Die todkranke Kirche | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die todkranke Kirche

von Hans Küng

So kann es doch nicht weitergehen mit unserer Kirche! ‚Die da oben‘, ‚die in Rom‘ machen noch die ganze Kirche kaputt!“ Solche erbitterten, empörten und verzweifelten Sätze konnte man in den vergangenen Monaten in Europa wie in Amerika oft hören, am eindrücklichsten auf dem Zweiten Ökumenischen Kirchentag in München im Mai 2010. „Die Alternativen sind: Resignation, gewollte oder jedenfalls mit wenig Bedauern hingenommene Schrumpfung zu einer kleinen Gemeinschaft ‚überzeugter Christen‘ oder Wille und Mut zu einem neuen Aufbruch“, formulierte Alois Glück, der klarsichtige und mutige Vorsitzende des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, nach jenem Kirchentag und drückte damit Sorge und Hoffnung vieler, und gerade der engagiertesten, Kirchenmitglieder aus. Aber bei den katholischen Bischöfen fand er erst später ein Echo. Viele von ihnen wollen offenkundig weitermachen wie bisher. Deshalb die Frustration, der Zorn, oft die Verzweiflung gerade bei den loyalsten Katholiken, die das Zweite Vatikanische Konzil noch nicht vergessen haben.

Dabei steckt die katholische Kirche in der tiefsten Vertrauenskrise seit der Reformation, und niemand kann es übersehen: In ihrem Zentrum steht – das muss man auch in Deutschland sehen – Joseph Ratzinger, der gegenwärtige Papst, der zwar aus dem Land der Reformation stammt, aber seit drei Jahrzehnten im päpstlichen Rom lebt und die Krise verschärft, statt sie zu beheben. Von 1962 bis 1965 waren Joseph Ratzinger und ich die beiden jüngsten offiziellen Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils, das versuchte, das römische System – die seit dem 11. Jahrhundert ständig zunehmende innerkirchliche Macht des Papsttums – in wesentlichen Punkten zu korrigieren. Als Papst Benedikt XVI. hat Joseph Ratzinger dagegen die große Chance verpasst, das Zweite Vatikanische Konzil mit seinen zukunftsweisenden Impulsen auch im Vatikan zum Kompass der katholischen Kirche zu machen und ihre Reformen mutig voranzutreiben. Im Gegenteil, immer wieder relativiert er die Konzilstexte und interpretiert sie gegen den Geist der Konzilsväter nach rückwärts. Ja, er stellte sich sogar ausdrücklich gegen das Ökumenische Konzil, das nach der großen katholischen Tradition die oberste Autorität in der katholischen Kirche darstellt: Er hat außerhalb der katholischen Kirche illegal ordinierte Bischöfe der traditionalistischen Pius-Bruderschaft, die das Konzil in zentralen Punkten ablehnen, ohne Vorbedingungen in die Kirche aufgenommen. Er fördert mit allen Mitteln die mittelalterliche Tridentinische Messe und feiert selber die Eucharistiefeier gelegentlich auf Latein mit dem Rücken zum Volk. Er schürt ein tiefes Misstrauen gegenüber den evangelischen Kirchen, indem er nach wie vor behauptet, sie seien überhaupt keine Kirchen im eigentlichen Sinn. Er realisiert nicht die in offiziellen ökumenischen Dokumenten (ARCIC) vorgezeichnete Verständigung mit der Anglikanischen Kirche, sondern versucht, konservative verheiratete anglikanische Geistliche unter Verzicht auf die Zölibatsverpflichtung in die römisch-katholische Kirche zu locken. Er hat durch Ernennung antikonziliarer Chefbeamter (Staatssekretariat, Liturgiekongregation, Bischofskongregation und andere) und reaktionärer Bischöfe in aller Welt die konzilsfeindlichen Kräfte in der Kirche gestärkt.

Papst Ratzinger scheint sich durch seine schlimmen Fehltritte, zunehmend von der großen Mehrheit des Kirchenvolkes in unseren Ländern zu entfernen, das sich ohnehin immer weniger um „Rom“ kümmert und sich bestenfalls noch mit der Ortsgemeinde und einem guten Seelsorger und vielleicht auch noch mit dem Ortsbischof identifiziert. Der Papst wird in seiner antikonziliaren Politik allerdings voll unterstützt von der römischen Kurie, in der man die konziliar gesinnten Kräfte isoliert und eliminiert hat. In der Zeit nach dem Konzil hat man wieder einen sehr effizienten Propagandaapparat aufgebaut, der ganz im Dienst des römischen Personenkultes steht. Die modernen Massenmedien (Fernsehen, Internet und YouTube) werden systematisch, professionell und erfolgreich für die eigenen Interessen eingesetzt. Schaut man auf die großen Massenveranstaltungen, gerade bei Papstreisen, könnte man meinen, es stünde in dieser Kirche alles zum besten. Aber entscheidend ist die Frage: Was ist hier Fassade und was Substanz?

Vor Ort sieht es jedenfalls anders aus. Die Auszehrung der Kirche schreitet unvermindert fort: Zehntausende Priester haben seit dem Konzil, vor allem wegen des Zölibatsgesetzes, ihr Amt aufgegeben. Der Nachwuchs an Priestern, aber auch an Ordensleuten, Schwestern und Laienbrüdern, hat in quantitativer wie qualitativer Hinsicht abgenommen. Resignation und Frustration breiten sich im Klerus und gerade unter den aktivsten Kirchenmitgliedern aus. Viele fühlen sich mit ihren Nöten im Stich gelassen und leiden an der Reformunfähigkeit der Kirche. In vielen Diözesen gibt es immer mehr leere Gotteshäuser, Priesterseminarien, Pfarrhäuser. In manchen Ländern werden Kirchgemeinden wegen Priestermangel, oft gegen ihren Willen, zusammengelegt zu riesigen „Seelsorgeeinheiten“, in denen die wenigen Priester völlig überlastet sind und wodurch eine Kirchenreform nur vorgetäuscht wird.

Die gescheiterte Restaurationspolitik zweier Päpste

Es erstaunt immer wieder, wie auch säkulare Zeitgenossen, die sich nicht der Kirche zugehörig fühlen, und ästhetisierende Intellektuelle sich blenden lassen von wieder verstärkter barocker Prachtentfaltung und von medienwirksamen liturgischen Inszenierungen, womit man in Rom eine starke Kirche und einen unangefochtenen Papst zu demonstrieren versucht. Doch kann aller sakrale Prunk nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Restaurationspolitik Johannes Pauls II. und Benedikt XVI. aufs Ganze gesehen gescheitert ist. Alle päpstlichen Auftritte, Reisen und Lehrdokumente vermochten die Auffassungen der meisten Katholiken in kontroversen Fragen nicht im Sinne römischer Doktrin zu verändern. Und selbst päpstliche Jugendtreffen, besucht vor allem von konservativen charismatischen Gruppierungen und gefördert von traditionalistischen Organisationen, konnten weder die Kirchenaustritte bremsen noch mehr Priesterberufungen wecken.

Die Auszehrung der Kirche ist in den vergangenen drei Jahrzehnten sehr weit fortgeschritten. Aber sie wurde weithin als unabänderliches Schicksal hingenommen, murrend zwar und klagend, aber letztlich gott- oder papstergeben. Aufgeschreckt wurde die ganze Weltöffentlichkeit erst durch die sich häufenden himmelschreienden Sexualskandale im Klerus: vor allem der Missbrauch von Tausenden von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker, in den Vereinigten Staaten, Irland, Belgien, Deutschland und anderen Ländern – dies alles verbunden mit einer nie dagewesenen Führungs- und Vertrauenskrise.

Es darf nicht verschwiegen werden, dass das weltweit in Kraft gesetzte Vertuschungssystem von klerikalen Sexualvergehen gesteuert war von der römischen Glaubenskongregation unter der Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger (1981-2005), wo schon unter Johannes Paul II. unter strengster Geheimhaltung die Fälle gesammelt wurden. Noch am 18. Mai 2001 sandte Ratzinger ein feierliches Schreiben über die schwereren Vergehen („Epistula de delictis gravioribus“) an alle Bischöfe. Darin werden die Missbrauchsfälle unter das „Secretum Pontificium“ gestellt, bei dessen Verletzung man sich schwere Kirchenstrafen zuziehen kann. Dieses Schreiben wurde bisher nicht zurückgezogen.

Zu Recht fordern deshalb viele vom damaligen Präfekten und jetzigen Papst ein persönliches „Mea culpa“. Doch leider hat er die Gelegenheit dafür verpasst. Stattdessen ließ er sich am Ostersonntag 2010 in einer so noch nie dagewesenen peinlichen Zeremonie zu Beginn der feierlichen Messe vom Dekan des Kardinalkollegiums, Kardinal Angelo Sodano, dem früheren Staatssekretär, seine Unschuld „urbi et orbi“ attestieren. Dabei war gerade Sodano selber wegen peinlicher Verwicklungen in die öffentliche Kritik geraten. Der Papst hat die Missbrauchsfälle zwar immer wieder bedauert, zu seiner persönlichen Verantwortung jedoch hat er geschwiegen, wie auch viele Bischöfe geschwiegen haben. Auch im neuesten Papstbuch „Licht der Welt“ nimmt er zu seiner Rolle keine Stellung. Das aber ist kein Zufall, sondern strukturbedingt.

Von der „winterlichen“ zur kranken Kirche

Schon bald nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatte der große Konzilstheologe Karl Rahner das Wort von der „winterlichen“ Kirche geprägt, das von vielen aufgenommen wurde. Und als ihm der erste Romano-Guardini-Preis verliehen wurde, wagte er es beim Festakt in München am 18. März 1970, die „institutionalisierte Mentalität“ der Bischöfe als „feudalistisch, unhöflich und paternalistisch“ zu charakterisieren. Mit zwei Ausnahmen hatten diese nämlich ein von ihm verfasstes und von anderen Theologen mit unterzeichnetes vertrauliches „Memorandum zur Zölibatsdiskussion“ nicht einmal durch eine Empfangsbestätigung gewürdigt.

Karl Rahner starb in winterlicher Resignation im Jahr 1984 – ohne unter einem neuen Papst einen neuen Frühling der Kirche erlebt zu haben. Was würde er wohl zum Zustand seiner Kirche 25 Jahre später sagen? Es ist bitter: Unsere gemeinsame Hoffnung auf einen Johannes XXIV. hat sich nicht erfüllt. An einen baldigen Frühling nach einem eisigen Winter kann man angesichts der Wahl des Chefs der Glaubensinquisition zum Papst und der Kreierung Dutzender neuer konformer Kardinäle nicht mehr glauben, man muss diese Kirche vielmehr als ernsthaft krank bezeichnen. Dabei geht es nicht nur etwa um individuelle, „ekklesiogene, von der Kirche erzeugte Neurosen“, auf die der katholische Psychotherapeut Albert Görres schon vor vielen Jahren hingewiesen hatte. Es geht darüber hinaus um pathologische, krankhafte Strukturen der Kirche selbst, die für viele die Frage nahelegen: Ist diese Kirche nicht vielleicht sterbenskrank, todkrank?

In meiner Einschätzung der Lage des Zustands der Kirche fühle ich mich bestätigt durch die mit vielen Umfrageergebnissen untermauerte Analyse von Thomas von Mitschke-Collande, Director Emeritus der Unternehmensberatung McKinsey/Deutschland und selbst engagierter Katholik, vom September 2010, unter dem Titel „Kirche – was nun? Die Identitätskrise der katholischen Kirche in Deutschland“. Fünf Dimensionen des Problems greifen ihm zufolge ineinander und verstärken sich gegenseitig: die Glaubenskrise, die Vertrauenskrise, die Autoritätskrise, die Führungskrise, die Vermittlungskrise. Aus verschiedenen Gründen zweifeln viele Menschen an ihrem Glauben an Gott, können in dieser Situation aber nur wenig Vertrauen in die Kirche und ihre Vertreter entwickeln, was ihnen sehr helfen würde. Und das ist verständlich, denn die Autorität der Kirche hat einen Tiefpunkt erreicht, weil sie selbst von einer tiefen Führungskrise geschüttelt wird und ihren offiziellen Glauben kaum mehr verständlich erklären und bezeugen kann.

Sterbehilfe oder Reanimation ?

Nicht wenige Zeitgenossen sind in der Tat der Meinung: Diese katholische Kirche ist unheilbar krank, sterbenskrank, aber verdient es gar nicht, gerettet zu werden. Sie könne nicht reanimiert werden. Die Erosion des Vertrauens in die Lebenskraft der Kirche hat neuerdings auch traditionelle katholische Kreise erfasst. Es wird immer deutlicher: Die Zahl derer, die eine Kirche für notwendig oder auch nur nützlich halten, hat seit dem Höhepunkt der öffentlichen Zustimmung in der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils kontinuierlich abgenommen und unter Benedikt XVI. einen Tiefpunkt erreicht. Dass dies nicht nur eine Entwicklung in den „aufmüpfigen“ deutschsprachigen Ländern ist, zeigen Umfrageergebnisse aus verschiedenen westlichen Länder: In Italien, dem Land des Papstes, bezeichnete sich im Jahr 2010 nur noch wenig mehr als die Hälfte der Bevölkerung als Katholiken, 20 Prozent weniger als im Jahr 2004 (IARD RPS). Dabei finden mehr als 80 Prozent Religion wichtig, nur acht Prozent weniger als vor sechs Jahren. Doch viele wollen mit der kirchlichen Institution nichts mehr zu tun haben. Nur 46 Prozent haben noch Vertrauen zum Papst, statt 60 Prozent vor sechs Jahren. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich in den katholischen Bastionen Spanien, Irland und ansatzweise auch in Polen feststellen. In USA glauben drei Viertel der Katholiken, man könne ein guter Katholik sein, ohne dem Papst Gehorsam entgegenzubringen.

Aufgrund des beschriebenen Restaurationskurses ist diese Entwicklung im „Volkskatholizismus“ nicht verwunderlich. Zahllose Katholiken, auch zu Unrecht gemaßregelte und marginalisierte Theologen wie Eugen Drewermann und Gotthold Hasenhüttl, wurden es leid, vergebens Einspruch zu erheben gegen den Kurs der Kirchenleitung und sind in den letzten Jahren aus der Kirche ausgetreten, genauer: nicht aus der katholischen Glaubensgemeinschaft, aber aus der römisch-katholischen Kirche als Körperschaft öffentlichen Rechts, aus der Kirchensteuergemeinschaft. Das kann Schule machen, ist Mahnzeichen für die Hierarchie und verständlich: Wer das Kirchenvertrauen verloren hat, will auch nicht mehr Kirchensteuer bezahlen.

Aber noch bedenklicher: eine vielfach größere Zahl von Katholiken hat sich innerlich von der Kirche distanziert. Man bleibt nominell katholisch, aber hat das Interesse an der Institution Kirche verloren. Zu diesem Vertrauensverlust unter Katholiken gesellt sich eine wachsende Kirchenfeindlichkeit in der säkularen Gesellschaft. Allzu viele Zeitgenossen fühlen sich gerade durch die jüngst entdeckten Missstände bestätigt in ihrer Vorstellung von einer uneinsichtigen und zugleich machtfixierten Hierarchie, unter deren Autoritarismus, Lehrdiktatur, Angsterzeugung, Sexualkomplexen und Dialogverweigerung die ganze Kirchengemeinschaft, ja oft auch die Gesellschaft überhaupt zu leiden hat.

Römisch-katholischer Fundamentalismus

Aber, werden da manche Katholiken einwenden, hat Rom nicht neuerdings für das Versagen, die Irrtümer „um Vergebung gebeten“? Das stimmt, aber leider, ohne dass der Papst sich persönlich zu seinem Fehlverhalten bekannt hätte und ohne daraus praktische Konsequenzen für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Die Sexualmissbräuche und ihre Vertuschung bestätigen den Eindruck vieler, dass kirchliche Administration und Inquisition stets neue Opfer und Leiden produziere.

Und man kann es ja nicht leugnen: Kaum eine der großen Institutionen geht in unseren demokratischen Ländern so menschenverachtend mit Andersdenkenden und Kritikern in den eigenen Reihen um und keine diskriminiert so sehr die Frauen – durch die Verbote der Empfängnisverhütung, der Priesterehe und der Frauenordination. Keine polarisiert so stark Gesellschaft und Politik weltweit durch rigoristische und polarisierende Positionen in Fragen wie Homosexualität, Stammzellenforschung, Abtreibung, Sterbehilfe und ähnlichem. Und wenn Rom auch keine in aller Form unfehlbaren Lehrsätze mehr zu proklamieren wagt, so umgibt man sich dort doch noch immer gerne für alle Lehräußerungen mit der Aura der Unfehlbarkeit, als seien die Worte des Papstes unmittelbarer Ausdruck des Willens Gottes oder die Stimme Christi.

Der gegenwärtige Papst sieht seine Aufgabe vor allem darin, die Wahrheit, und diese ist für ihn eben die Tradition, zu bewahren. Dabei will er freilich als oberster Lehrer selber bestimmen – womöglich mit Berufung auf seine Vorgänger –, was Tradition ist und was nicht. Sein Vorgänger Pius IX. etwa hat den bischöflichen Gegnern der von ihm leidenschaftlich betriebenen Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit, die sich nur scheinbar auf die Heilige Schrift und die alte Tradition berufen konnte, entgegengehalten: „La tradizione sono ío – die Tradition bin ich!“ Faktisch ein absolutistisches päpstliches Wahrheitsverständnis, ähnlich dem absolutistischen Staatsverständnis eines Louis XIV: „L’État – c’est moi!“

So hat sich in der katholischen Kirche des 19./20. Jahrhunderts ein typischer römisch-katholischer Traditionalismus oder Fundamentalismus herausgebildet, der meint, alles beim Alten lassen zu müssen und zu können. Dass die Kirche immer wieder erneuert werden muss, wird bestenfalls dem einzelnen Gläubigen moralisierend vorgehalten, etwa im Sinne der besseren Beachtung der päpstlichen Sexualmoral.

Vergangenheitsgläubigkeit führt jedoch zu schöpferischer Schwäche, geistiger Impotenz und blutleerer Scholastik. Nein, die Traditionalität darf in der Kirche nicht oberstes Gesetz sein. Statt einer rückhaltlosen Festlegung auf irgendeine Vergangenheit bedarf die Kirche vielmehr der Freiheit, die sich in einer kritisch-sichtenden Haltung auch zur eigenen Geschichte manifestiert.

Doch wer die Geschichte kennt, fragt sich: Kann man denn ernsthaft hoffen, dass eine Kirche den Weg in die Zukunft findet, die zutiefst im mittelalterlichen Paradigma verwurzelt bleibt? Die das ursprüngliche judenchristliche Paradigma der Urkirche weitgehend ignoriert? Die das altchristlich-hellenistische Paradigma des ersten Jahrtausends nur selektiv akzeptiert? Und kann eine Kirche, die dann auch das auf das Mittelalter folgende Paradigma der protestantischen Reformation und erst recht das der aufgeklärten Moderne nur als Abfall vom wahren Christentum zu verstehen vermag – kann also eine solche mittelalterlich-gegenrefor­matorisch-antimodern orientierte Kirche im 21. Jahrhundert den Übergang zu einem neuen friedlicheren, gerechteren, ökumenischen Paradigma wirklich schaffen? Angesichts der Tatsache, dass dieser katholischen Kirche die Integration des reformatorischen und des modernen Paradigmas durch das Zweite Vatikanische Konzil nur zur Hälfte gelungen ist und derzeit eine Restauration des vorkonziliaren Paradigmas droht, ist eine solche Kirche überhaupt noch imstande, den Weg in die Zukunft so zu gehen, dass dabei das ursprünglich Christliche bewahrt, ja wieder neu zum Ausdruck gebracht wird?

Die Gretchenfrage der Kirche: „christlich“ oder „antichristlich“ ?

Und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt, an welchem freilich nicht nur die katholische Kirche, sondern jede Kirche, die sich christlich nennt, herausgefordert ist (auch die evangelischen Kirchen sind ja keine „Inseln der Seligen“): Sieht man sich in seiner Kirche überhaupt noch konfrontiert mit der ursprünglichen christlichen Botschaft, mit dem Evangelium, ja ganz praktisch mit Jesus Christus selbst, auf den sich doch jede Kirche theoretisch beruft? Oder trifft man in ihr nur auf ein christlich etikettiertes kirchliches System, sei es altkirchlich-orthodoxer, sei es mittelalterlich-lateinischer, sei es protestantisch-reformierter oder sei es modern-aufgeklärter Prägung?

Ohne diesen konkreten Rückbezug auf den geschichtlichen Jesus Christus, seine Botschaft, sein Verhalten und sein Geschick (wie ich es im Buch „Christ sein“ gezeichnet habe), hätte eine christliche Kirche – welche auch immer – weder Identität noch Relevanz. Auch und gerade die zahllosen römisch-katholischen Institutionen, Dogmen, Rechtssätze, Zeremonien und Aktionen stehen unter dem Kriterium, ob sie im strengen Sinn „christlich“ oder zumindest nicht „antichristlich“, kurz, ob sie evangeliumsgemäß sind.

Dies ist ja nun auch Wunsch und Begehren so vieler Menschen in den Kirchen, die sich sagen: ihre Kirche müsste wieder christlicher werden, müsste sich wieder mehr am Evangelium, an Jesus Christus selbst orientieren. Und damit der theologische „Laie“ nicht denkt, es handle sich hier um ein abgehobenes theologisches Programm, möchte ich diesen für das Überleben der Kirche entscheidenden Punkt illustrieren mit einem – zugegebenermaßen drastischen – Bild.

Eine bedenkliche Momentaufnahme

Wenige Szenen in der aktuellen Kirchengeschichte haben mich so beschäftigt wie die am 8. April 2005 auf dem Petersplatz: Es geschah bei der grandios inszenierten Totenfeier für Papst Johannes Paul II. mit „pomp and circumstance“, die jedem römischen Imperator gut angestanden hätte. Durch eine zwischen Vatikan und italienischem Fernsehen wie immer perfekt abgesprochene und abgestimmte Bildregie wurde sie eindrücklich einem Millionenpublikum in aller Welt übermittelt. Da stieg der Chef der Glaubenskongregation, zugleich Dekan des Kardinalskollegiums, Joseph Ratzinger, in festlichem Purpur die Stufen hinunter zum bewusst schlicht gehaltenen Holzsarg. Daneben ebenso bewusst platziert ein großer, realistisch gestalteter Kruzifixus, die Figur des leidenden und gekreuzigten Christus. Einen größeren Kontrast konnte ich mir nicht vorstellen: Hier der Chef der Glaubenskongregation (so nennt sich heute das frühere Sanctum Officium der Inquisition), der mit autoritären Lehrdokumenten und zahllosen geheimen Inquisitionsverfahren für unendlich viele Menschen Leid in der Kirche zu verantworten hat, aber jetzt die geballte Macht des neuen Imperium Romanum verkörperte – was bei der Trauerfeier unterstrichen wurde durch die Präsenz von 200 Staatsgästen aus aller Welt, in der ersten Reihe die Familie des Kriegspräsidenten George W. Bush. Dort der Schmerzensmann aus Nazareth, Prediger des Friedens, der Gewaltlosigkeit und der Liebe, letzte Appellationsinstanz aller ungerecht Verfolgten, Gedemütigten, Gequälten und unschuldig Leidenden.

Unwillkürlich kommt einem da der Christus in Fjodor Dostojewskis berühmter Erzählung vom Kardinal-Großinquisitor in den Sinn: „Warum bist Du gekommen, uns zu stören?“, herrscht dieser den wiedergekommenen und von ihm verhafteten Christus an. Dieser hatte den Menschen eine Freiheit gebracht, zu der sie nach Auffassung des Großinquisitors gar nicht fähig sind. Deswegen müsste dieser Christus wie alle Irrlehrer verbrannt werden. Doch der Gefangene antwortet ihm auf alle Anklagen mit keinem Wort und küsst ihn schließlich still auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen, so dass dieser ihm die Türe öffnet und sagt: „Geh und komm nicht wieder…komm nie, nie mehr wieder… niemals, niemals!“

Doch er kommt immer, immer wieder. Es wäre, dachte ich mir schon oft, nicht schwer, diese Geschichte aus dem düsteren Sevilla des 16. Jahrhunderts in das freundlichere vatikanische Rom des 20./21. Jahrhunderts zu übersetzen. Das Thema der Freiheit der Christenmenschen ist so aktuell wie eh und je. Und liegt darin vielleicht doch „der Grundzug des römischen Katholizismus“, wie Dostojewskij mutmaßt: „Alles ist von Dir dem Papst übergeben worden, und alles liegt jetzt folglich in Händen des Papstes, Du aber sollst jetzt überhaupt nicht mehr kommen, störe uns wenigstens vorderhand nicht“?

Die andere Kirche

Aber – da tauchen doch wieder ganz andere Bilder der katholischen Kirche vor meinem geistigen Auge auf. Es sind Bilder, die mit den triumphalen Großdemonstrationen der Macht auf dem Petersplatz wenig zu tun haben, die man aber in aller Welt tausendfach erleben kann. Überall fand ich immer wieder Menschen in Gemeinden und Krankenhäusern, Schulen und Sozialeinrichtungen, die im Geiste des Nazareners sich engagieren und bei allen Schwächen unendlich viel Gutes tun. Und da kann ich doch nicht nur an Sexualmissbrauch und seine Vertuschung denken. An allen Fronten der Welt habe ich Seelsorger getroffen, die sich aufreiben im Dienst an den Menschen. Ungezählte Männer und Frauen, die sich einsetzen für Junge und Alte, für Arme, Kranke, Zukurzgekommene, Gescheiterte.

Dies ist keine idealistische Konstruktion und keine utopische Projektion, sondern ein empirisch von vielen festgestellter Befund, weswegen sie auf Kirche nicht verzichten möchten. Und das ist die Kirche, mit der ich mich nach wie vor identifizieren kann: die weltweite Gemeinschaft von Gläubigen und Engagierten, die auch die engen Grenzen der verschiedenen Konfessionen überschreitet. Diese Glaubensgemeinschaft ist die wahre Kirche, und von ihr schließe ich selbstverständlich Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Prälaten aller Art nicht aus, natürlich auch nicht die Amtsträger anderer Kirchen. Aber soll ich nicht sagen dürfen, dass sie alle für mich durchaus zweitrangig sind, da sie nach dem Neuen Testament nur Diener und nicht Herren sein sollen: „nicht Herren unseres Glaubens, sondern Diener unserer Freude“ (vgl. 2 Kor 1,24)? Schließlich hat ja das Zweite Vatikanische Konzil nicht ohne Grund in seiner Konstitution über die Kirche dem (leider kurial manipulierten) Kapitel III über die Hierarchie das Kapitel II über das Volk Gottes vorgeordnet, was nicht
nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis gelten sollte, aber faktisch oft nicht gilt.

Es sieht zur Zeit nicht so aus, als ob wir bald wieder einen Papst wie Johannes XXIII. bekämen, der sich statt „Heiliger Vater“ und „Heiligkeit“ mit Recht „Diener der Diener Gottes“ (so Papst Gregor der Große) nennen dürfte. Und relativ wenige Bischöfe gibt es, die sich in der Praxis überzeugend statt als konforme Diener der römischen Kurie, als eigenständige Diener ihrer Gemeinden erweisen. Aber: ich – und viele mit mir – war ja nun einmal nie wegen der Hierarchie Christ und nie wegen des römischen Papstes katholisch.

Ich danke es einer anderen, höheren Instanz (und vielen hilfreichen Mitmenschen), dass mein Glaube unerschüttert geblieben ist: zwar nicht der Glaube an die Kirche als Institution, wohl aber an jenen Jesus Christus, seine Person und Sache, die in der guten Kirchentradition, Liturgie, Theologie das Urmotiv bleibt, das bei aller Dekadenz und Korruption nie einfach verloren ging und geht. Der Name Jesus Christus ist so etwas wie der „Goldene Faden“ im ständig neu gewirkten Gewebe der oft so rissigen und schmutzigen Kirchengeschichte. Zu retten wäre die Kirche jedenfalls nur, wenn der Geist Jesu Christi die Glaubensgemeinschaft wieder neu bewegt und auch ihrer Leitung wieder neue Glaubwürdigkeit, Verständlichkeit und Akzeptanz verleiht. Das aber hängt andererseits wiederum ab von den Menschen, welche diese Gemeinschaft der Glaubenden bilden und die für das Wehen des Geistes, der weht wo er will, offen sind.

Sieben Reaktionen auf die Kirchenkrankheit

Damit stellt sich die Frage: Wie reagieren wir auf die Krankheit der Kirche? Diese Frage stellt sich für jeden Christenmenschen, Mann oder Frau, und so auch für jeden Theologen. Millionen Katholiken sind nicht einverstanden mit dem Kurs aus Rom. Auf diese Situation lassen sich sieben höchst unterschiedliche Reaktionen beobachten, von denen für mich die ersten vier freilich nicht in Frage kommen:

1. Man kann aus der Kirche austreten, wie dies allein im Jahr 2010 aufgrund der offenbar gewordenen Skandale Zehntausende von Gläubigen getan haben: in Deutschland wohl um die 250 000, in Österreich (nach einer Prognose von Kardinal Schönborn) an die 80 000 Gläubige.

2. Man kann das Schisma einer ganzen Gruppe bewirken, wie seinerzeit der reaktionäre Alt-Erzbischof Marcel Lefebvre (1988 exkommuniziert) und seine traditionalistische Pius-Bruderschaft. Dies hat jedoch bisher wohlgemerkt keine einzige reformerische Gruppe getan.

3. Man kann in die innere Emigration gehen und schweigen. Viele frühere Reformgesinnte haben frustriert aufgegeben, sie bleiben zwar in der Kirche, aber engagieren sich nicht mehr: „Ist doch alles umsonst, dieses System lässt sich nicht reformieren!“ So fehlt es überall immer mehr an profilierten Leuten, die Widerstand leisten.

4. Man kann sich äußerlich anpassen, aber privat ganz anders denken. Das tun viele, die sich mit dem Genossen Trend verbinden, und tun besonders konformistische Politiker, die auf gute Beziehungen mit der Kirche Wert legen und auf Kirchentagen und Papstmanifestationen gerne in der ersten Reihe sitzen und der Hierarchie schmeicheln, aber ihre Einwände gegen offizielles Dogma oder Moral bestenfalls privat äußern.

Es lassen sich jedoch drei weitere Reaktionen beobachten, die mir alle wichtig erscheinen:

1. Man kann sich auf Gemeindeebene engagieren und unbekümmert um Papst und Bischof sich mit dem Seelsorger und der Gemeinde vor Ort identifizieren oder, wie es immer häufiger engagierte Männer und besonders Frauen tun, Funktionen des fehlenden Pfarrers übernehmen.

2. Man kann öffentlich protestieren und energisch von der Kirchenleitung einen Wandel fordern. Doch ist das kritische Potential angesichts des massiven Widerstandes des römisch-katholischen Establishments immer schwächer geworden. Auch die Reformbewegungen leiden unter akutem Nachwuchsmangel und sind von Überalterung betroffen.

3. Man kann über die entstandene Lage wissenschaftlich reflektieren und publizieren und so die einzelnen Kirchenmitglieder und Gemeinden geistig orientieren und inspirieren. Das tun jene Theologen, die sich nicht resigniert zurückgezogen oder sich bequem im akademischen Elfenbeinturm eingerichtet haben, sondern ihre Aufgabe als Lehrer wahrnehmen (vgl. 1 Kor 12,28 f). Hier sehe auch ich als Lehrer der Theologie weiterhin meine Aufgabe.

(aus: »Blätter« 9/2011, Seite 39-48)
Themen: Religion und Fundamentalismus

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