S. 936.

[21] Ebd., S. 937.

[22] Jean Laplanche und Jean B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt a. M. 1973.

[23] Ebd., S. 357.

[24] Michael Hagner, Der Hauslehrer: Die Geschichte eines Kriminalfalls. Erziehung, Sexualität und Medien um 1900, Frankfurt a. M. 2010.

[25] Osterhammel, a.a.O., S. 1131.

[26] Vogl, Kalkül..., a.a.O., S. 336.

[27] Noch bei Luther heißt es: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ 1. Mose 3:19.

[28] Vogl, Kalkül..., a.a.O., S. 337 f.

[29] Vogl, Poetik..., a.a.O., S. 339.

[30] Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, München 2006, zuerst 1904, S. 201.

[31] Ebd., S. 200 ff.

[32] Rudi Weiding u.a., Soziale Triebkräfte ökonomischen Wachstums, 4. Kongress der marxistisch-leninistischen Soziologie, Berlin 1986.

[33] Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a.M. 2005, S.184.

[34] Heiner Keupp und Wolfgang Kraus (u.a.), Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identität in der Spätmoderne, Reinbek 1999.

[35] Rosa, a.a.O., S. 238.

 

(aus: »Blätter« 12/2011, Seite 43-54)
Themen: Kapitalismus, Kultur und Wirtschaft

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