Ausgabe Juni 2014

Um die Wurst

Conchita sei Dank! Wer noch immer fürchtet, der Konflikt zwischen Russland und dem Westen könne mit Waffen ausgetragen werden, wurde beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen eines Besseren belehrt: Musik reicht! Kaum stand die österreichische Drag Queen auf der Bühne, kamen sämtliche homophobe Russen aus der Deckung. „Euro-Homos, schmort in der Hölle“, twitterte der Kommunalpolitiker Witali Milonow. Und Wladimir Schirinowski, Chef der rechtspopulistischen Liberal-Demokraten – die Betonung liegt bekanntlich auf liberal – war völlig konsterniert: „Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern ein Es.“

Verfluchtes „Gayropa“: Offensichtlich bringt Conchita das klare Geschlechterbild der wahren Russen völlig in Unordnung. Die Konsequenz liegt für Schirinowski auf der Hand: „Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten bleiben sollen“. Da nun allerdings Österreich – anders als die Ukraine – beim besten Willen nicht mehr okkupierbar ist, muss Russland zum bewährten Mittel der Abschreckung greifen und eine musikalische Grenze errichten. Genauer: einen antifaschistischen Schutzwall. Schließlich erkennt nicht nur Wladimir Jakunin, seines Zeichens Chef der russischen Eisenbahn, einen vulgär-westlichen „Ethno-Faschismus“.

Sie haben etwa 34% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 66% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1.00€)
Digitalausgabe kaufen (10.00€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema