Mit der Doppelwahl in der Ukraine – der Wahl des Kiewer Parlaments am 25. Oktober und der in den selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk am 2. November – haben sich die Gräben zwischen den Konfliktparteien weiter vertieft. Den Erwartungen weitgehend entsprechend sind die bestehenden Mächte beiderseits der Front im Amt bestätigt worden. Ein Jahr nach dem Beginn der Maidan-Proteste und ein halbes Jahr nach den Unabhängigkeitserklärungen in Donezk und Luhansk entwickelt sich die Lage in Kiew und im Osten im dialektischen Gleichschritt: Im Zuge der Proteste haben sich auf beiden Seiten die politischen Identitäten in rasantem Tempo herausgebildet und -kristallisiert. Die anfängliche Pluralität und Unbestimmtheit auf dem Maidan wurden von nationalistischen Feindbildern und Handlungsmustern abgelöst, die das Bedürfnis nach politischer Identitätsbildung bedienten. In den sogenannten Volksrepubliken vollzog sich eine ähnliche Dynamik: Soziale und antioligarchische Forderungen wurden hier selektiv aufgenommen und einem grundsätzlich nationalistischen Projekt unterworfen. In diesem Kontext besteht die Aufgabe der ukrainischen Linken darin, die soziale Frage aus der nationalen herauszulösen und der nationalistischen Hegemonie auf beiden Seiten entgegenzutreten.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.