Mafia goes Internet | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Mafia goes Internet

von Jan Kursko

Was hatte doch der Papst für Aufsehen gesorgt, als er Mitte Juni die Mafia der „Anbetung des Bösen und der Verachtung des Gemeinwesens“ anklagte, sie als unvereinbar mit dem christlichen Glauben verurteilte und ihre Mitglieder kurzerhand exkommunizierte. Und das im tief katholischen Kalabrien, dem südlichsten Zipfel Italiens, kurz vor Sizilien!

Bis heute ist von nennenswerten Bekehrungen allerdings nichts bekannt. Dafür scheint ein ganz anderer Gegner wesentlich mehr Erfolg zu haben, nämlich das Internet. Offenbar wird es zum größten Feind der Mafiosi und ihrer neumodischen habits of the heart, ihrer Sitten und Gewohnheiten.

Denn offensichtlich ist auch das organisierte Verbrechen schon lange nicht mehr, was es einmal war. Wer erinnert sich nicht an den legendären Salvatore Totò Riina! Seinen ersten Mord beging er bereits 1949 im zarten Alter von 19 Jahren. Seit Anfang der 70er wieder per Haftbefehl gesucht – da hatte „die Bestie“, so sein Spitzname, schon unzählige Morde auf dem Kerbholz und einige Jahre dafür gesessen – , wurde er jedoch erst 1993 verhaftet. Und warum? Über 20 Jahre hatte er sich in einem unscheinbaren Landhaus versteckt. Zwar nicht gerade bei Wasser und Brot, aber auch nicht bei viel mehr. Kurzum: Jahrelang gab es nichts, was einen echten Mafiosi aus der notgedrungen selbst gewählten Einsamkeit seiner Klause hervorlocken konnte. Denn das Wichtigste ließ sich ja auch von dort aus glänzend organisieren: der Terror und die Morde, um das Vermögen der „Familie“ zu mehren. Schließlich hatte man dafür ja seine einschlägigen Freunde: So soll Riina sich in dieser Zeit mehrfach mit dem siebenmaligen christdemokratischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti getroffen haben.

Doch offenbar sind Riinas Nachkommen nicht mehr aus demselben Schrot und Korn. Bescheidenheit und Zurückhaltung, gar Entbehrung im Dienste der „ehrenwerten Gesellschaft“ sind nicht mehr ihre Sache. Nicht „omerta“, das Gesetz des Schweigens, sondern „online“ lautet ihre Devise. Das demonstrierte unlängst Domenico Palazotto, der junge Anführer der Cosa Nostra im Stadtteil Arenella von Palermo. Völlig ungeniert präsentierte er auf seiner Facebook-Seite die interessantesten Fotos: mal posierend in der Stretchlimousine mit Champagner und Zigarillo, mal auf dem dicken Motorboot, natürlich mit nacktem Oberkörper. Ganz so also, wie man sich das Mafiosileben des 21. Jahrhunderts vorstellt. Dumm nur, dass er sich zudem auf einem Video damit brüstete, der wahre Pate der Stadt zu sein. Spätestens ab da interessierte sich auch die Polizei für ihn, um ihn kurz darauf einzubuchten. Was aber bedeutet das alles? Das finale Ende unserer guten alten Welt und ihrer wahren Werte? Den totalen Kulturverlust der letzten verbliebenen konservativen Institution Italiens – nach dem Niedergang der katholischen Kirche? Und damit den Beleg dafür, dass die Individualisierungstheorie eben auch in den reaktionärsten Kreisen greift?

Aber seien wir doch ehrlich: Wer wollte es dem armen Jung-Mafiosi verdenken, dass er in unserer exhibitionistischen Gesellschaft auch einmal ein Selfie machen will – mit sich und seinen hart erarbeiteten Statussymbolen? Und wer wollte ihm schon das Twittern verbieten – zumal, wenn er anschließend in den Bau wandert. Deshalb: Twitter frei für Riina und Co.! Denn auf eines ist auch in Italien Verlass: Die schwedischen Gardinen sind immer noch die alten.

(aus: »Blätter« 9/2014, Seite 44-44)
Themen: Medien, Geschichte und Kultur

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