Olympia 2012: Die sportifizierte Gesellschaft | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Olympia 2012: Die sportifizierte Gesellschaft

von Wolfgang Behringer

Wenn sich die Welt vom 27. Juli bis 12. August 2012 zu den 30. Olympischen Spielen in London trifft, dann wird die englische Hauptstadt die einzige Stadt der Welt sein, die die Spiele zum dritten Mal austragen darf.

Bei der ersten Londoner Olympiade 1908 schien die Wahl Londons als Austragungsort im Nachhinein beinahe zwingend, war Großbritannien doch damals im Weltsport führend. Den Zuschlag für die Spiele hatte allerdings zunächst Rom erhalten. Erst als das römische Organisationskomitee praktisch untätig blieb und sich schließlich auflöste, außerdem auch noch der Vesuv ausbrach und in Italien andere Prioritäten gesetzt werden mussten, eröffnete sich eine Chance für London. Der Zuschlag vom IOC kam gerade einmal zwei Jahre vor Beginn der Spiele. Doch die damals größte Stadt Europas löste ihre Aufgabe mit Bravour.

Viele Wettkämpfe glichen allerdings eher britischen Meisterschaften mit ausländischer Beteiligung, denn die Spielregeln und die weitaus meisten Sportler stammten aus dem Königreich. Es nahmen 2041 Athleten (1998 Männer und 43 Frauen) aus 23 Nationen teil, sie kämpften in 110 Wettbewerben. Im Medaillenspiegel dieser Spiele führte das Vereinigte Königreich mit weitem Abstand (54-mal Gold, 51-mal Silber und 38-mal Bronze) vor den USA (23 / 12 / 12) und Schweden (8 / 6 / 11), Frankreich (5 / 5 / 9) und dem Deutschen Reich (3 / 5 / 6).

Die zweite Londoner Olympiade im Jahre 1948 war die erste nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland und Japan durften noch nicht wieder teilnehmen, die UdSSR sagte ab. Trotzdem nahmen mehr Sportler und Länder teil als je zuvor, nämlich 4104 Athleten (3714 Männer und 390 Frauen) aus 59 Nationen, die in 136 Wettbewerben in 17 Sportarten um Medaillen kämpften. Führend im Weltsport waren inzwischen die USA, wie man schon an der Zahl der Bewerbungen amerikanischer Städte ablesen kann. Die neue Supermacht deklassierte mit 38-mal Gold, 27-mal Silber und 19-mal Bronze alle anderen Nationen.

Bei der dritten Londoner Olympiade haben an den Qualifikationswettbewerben Athleten aus 204 Nationen teilgenommen. In 26 Sportarten werden 302 Wettbewerbe ausgetragen, davon 162 für Männer und 132 für Frauen sowie acht gemischte Wettbewerbe. Dazu zählt zum Beispiel das gemischte Tennis‑Doppel, das nach 88 Jahren erstmals wieder ins Programm aufgenommen wird. Beim Boxen werden zudem drei neue Wettbewerbe für Frauen eingeführt und eine für Männer gestrichen.

Von Sitzung zu Sitzung lässt das IOC Sportarten fallen und nimmt neue in den Kanon der Wettbewerbe auf. Tauziehen gehörte immerhin bei sechs Olympiaden von 1900 bis 1920 dazu, Seilklettern war bei drei Spielen dabei, Skijöring (St. Moritz 1928) und Hundeschlitten-Rennen (Lake Placid 1932) nur einmalig, ebenso Cricket und Crocket, Kunstreiten und ­Pelota.

Erinnert sei auch an einige Demonstrationssportarten: Angeln, Ballonfahren, Budo und Glima, Savate und Canne, Kanonenschießen, Drachenfliegen, Lebensretten, (echte) Tauben schießen (alle Paris 1900), Fahrradpolo (London 1908), Segelfliegen (Berlin 1936), Eisstockschießen (Innsbruck 1964), Wasserski (München 1972) und Rollhockey (Barcelona 1992). Nach wie vor führt das IOC das Kartenspiel Bridge und das Brettspiel Schach – sowie Spiele wie Bandy, Billard, Boule und Bowling – unter den anerkannten Sportarten, die somit prinzipiell für die Olympischen Spiele in Frage kommen.[1]

Wie rasant sich der Sport verändert, kann man daran sehen, dass seit den 1990er Jahren mit „Extremsport“, „Funsport“ oder „Trendsport“ sogar neue Oberbegriffe erfunden wurden, um die Breite der Veränderung zu erfassen. Unter rund 50 Trendsportarten, die in den Jahren 1997 / 98 von den Medien erhoben wurden, findet sich keine einzige traditionelle Sportart, da sie offenbar nicht den Selektionskriterien der Zielgruppe entsprechen. Ständig werden neue Sportarten erfunden, teils aus kommerziellen Gründen, denn viele Trendsportarten erfordern ein spezielles Equipment und trendige Accessoires, teils aus purer Abenteuerlust und Risikofreude.[2] Die Sportverbände wiederum nutzen sie, um die Jugend für angestaubte Großereignisse zu gewinnen, und es ist erstaunlich, wie rasch gerade neu erfundene Übungen in den ehrwürdigen olympischen Kanon finden.

Auch wenn das IOC bemüht ist, die Zahl der Disziplinen bei den Olympischen Spielen fest zu begrenzen, darf man die Prognose wagen, dass dies nicht auf Dauer gelingen wird. Immer neue Sportarten drängen auf Anerkennung, und man wird nicht beliebig viele alte dafür aus dem Programm streichen können.

Der Beginn der Neuzeit – der Beginn der Sportifizierung

Olympische Spiele zeigen dabei immer nur einen Ausschnitt aus dem Sportgeschehen, aber sie geben doch im Vergleich zu anderen Veranstaltungen den umfassendsten Einblick. Um die heutige Gestalt des Weltsports zu verstehen, kann man sich die Sportarten einzeln ansehen, oder man kann sie als Ganzes mit der vorhergehenden Epoche der europäischen Geschichte vergleichen.

Mit Beginn der Neuzeit setzte jener Prozess der „Sportifizierung“ der Gesellschaft ein, der bis heute andauert und noch lange nicht abgeschlossen ist.

Die charakteristischen Merkmale der Spiele und Kämpfe in der Frühen Neuzeit waren ihre Transformation in Veranstaltungen, die man mit dem Begriff „Sport“ bezeichnen kann.[3] Begünstigt durch den Buchdruck entstanden Regelbücher und standardisierte Sportplätze und Sporthallen, Professionalisierung und Kommerzialisierung. Der Turniertod Heinrichs II. im Jahre 1559 beschleunigte die Abwendung von ritterlichen Gewaltsportarten. Sie wurden verdrängt durch spielerische Demonstrationen des Könnens und der Eleganz. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts stiegen Wettbewerbe wie das Ringrennen oder Ringleinstechen auf. Um 1600 hatte dieser Sport die unfallträchtigen Turniere weitgehend verdrängt.[4]

Eine ähnliche Verfeinerung lässt sich auch bei den Ballspielen beobachten, die nach Jagd und Reiterspielen beim Adel zur wichtigsten Sportart aufstiegen. Populäre Spiele der einfachen Bevölkerung wurden von den Oberschichten aufgegriffen, verfeinert, standardisiert und durch die Einrichtung fester Spielplätze institutionalisiert. Daneben hielten sich ungefährliche Übungen wie Ringen, Fechten sowie die in allen Ständen beliebten Schießwettbewerbe.

Mit einem geringen Grad an Institutionalisierung bestand daneben der Breitensport: die ohne großen technischen Aufwand zu bewerkstelligenden Wettbewerbe im Laufen,[5] Springen, Ringen, Schwimmen, Werfen, Gewichtheben und Rudern, zünftige Wettbewerbe wie das Bootsturnier auf dem Wasser[6] sowie im Norden das Eislaufen und Skifahren.

Nicht überall in Europa vollzog sich bereits im 18. Jahrhundert jene Demokratisierung des Sports, die in England einsetzte,[7] aber an vielen Orten West- und Mitteleuropas befand man sich auf dem Weg dorthin.

Erziehung zum Sport

Entscheidend für die Sportifizierung der Gesellschaft ist der hohe Institutionalisierungsgrad des Sports in der Frühen Neuzeit: Wir finden Sportunterricht, Sportgeräte, Produzenten von Sportgerät und internationalen Sportgerätehandel. Es gab Sporterzieher, Sportplätze, Sporthallen und Sportfeste. Natürlich gab es Sportregeln, es gab Sportreportagen, wenn auch in den damals existierenden Massenmedien, in Flugblättern, Holzschnitten, Kupferstichen, Bildern und Chroniken, seit dem 17.  Jahrhundert schließlich auch in Zeitungen und seit dem 18. Jahrhundert in Magazinen und Zeitschriften,[8] eine Entwicklung, die 1792 in die Gründung der ersten Sportzeitschrift, des „Sporting Magazine“, einmündete.

Wenn man bedenkt, dass erst wenige Jahre zuvor die erste medizinische Fachzeitschrift gegründet worden war, dann kann man sehen, dass sich die Sportberichterstattung an der vordersten Front der kulturellen Entwicklung befand. Sporteinrichtungen wurden im 17.  Jahrhundert zum Standortfaktor und Gegenstand von touristischen Reiseführern, die explizit auf Spielwiesen wie die Vauxhall Gardens in London oder den Jardin du Luxembourg oder die Jeux de Paume in Paris hinwiesen. Dass die frühneuzeitliche Sportbegeisterung auch die Wahrnehmung der Spieler prägte, kann man an vielen Beispielen sehen. Die Treffen junger Fürsten gleichen wochenlangen Sportveranstaltungen. Seit dem 16. Jahrhundert wurden in alle wichtigeren Schlösser Sportanlagen eingebaut. Mancher Treffpunkt wurde vor allem ausgewählt, weil dort attraktive Sportstätten vorhanden waren.

Sport bot die Gelegenheit zur Kommunikation über Standesgrenzen hinweg. Fürsten luden reisende Sportprofis ein und beschenkten sie für ihre Tipps und Trainingseinheiten, sie spielten auch mit ihren eigenen Beamten, mit Angehörigen der lokalen Stadtverwaltungen und im Prinzip mit jedem, der sportlich etwas zu bieten hatte. Fürsten sahen kein Problem darin, an Wettbewerben mit einfachen Leuten teilzunehmen, wenn sie an einem Sport interessiert waren. Zwar gibt es Beispiele dafür, dass man Fürsten – etwa bei einem Schützenfest – absichtlich gewinnen ließ, doch sehr viel öfter gingen die Preise an einfache Leute, an Stadtbürger oder sogar an Bauern aus dem Umland.

Der Sport hatte seine eigenen Regeln, und diese galten für alle. Die bisher in der Forschung wenig beachteten Sportwettbewerbe waren ein wichtiges Symbol für den sozialen Zusammenhalt auch schon der vormodernen Gesellschaften.

Die Welt als Ballspiel

Ein wichtiger Indikator für den Fortgang der Sportifizierung ist die zunehmende Infiltration der Sprache mit Sportmetaphern. Bereits in der Antike wurden Sportmetaphern verwendet. Apostel Paulus hat in seinem ersten Korintherbrief (1 Kor 9,24–27) mit Bildern aus den Laufwettbewerben und dem Boxen gearbeitet, weil er voraussetzen konnte, dass seine Zuhörer bzw. Leser als Zeitgenossen der Isthmischen Spiele mit den Regeln der Wettkämpfe vertraut waren.[9] Bei den Kirchenvätern Augustinus und Ambrosius wird das christliche Priestertum mit dem Athletentum der Ringer verglichen, und wenn im Mittelalter von „Streitern Gottes“ die Rede ist, dann dachte man vielleicht weniger an die Kreuzzüge als an Ritter, die in ein Turnier ziehen.

Eine ganze Reihe von Sportmetaphern gehen auf das späte Mittelalter und die Frühe Neuzeit zurück und sind heute noch in Gebrauch, manche ohne dass man noch den ursprünglichen Sinn kennt. Wenn jemand „den Vogel abschießt“, dann denkt man nicht mehr an das „Vogelschießen“ als Teil jeder ordentlichen Volksbelustigung. Zuerst wurde auf echte Vögel geschossen, sobald dieses Vergnügen jedoch in den Quellen auftaucht, geht es immer um eine buntbemalte Holzfigur, am liebsten in Form eines Papageis.[10]

François Rabelais zählt über hundert Spiele und Sportarten kommentierend in seinem „Gargantua“ auf,[11] sein überschwänglicher deutscher Übersetzer, der Straßburger Syndikus Johann Fischart, schafft es, diese Anzahl durch Ausschmückung in der „Geschichtklitterung“ noch einmal zu verdoppeln.[12] William Shakespeare liebte es, in seinen Dramen und Lustspielen Anspielungen auf den Sport zu machen und kommt dabei auf nicht weniger als 50 „Sports“.[13] Der englische Reisende Thomas Coryate schrieb in seinem Reisejournal, die Geschichte der Stadt Zürich sei so wechselvoll gewesen, „als ob es Frau Fortunas Tennisball gewesen sei, [der] hin und her von einem Herrn dem andern zugespielt wurde“.[14]

Mit solchen Vergleichen steht er nicht allein da. Wenn sich mittelalterliche Autoren despektierlich über englische Herrscher äußerten, dann mit dem Vorschlag, mit ihren Köpfen Fußball zu spielen, was deren Abtrennung vom Körper voraussetzte. Spielbälle scheinen sich überhaupt für die metaphorische Verwendung besonders zu eignen. Coryate schrieb etwa über die Frauen und Männer in Savoyen, „deren Kehlköpfe stark angeschwollen waren und Kröpfe so groß wie eine Faust, ja wie ein gewöhnlicher Fußball in England aufweisen“.[15] Beliebt waren auch Vergleiche mit den Tierkämpfen, meist um die Schlechtigkeit der Welt darzulegen.[16] Oft gingen auch Gesten aus den Sportarten als Metaphern in die Sprache ein. Wenn jemand „seinen Hut in den Ring werfen“ will, dann will er sich bemerkbar machen, tatsächlich konnte man aber mit dieser Geste bis zum 19. Jahrhundert den Sieger eines Boxkampfes unmittelbar herausfordern.

Sport und Macht

Sport erzählt uns auch etwas über die Machtbalance innerhalb der vorindustriellen Gesellschaften, wo sich die sozialen Eliten nicht nur in Republiken wie der Schweiz, den Generalstaaten oder in Venedig, sondern sogar in Erbmonarchien wie Frankreich, der Toskana oder den deutschen Fürstenstaaten verpflichtet fühlten, populäre Sportarten zu sponsern und zu besuchen und – solange sie fit genug waren – aktiv mitzumachen.

„Running for election“ – wie heutige Politiker – war für die Fürsten nicht das Problem, aber sie mussten auch in Alteuropa um die Zustimmung ihrer Untertanen kämpfen. Ein von der Bevölkerung nicht anerkannter Herrscher galt gemäß der frühneuzeitlichen Politiktheorie als Tyrann. Herrschaft beruhte auf gegenseitigem Respekt. Besonders ungeschickten Potentaten nützte aber auch die Unterstützung des Sports nichts. König Karl I. von England etwa verlor wegen seiner Unfähigkeit in der Finanz- und Religionspolitik buchstäblich seinen Kopf. Jakob I. von England hatte dagegen mit der Verteidigung des Sports gegen religiöse Angriffe in seinem „Book of Sports“ große Zustimmung gewonnen.

Bereits der Schriftsteller Juvenal hat festgestellt, dass die Bevölkerung des Römischen Reiches durch „Brot und Zirkusspiele“ abgelenkt und dabei politisch entmündigt würde. Die Frage nach dem Verhältnis von Sport und Macht hat Soziologen auch in den letzten Jahrzehnten stark beschäftigt. Gelehrte im Umfeld der Frankfurter Schule – und insbesondere Theodor W. Adorno – bezogen eine Extremposition mit der Ansicht, dass Sport nur ein raffiniertes Mittel zur Unterdrückung sei. Dieses in der Bitternis des Exils formulierte Urteil bezog sich aber nicht allein auf den Sport im Nationalsozialismus, sondern gleichermaßen auf den Sport als Teil der amerikanischen Kulturindustrie.[17] Ein Echo dieses Standpunkts findet sich bei dem französischen Kulturtheoretiker Michel Foucault, der Sport als Bestandteil einer gewaltigen staatlichen Disziplinierungsmaschinerie sieht, die seit Beginn der Neuzeit versuchte, die Körper der Menschen zu dressieren.[18]

Wesentlich differenzierter ist die Sicht des Italieners Antonio Gramsci, der zwar wie Adorno die faschistischen Massenchoreographien vor Augen hatte, aber doch dem Sport ein emanzipatorisches Potential zuerkannte. Einerseits sahen er und seine Nachfolger den Sport als Bestandteil einer kulturellen Hegemonie der bürgerlichen, kapitalistischen Klasse, die das Volk mit „Zirkusspielen“ zumal in ­einer Periode zunehmender Freizeit ablenkt und besonders die immer unruhige männliche Jugend in das System einbindet, andererseits setzte Sport als Quelle der Freude potentiell auch positive Energien frei.[19]

Ohne Bezug auf Gramsci verfolgte Pierre Bourdieu, der sich als einer von wenigen Klassikern der Soziologie früh zu Fragen des Sports geäußert hat, einen ähnlichen Pfad, indem er die Klassenbedingtheit der Sportarten untersucht.[20] Seinem Befund nach haben Angehörige der Arbeiterklasse eine höhere Wertschätzung für physische Stärke und ein stark gegenwartsorientiertes Interesse an Kampfsportarten wie Ringen, Boxen, Karate, Gewichtheben oder Bodybuilding, an Mannschaftssportarten mit hohem Körpereinsatz wie Fußball, Rugby oder American Football und an Wettkämpfen, die mit Gefahr und ganzem Körpereinsatz verbunden sind wie Autorennen oder Geräteturnen. Dagegen sähen die Angehörigen der mittleren und höheren Klassen Sport eher zukunftsorientiert im Zusammenhang mit Gesundheit und Sozialprestige. Dies betreffe fitnessorientierte Aktivitäten wie Jogging, Walking etc. sowie Sportarten mit Naturbezug (Klettern, Kajakfahren, Skilanglauf), Mannschaftsspiele mit wenig Körperkontakt (Volleyball, Cricket) oder prestigeträchtige Sportarten wie Golf, Segeln, Polo oder die Jagd, die mit den entsprechenden Clubs und Accessoires zur Akkumulation von symbolischem Kapital dienten.

Die Wahl der Sportart hängt nach Bourdieu also nicht nur von materiellen Voraussetzungen ab, sondern auch von der Mentalität der unterschiedlichen Gesellschaftsklassen in Bezug auf Praktiken des Körpers. Der klassenspezifische Habitus trage entscheidend zur Erhaltung der herrschenden Machtverhältnisse bei, die quasi in die Körper eingeschrieben seien.[21]

Die Kritik des Feminismus

Feministische Kulturwissenschaftlerinnen stehen dem Thema „Sport und Macht“ ambivalent gegenüber. Einerseits bietet der Sport die Möglichkeit, weibliche Stärke zur Schau zu stellen und auch, vor laufender Kamera Terrain zu erobern. Andererseits sind Frauen in ­anderer Weise als ihre männlichen Kollegen dem kapitalistischen Verwertungsinteresse ausgesetzt, verkaufen sich doch Disziplinen mit leicht bekleideten Athletinnen – Surfen, Beachball, Sportgymnastik etc. – besonders gut. Die Rennfahrerin Danica Patrick, die auch ihre Hüllen fallen lässt, erzielt so ein höheres Jahreseinkommen als die meisten Formel-1-Weltmeister.[22]

Leslie Heywood zieht am Beispiel der neuen Werbe-Ikone der selbstbewussten Surferin, die von der Werbeindustrie konstruiert wird, eine eher durchwachsene Bilanz: „Die weibliche Athletin ist heute eine wichtige ikonographische Figur in der globalen Ökonomie und verkörpert Selbstbestimmtheit, Erfolg und Schwung. Sie repräsentiert die ‚neuen‘, demokratischen Möglichkeiten, Globalisierung, Neoliberalismus, und dass Kapital auf dem freien Markt anscheinend allen zur Verfügung steht, die ‚hart genug arbeiten‘. Gegenwärtig erscheint das Bild der weiblichen Surferin im Besonderen als ein Träger der neoliberalen Ideologie von Flexibilität, Do-it-yourself-Subjektivität und der Möglichkeit für jeden, das kulturelle Drehbuch des männlichen Surfers als eines Aussteigers und unproduktiven Rebellen umzuschreiben. Ihre biegsame Körperform ist ein Sinnbild für eine flexible Spezialisierung in der globalen Ökonomie, und das Bild, das sie zu den Ideen von erfolgreicher Selbstverwirklichung liefert, war effektiv genug, um eine Industrie mit einem Volumen von ca. 500 Mio. Dollar im Jahr zu befeuern.“

Die Verwertbarkeit dieses Erfolgsmodells sei allerdings wegen der damit verbundenen Ideologie für die Surferinnen selbst nicht nur von Vorteil: „Allerdings können diese Ideologien, während sie im Bild der weiblichen Surferin und ihrer aktuellen Körperform verkörpert sind, von den weiblichen Surferinnen selbst nicht unbedingt geteilt werden, die mit allen diesen Erzählungen klarkommen müssen, wenn sie ihren eigenen Platz in der Welt ­suchen.“[23]

Heywoods Vorschlag, die Surferinnen müssten ihre eigene Geschichte selbst erzählen, erscheint allerdings ein wenig voluntaristisch, und noch so viele kulturwissenschaftliche Untersuchungen über die massenmediale Präsentation werden an den Marktmechanismen wenig ändern können.

Sport in der Erlebnisgesellschaft

Sport hat daneben allerdings auch eine ganz andere, viel banalere Eigenschaft: Er macht schlicht Spaß. Nach Ansicht mancher Soziologen leben wir heute in einer Erlebnisgesellschaft,[24] und Freizeitaktivitäten haben sicher einen anderen Stellenwert und eine andere Bedeutung als noch vor einer Generation, als Fitness im Vordergrund stand. Mit der Suche nach dem Erlebnis kommen für breitere Schichten der Bevölkerung Mechanismen zur Geltung, die traditionell eher für die Leisure Class von Bedeutung waren: Fragen der Distinktion, des demonstrativen Konsums (conspicuous consumption), die Orientierung an internationalen Moden und die Suche nach dem gesellschaftlich nutzlosen, individuellen Kick.[25]

Die Subsumierung des Sports unter das Erlebnis würde nicht nur erklären helfen, warum die Erfindung neuer Trendsportarten einem immer schnelleren Wandel unterworfen ist – und Trendscouts immer auf der Suche nach dem möglichen nächsten Trend sind –, sondern auch, warum Sport immer stärker zu einem Aspekt der Unterhaltungsindustrie wird. Extremsport passt sich mühelos in professionelles Eventmarketing ein und wird deshalb zum Gegenstand des Sponsorings, das die Pflege des Extremsports belohnt. Showelemente, die man früher eher im Zirkus oder bei Sechstagerennen verortet hätte, sind in den Extremsportarten Alltagsgeschäft und halten auch in die großen Stadien Einzug.[26]

Ganz in der Logik dieser Entwicklung steht es, dass ein internationaler Superstar wie Madonna im Jahr 2012 als Pausennummer des Superbowl im Stadion von Indianapolis vor 69 000 Zuschauern auftritt, gewissermaßen als Sidekick des Endspiels der National Football League (NFL) der USA. Show und Sportereignis laden sich gegenseitig so weit zum Mega-Event auf, dass das Spiel zwischen den New England Patriots und den New York Giants weltweit von 800 Millionen Zuschauern gesehen wurde.[27] Es folgt dieser Logik, wenn die Ratingfirma Forbes die Sportstars zusammen mit den Film- und Popstars unter der Rubrik Celebrities aufführt.

Sport und Geselligkeit

Sport ist heute nach wie vor oft in Vereinen organisiert, einer Sozialform, die im Europa des 18.  Jahrhunderts entstanden ist. Vielen Menschen vermitteln die Vereine immer noch einen Ausgleich zu Beruf und Familie und so etwas wie soziale Orientierung.

Gerade bei den Trendsportarten mit ihren rasch wechselnden Erfordernissen sind traditionelle Vereine aber oft überfordert, denn dort geht es mittlerweile um ganz andere Dinge: um Identität, um das Treffen cooler Gleichgesinnter, um gemeinsame Sprach- und Dresscodes und das Ausprobieren neuer Lebensstile, gewissermaßen um die Inkorporation neuer Sportarten, die sich kaum mit altväter- oder -mütterlicher Vereinsmeierei vertragen.[28]

Insgesamt wird Sport in der sportifizierten Gesellschaft in allen möglichen institutionellen Formen betrieben: als Schulsport, als Rehamaßnahme, in Behinderteneinrichtungen, als Werkssport, als Abo im Fitnessstudio, im Rahmen von Volkshochschulkursen, in Verabredung über Zeitungsannoncen, durch Kontakte über Facebook etc. Und noch öfter wird Sport privat betrieben, individuell als Jogging, Radfahren, Schwimmen oder mit Familienmitgliedern, mit Mitschülern, in Studentengruppen, unter Arbeitskollegen oder im Freundeskreis. Auch wenn zum Beispiel – wie der DOSB in einer Untersuchung herausarbeiten ließ – immer noch über 30 Prozent aller Deutschen Mitglieder in Sportvereinen sind,[29] gerade die Trendsetter aus dem Selbstverwirklichungsmilieu der Gebildeten unter 40 Jahren sind es nicht mehr unbedingt, und die hauptsächlich von ihnen entwickelten neuen Sportarten sprechen das Unterhaltungsmilieu der übrigen Jüngeren an.[30]

Viele Sportarten erhielten im 19. Jahrhundert neue Spielregeln, andere wurden ganz neu erfunden. Das bürgerliche Vereinsleben und die modernen Massenkommunikationsmittel ermöglichten neue Organisationsformen. Man muss jedoch nur an die Olympischen Spiele denken, um zu sehen, wie antike Anregungen über die Renaissance auf die Neuzeit wirkten.

Was aber macht den Sport letztlich zum Sport? Halten wir uns immer an die offiziellen Spielregeln? Oder betreiben nicht die meisten Aktiven modifizierte Formen davon, angepasst an die jeweiligen Konstellationen? Fußball auf der Wiese – zwei gegen zwei auf kleine Tore, die aus auf den Boden gelegten Jacken, Fahrrädern, Einkaufstüten oder was auch immer bestehen, ohne Abseitsregel – ich würde vermuten, dass das noch immer weit verbreitet ist. Berühmte Fußballer wie Pelé oder Maradona, die den Fußball des 20. Jahrhunderts mitgeprägt haben – nach welchen Regeln und mit welchem Equipment haben sie auf der Straße oder am Strand begonnen, welche Art von Betätigung hat sie groß gemacht?

Niemand würde bestreiten, dass Straßenfußball Sport ist – auch wenn das Kicken von Coladosen gegen Schrottautos von der FIFA nicht vorgesehen ist. Das nicht normierte Spiel, es gibt es noch, wenn auch nur außerhalb der Sportwissenschaften. Vor dem 20. Jahrhundert war im englischen Sprachgebrauch Sports alles, was Spaß macht, gleichbedeutend mit leisure oder pastime. In deutschen Übersetzungen dieser Begriffe nannte man das Kurzweil oder Vergnügung.[31] Dazu gehörten Wettrennen und Preisschießen, Ballspiele und alle möglichen Arten der exercitia corporis, aber auch eher unkörperliche Betätigungen wie Kartenspielen oder Angeln, und natürlich Sackhüpfen (Sack Racing) und andere körperliche Aktivitäten, die wir heute eher als Kinderspiele oder pure Narreteien verbuchen würden.[32]

Die Antwort auf Rekordsucht und Leistungswahn stellt der 1986 erfundene Homer Simpson dar, dem alles, was er beginnt, zum Desaster gerät. In einer Umfrage von BBC Channel 4 wurde er zum beliebtesten TV-Charakter aller Zeiten gewählt. Dies verdankt diese Personifikation der Faulheit, Inkompetenz und Gedankenlosigkeit dem Homer in jedem von uns.[33]

Zum Schluss sei daher eines angemerkt: Sport hin oder her, wir sprechen bei der Olympiade als dem größten aller Sportwettbewerbe trotz aller Höchstleistungs- und Rekordmanie und allem Kommerz immer noch von „Spielen“. Für die Zuschauer handelt es sich ohnehin um Zeitvertreib, um „Sports“ im ursprünglichen Sinn, die vor allem eines machen – nämlich Spaß. Für die Beobachter an den Bildschirmen heißt es daher, ganz wie für die teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler: „Dabeisein ist alles.“

 


[1] Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_vom_IOC_anerkannten_Sportarten. 

[2] David Le Breton, Lust am Risiko. Von Bungee-Jumping, U-Bahn-Surfen und anderen Arten, das Schicksal herauszufordern, Frankfurt a. M. 1995. 

[3] James I., The King’s Majesty’s Declaration to his Subjects Concerning Lawful Sports to be Used (1618), London 1633 sowie L. A. Govett, The King’s Book of Sports. A History of the Declarations of King James I and King Charles I as to the Use of Lawful Sports on Sundays, London 1890. 

[4] Michael Hörrmann, Ringrennen am Stuttgarter Hof. Die Entwicklung des Ritterspiels im 16. und 17. Jahrhundert, in: „Sozial- und Zeitgeschichte des Sports“, 3/1989, S. 50-69. 

[5] Stephan Oettermann, Läufer und Vorläufer, Frankfurt a. M. 1984. 

[6] Henning Petershagen, Zünftige Lustbarkeiten. Das Ulmer Fischerstechen. Der Bindertanz, Ulm 1994. 

[7] Thomas S. Henricks, The Democratization of Sport in Eighteenth Century England, in: „Journal of Popular Culture”, 3/1984, S. 3-20. 

[8] Arnd Krüger und John McClelland, Ausgewählte Bibliographie zu Sport und Leibesübungen in der Renaissance, in: Dies. (Hg.), Die Anfänge des modernen Sports in der Renaissance, London 1984, S. 132-180. 

[9] Christine Gerber, Paulus und seine Kinder, Berlin 2005, S. 192-197. 

[10] Eduard Jacobs, Die Schützenkleinodien und das Papageienschießen, Wernigerode 1887. 

[11] François Rabelais, Gargantua und Pantagruel [1534], Frankfurt a. M. 1974, S. 91-95 und S. 95-104. 

[12] Johann Fischart, Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung (Gargantua). Text der Ausgabe letzter Hand von 1590, hg. von Ute Nyssen, Darmstadt 1977, S. 238–251 und S. 251-270. 

[13] Paul G. Brewster, Games and Sports in Shakespeare, in: „Folklore Fellow Communications“, 177 (1959),
S. 3-26. 

[14] Thomas Coryate, Die Venedig- und Rheinfahrt 1608, Stuttgart 1970, S. 227. 

[15] Ebd. S. 67. 

[16] Christoph Daigl, „All the World is but a Bear-Baiting”. Das englische Hetztheater im 16. und 17. Jahrhundert, Berlin 1997. 

[17] David Inglis, Theodor Adorno on Sport. The Jeu d’Esprit of Despair, in: Richard Giulianotti (Hg.), Sport and Modern Social Theorists, New York 2004, S. 81-96. 

[18] Cheryl L. Cole, Michael D. Giardina und David L. Andrews, Michel Foucault. Studies of Power and Sport, in: Richard Giulianotti (Hg.), Sport and Modern Social Theorists, New York 2004, S. 207-224. 

[19] David Rowe, Antonio Gramsci: Sport, Hegemony and the National-Popular, in: Richard Giulianotti (Hg.), Sport and Modern Social Theorists, New York 2004, S. 97-110. 

[20] Pierre Bourdieu, Sport and Social Class, in: „Social Science Information”, 6/1978, S. 819-840. 

[21] Ders., Die feinen Unterschiede, Frankfurt a. M. 1982, S. 332-354. 

[22] Vgl. www.forbes.com/wealth/celebrities/list?ascend=true&sort=moneyRank. 

[23] Leslie Heywood, Third Wave Feminism, Global Economy, and Women’s Surfing: Sport as Stealth Feminism in Girl’s Surf Culture, in: Anita Harris (Hg.), Next Wave Cultures, London 2008, S. 63-82, hier:
S. 81 f. 

[24] Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt a. M. 1992. 

[25] Thorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class, New York 1899. 

[26] Jürgen Schwier, „Do the right things“ – Trends im Feld des Sports, in: „dvs-information“, 2/1998, S. 12. 

[27] www.indianapolissuperbowl.com. 

[28] Jürgen Schwier, Jugend – Kultur – Sport, Hamburg 1998, S. 9-29. 

[29] Eike Emrich et al., Zur Situation der Sportvereine im Deutschen Sportbund (1996): www.dosb.de/fileadmi/fm-dsb/arbeitsfelder/wiss-ges/Dateien/FISAS-Kurzfas...

[30] Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt a.  M. 1992, S. 54. 

[31] Wolfgang Behringer, Vergnügung, in: Friedrich Jäger (Hg.), Enzyklopädie der Neuzeit Band 14, Stuttgart 2011, S. 106-108. 

[32] Sack Racing, in: Tony Collins, John Martin und Wray Vamplew (Hg.), Encyclopedia of Traditional Britisch Rural Sports, London 2005, S. 235. 

[33] There’s nobody like him… except you, me, everyone, in: „Sunday Times“, 20.7.2007.

(aus: »Blätter« 7/2012, Seite 63-72)
Themen: Sport, Europa und Geschichte

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