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Das chinesische Menetekel

von Robert Hennelly

Über China und seine Aktienmärkte ringt man in den westlichen Medien derzeit die Hände. Das Thema beherrscht die Finanznachrichten aller Kanäle, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Doch wo steht geschrieben, dass der Rest der Welt ein Anrecht hat, aus China Jahr für Jahr und für alle Zeiten Renditen in zweistelliger Höhe herauszuschlagen? Lehrt uns doch schon Investing 101, der Grundkurs für angehende Investoren, dass frühere Erfolge sich nicht einfach auf die Zukunft hochrechnen lassen. Gleichwohl sind die amerikanischen Businessmedien, die jetzt China mit Diagnosen und Empfehlungen beglücken, was die Verantwortlichen dort zu tun hätten, genau dieselben, die einst das heraufziehende Hypothekenfiasko verschliefen, das im Jahr 2008 die Weltwirtschaft fast in den Abgrund gestürzt hätte. Nichts bringt die Verstimmung westlicher Investoren über Chinas Missgeschick besser zum Ausdruck als ein Meinungsbeitrag, den die „New York Times“ jüngst unter dem Titel „Chinas obsolete Wirtschaftsstrategie“ veröffentlichte. Gnadenlos kanzelt das „Weltblatt“ darin die Volksrepublik ab, weil sie wirtschaftspolitisch „so viele Fehler gemacht“ habe.

Gewaltige Überkapazitäten

Dass diese Chinakrise nicht aus heiterem Himmel entstanden, sondern ohne den großen Knall von 2008 überhaupt nicht zu verstehen ist, kommt der „Times“ nicht in den Sinn. Tatsächlich handelt es sich um eine Fortsetzung des größten Bankraubs der Weltgeschichte, der Millionen von Amerikanern um ihre Ersparnisse und das Dach über dem Kopf brachte. Zumindest teilweise hängt die chinesische Implosion mit den Dollarbillionen zusammen, die aufgrund der massiven Verschuldung öffentlicher wie privater Haushalte die ganze Welt überschwemmen, seit die US-Zentralbank, um ihre Freunde von der Wall Street zu retten, eine Strategie des billigen Geldes verfolgt.

Was aber haben China und andere Aufsteiger sich mit all dieser Kaufkraft auf Pump eingehandelt? Gewaltige Überkapazitäten, für deren Produkte es nicht genügend Abnehmer gibt! Eine Analyse der Schweizer Investmentbank UBS kommt zu dem Schluss, dass die Welt jetzt überschüssige Stahlkapazitäten in der Größenordnung von 553 Millionen Tonnen jährlich hat. Das entspricht – nur zur Veranschaulichung – in etwa dem Gewicht von 11 000 Schlachtschiffen! Doch die Stahlschwemme ist nicht das einzige Überangebot, unter dem die Welt heute leidet: Die Überflutung der Märkte mit Öl drückt derzeit die Preise ins Bodenlose; auch Erze werden in Mengen gefördert, die keine Abnehmer mehr finden. Um es dahin zu bringen, hat die Welt sich bis über die Ohren verschuldet – und die Rechnung kam pünktlich. Alles, was die Anbieter in dieser Zwangslage noch tun können, ist verkaufen, verkaufen, verkaufen – bis die Lichter ausgehen. Man fühlt sich unangenehm an die Märchen erinnert, die einst über den unsinkbaren amerikanischen Immobilienmarkt verbreitet wurden, nur dass diesmal der globale Wettbewerb als Prince Charming herhalten musste.

Während China in nur einem Monat Wohlstandsverluste von über einer Billion Dollar erleidet, ereifert sich die Wirtschaftspresse darüber, „wie schlecht die Chinesen wirtschaften“. Mit ein wenig mehr selbstkritischem Abstand würde uns vielleicht aufgehen, dass das Pro- blem in Wahrheit dem westlichen Modell des Weltkapitalismus mit seinen brutalen Boom-Bust-Zyklen entspringt.

Umweltverschmutzung – zu Lasten unserer Kinder

Das Problem besteht übrigens nicht allein in dem Schuldenberg, der mit der Schaffung derartiger Überkapazitäten aufgehäuft wurde, sondern zugleich in der gewaltigen und anhaltenden Umweltverschmutzung, die sie begleitete. Ungeachtet all ihrer Umweltschutzrhetorik verstanden es unsere Weltmärkte und Multis, diese ökologischen Schäden aus ihren Bilanzen und ihren Kosten-Nutzen-Rechnungen sauber herauszuhalten. Was Verschuldung und Umweltzerstörung miteinander gemein haben? Nun, beide bestehlen die Zukunft und gehen zu Lasten der Optionen, die unseren Kindern dereinst noch bleiben.

Die Perspektive, aus der Organe wie „Bloomberg News“ oder CNBC den chinesischen Börsenkrach betrachten, ist entschieden zu eng. Wäre sie weiter, wäre es allerdings um die journalistische Stichhaltigkeit ihrer Analysen geschehen. Nennen wir das Phänomen „Wallstreet-Kurzsichtigkeit“.

„China hat kein Aktienmarktpro- blem“, sagt Michael Santoro, Professor für Weltwirtschaftsethik an der Rutgers Business School und Verfasser des Buches „China 2020: How Western Business Can and Should Influence Social Change in the Coming Decade“ („Wie die westliche Wirtschaft im kommenden Jahrzehnt den sozialen Wandel beeinflussen kann und sollte“). Die Lage ist, so Santoro, viel ernster, denn „China hat schwere politische, soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme.“

Wer es versäumt, die Chinakrise in all diesen Facetten zu erfassen, dem entgeht das volle Ausmaß dessen, was der Vorgang für China, ja für den Globus bedeutet. Es geht da keineswegs nur um Geld. Während sie sich in Hunderten von Worten darüber auslassen, wie China „eine eigentlich natürliche, gutartige Abkühlung in ein wirtschaftliches Chaos verwandelte“, verzichten die NYT-Kommentatoren – man glaubt es kaum – tatsächlich darauf, den ökologischen Notstand des Landes auch nur zu erwähnen: die dramatische Verschlechterung der Luftqualität und die dadurch erzwungene Schließung Tausender von Schulen und Produktionsstätten.

Diese Unfähigkeit, den Zusammenhang zwischen Umweltkrise und wirtschaftlicher Abkühlung in China zu begreifen, verstellt den Blick auf das Wesen der Probleme, vor denen das Land in Wahrheit steht. Wirtschaftliche Abkühlung und Umweltkrise sind ineinander verflochten. Sie sind letztlich eine Folge der chinesischen Entscheidung, die Volksrepublik zur Fabrik der ganzen Welt zu machen, und der Beharrlichkeit, mit der sowohl China als auch der Rest der Welt die Konsequenzen daraus jahrzehntelang ignoriert haben. Es geht also nicht um die Art von Problemen, die sich, wie die „Times“ meint, ganz einfach bewältigen lassen, indem man „mehr Privatinitiative und mehr Wettbewerb fördert“.

Berkeley Earth, eine gemeinnützige Forschungseinrichtung, belegt in ihrer jüngsten Studie zur Luftqualität die tödlichen Auswirkungen der Umweltverschmutzung in China. Diese ist dermaßen toxisch, dass sie 4000 Todesfälle täglich verursacht – was etwa 17 Prozent der chinesischen Mortalitätsrate entspricht. Der globale Kontext lässt sich einer Studie der Zeitschrift „Nature“ entnehmen. Sie veranschlagt die luftverschmutzungsbedingte Mortalität mit weltweit jährlich 3,3 Millionen Toten, von denen rund die Hälfte auf China entfallen. Dabei beträgt dessen Anteil an der Weltbevölkerung weniger als ein Fünftel.

Chronischer Wassermangel

Im Jahr 2014 gestanden chinesische Funktionäre ein, dass fast zwei Drittel der Bodenwässer des Landes kontaminiert sind. Schon 2011 hatten Wasserproben bei über der Hälfte der Seen und Talsperren Chinas eine so hohe Belastung ergeben, dass ihr Wasser für Menschen ungenießbar war. Ungefähr die Hälfte der chinesischen Landbevölkerung hat keinen Zugang zu Trinkwasser, welches internationalen Standards gerecht wird. Das Land leidet unter chronischem Wassermangel.

Im Verlauf der letzten fünfzig Jahre hat das Land fast ein Viertel seiner Süßwassersumpfflächen und über die Hälfte seiner Küstenfeuchtgebiete verloren. Dieser Verlust an Speicher- und Rückgewinnungskapazitäten kommt einem Kurzschluss im natürlichen Wasserkreislauf gleich und führt immer häufiger zu Überschwemmungs- und Verseuchungskatastrophen.

China kann sich durchaus großer Errungenschaften rühmen, etwa der Verringerung des Anteils der Bevölkerung, der unter chronischem Hunger leidet, um fast 40 Prozent. Hundert Millionen Menschen entgingen so während der letzten zwanzig Jahre dem Hungertod. Andererseits belastet die Entwicklung des Landes die Agrarflächen stark. Zwischen 1997 und 2008 – also in einem einzigen Jahrzehnt – gingen sechs Prozent dieser Flächen verloren, sodass ein Fünftel der Weltbevölkerung sich jetzt von lediglich sieben Prozent der Welt- agrarflächen ernähren muss.

„Was man im Hinblick auf China wissen muss, ist, dass wirklich jeder, oben wie unten, das Umweltproblem im Kopf hat.“ So sieht es Peter Kwong, ein renommierter Professor am Hunter College der City of New York University. Fälle kontaminierter Produkte waren es, sagt Kwong, die Skepsis gegenüber amtlichen Produktsicherheitsangaben und an der staatlichen Umweltpolitik ganz allgemein aufkommen ließen. „Babymilch, Wasser und vergleichbar wichtige Artikel der Grundversorgung unterlagen keiner Kontrolle, was von Geschäftemachern ausgenutzt wurde, um den Leuten Schund zu verkaufen. Die Chinesen merkten das und begannen, den Staat dafür verantwortlich zu machen. Jetzt hat der Unmut über die Umweltmisere solche Ausmaße angenommen, dass die Regierung sich gezwungen sieht, mehr zu tun als je zuvor.“

2014 machten die Pekinger, dem Pew Research Center zufolge, 200 Tage mit ungesunder Luftqualität durch, von denen 21 unter die Kategorie „gesundheitsgefährdend“ fielen. Im vergangenen Jahr produzierte die ehemalige Nachrichtenmoderatorin des Chinesischen Zentral-Fernsehens (CNTV) Chai Jing einen knallharten Dokumentarfilm über die Umweltverschmutzung durch Chinas Öl- und Kohleindustrie. 150 Millionen Zuschauer sahen die Dokumentation „Under the Dome“ („Unter der Dunstglocke“) im chinesischen Internet, bevor die Zensur den Zugang beschränkte.

Wer weiß, dass die Vereinigten Staaten pro Kopf über sechsmal so viel agrarwirtschaftlich nutzbares Land wie China verfügen, kann sich eine Vorstellung davon machen, unter welchem Druck die Volksrepublik derzeit steht. Ihre Probleme sprengen die Dimension einer Börsenkrise bei weitem.

Wie China jetzt hautnah erlebt, hat die Belastbarkeit unserer Erde Grenzen. Und eine Wirtschaftsweise, die auf Verschuldung und Umweltzerstörung beruht, macht zwar auf kurze Sicht einige Leute reich, geht aber letztlich zu Lasten der ganzen Menschheit, ja des Planeten selbst. Das aber stellt uns alle – sowohl im Osten wie im Westen – vor eine gemeinsame Herausforderung: Formen kollektiven Wohlergehens und kollektiver Prosperität zu entwickeln, die nicht länger darauf basieren, die geteilte Zukunft zu plündern. 

© Agence Global, Übersetzung: Karl D. Bredthauer

(aus: »Blätter« 2/2016, Seite 41-44)
Themen: Asien, Finanzmärkte und Wirtschaft

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