»Stehen Sie nicht abseits: Demokratie ist kein Zuschauersport!« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Stehen Sie nicht abseits: Demokratie ist kein Zuschauersport!«

von Bernie Sanders

Am 31. Mai sprach US-Senator Bernie Sanders, der im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur nur knapp Hillary Clinton unterlag, vor über tausend begeisterten Studierenden in Berlin. Eingeladen hatten die Freie Universität, das »ZEITmagazin« und der Ullstein-Verlag, bei dem soeben Sanders‘ neues Buch »Unsere Revolution« erschienen ist. Die Moderation übernahm der Chefredakteur des »ZEITmagazins«, Christoph Amend. Wir veröffentlichen Sanders‘ Rede in gekürzter und redaktionell leicht bearbeiteter Fassung. Die Übersetzung stammt von Steffen Vogel – D. Red.

Lassen Sie mich zu Beginn etwas Offenkundiges festhalten, eine Sicht, die von der übergroßen Mehrheit des amerikanischen Volkes und einer starken Mehrheit im US-Kongress geteilt wird: Seit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs war die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa unentbehrlich, um Konflikte zu verhindern und den Lebensstandard für hunderte Millionen von Menschen zu verbessern. In meinen Augen muss diese Beziehung andauern, nicht nur um der Menschen in den Vereinigten Staaten und Europa willen, sondern für mehr Stabilität weltweit.

Ferner bin ich der festen Überzeugung, dass der Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen töricht und gefährlich ist. Es ist ein entsetzlicher Fehler. Aber das amerikanische Volk – und wie ich weiß auch Sie hier in Deutschland und überall auf der Welt – verstehen, anders als Präsident Trump, dass der Klimawandel kein Schwindel ist. Er ist eine gefährliche Realität, die durch menschliches Handeln verursacht wird und weltweit bereits große Probleme hervorruft. Ich möchte, dass Sie Folgendes wissen: Viele US-Bundesstaaten, darunter mein eigener, arbeiten massiv an der Transformation unseres Energiesystems, weg von fossilen Brennstoffen und hin zu Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Und wenn es ein klares Beispiel für die Notwendigkeit internationaler Kooperation gibt, dann ist es die Klimakrise. Daher ist das Pariser Abkommen so wichtig. Deutschland allein wird die Erwärmung dieses Planeten nicht aufhalten, nicht die zunehmenden Überschwemmungen und Dürren und Hitzewellen und steigenden Meeresspiegel und die Versauerung der Ozeane überall auf der Welt. Deutschland kann dies nicht alleine tun. China kann es nicht. Die Vereinigten Staaten können es nicht. Diese Krise hat außerordentliche Konsequenzen und schreit nach starker internationaler Zusammenarbeit, wenn wir unseren Kindern und Enkelkindern diesen Planeten in einem gesunden und bewohnbaren Zustand hinterlassen wollen.

Daher sollten Sie wissen: Was auch immer Trump glaubt oder tut, es gibt überall in unserem Land massive Anstrengungen, es mit der mächtigen Energiebranche aufzunehmen. Die Öl-, Gas- und Kohleunternehmen interessieren sich mehr für ihre kurzfristigen Profite als für die Zukunft dieses Planeten. Überall im Land steigen Menschen auf Solar- und Windenergie sowie Erdwärme um. Wir stecken Milliarden Dollar in die Wärmedämmung unserer Gebäude. Wir steigen massiv auf Elektroautos um. Was auch immer Trump sagen oder tun mag: Denken Sie nicht, dass die Menschen in den Vereinigten Staaten dieser Krise ihren Rücken kehren.

Als ich in Europa eintraf, wollten viele Menschen wissen, was ich über Donald Trumps Präsidentschaft denke. Lassen Sie mich ein paar Worte darüber verlieren. Es ist kein großes Geheimnis, dass ich aus vielen, vielen Gründen – vorsichtig formuliert – kein großer Fan von Präsident Donald Trump bin. Lassen Sie mich kurz einige dieser Gründe nennen.

Erstens: Als Senator des Bundesstaats Vermont interessiert mich, ebenso wie meine Wähler, natürlich seine Innenpolitik. Wir müssen also einen genauen Blick auf den verheerenden Haushaltsentwurf werfen, den Trump soeben dem Kongress vorgelegt hat. Das sollten Sie hören, weil es Ihnen verrät, wie entrückt Donald Trump dem amerikanischen Volk ist – und das bei lebenswichtigen Themen für die arbeitenden Menschen in Amerika. In einer Zeit massiver Einkommens- und Vermögensungleichheit in den Vereinigten Staaten ist Trumps Haushaltsplan ein empörendes Dokument. Es ist der entsetzlichste Haushaltsplan in der neueren Geschichte der USA. Er sieht nichts weniger als eine massive Umverteilung von den arbeitenden Menschen, den Alten, Kindern, Kranken und Armen zum obersten einen Prozent vor.

Bei dem, was ich Ihnen jetzt sage, werden Sie sich die Augen reiben, weil es so unwahrscheinlich klingt: Trumps Haushaltsplan würde 23 Millionen Amerikanern die Krankenversicherung nehmen. Dabei hat die sogenannte Obama Care diesen Schutz erst kürzlich ausgeweitet, und selbst wenn diese Reform nicht weit genug ging, war sie doch ein Anfang. Wenn dieses Budget aber verabschiedet wird, wenn die verheerende Gesundheitsreform der Republikaner durchgeht, dann werden tausende Amerikaner unnötig sterben, weil sie nicht mehr zum Arzt gehen können. Obendrein sieht der Haushaltsplan massive Kürzungen bei Ernährungsprogrammen vor. Jetzt reden wir über die grundlegenden Notwendigkeiten des Lebens. In Amerika kämpfen Millionen von Menschen darum, etwas zu essen auf den Tisch zu bekommen. Deswegen gibt es ein Programm, dass schwangere Frauen mit niedrigem Einkommen mit Lebensmitteln versorgt, damit ihre Schwangerschaft erfolgreich verläuft und ihre Kinder gesund ins Leben starten. Trump will dieses Programm massiv kürzen. Gleichzeitig versorgt Trump das oberste eine Prozent für zehn Jahre mit Steuererleichterungen über drei Billionen Dollar. Stellen Sie sich das vor: Wir haben heute schon massive Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen. Und Trumps Haushalt spart, indem er Programme kürzt, die Kinder und arbeitende Menschen verzweifelt brauchen. Zugleich bekommen wir Steuererleichterungen über drei Billionen Dollar für das oberste eine Prozent. Im Wahlkampf sagte Trump: Ich bin ein anderer Republikaner. Ich werde auf der Seite der arbeitenden Menschen sein, auf der Seite der Notleidenden. Aber seine Politik als Präsident kehrt den arbeitenden Menschen den Rücken zu; sie ist eine enorme Unterstützung für die Milliardärsklasse.

Ein Angriff auf die amerikanische Demokratie

Zweitens erfüllt mich Donald Trumps Respektlosigkeit gegenüber Demokratie, Toleranz und traditionellen amerikanischen Werten mit großer Sorge. Seine beispiellosen Angriffe auf die Medien sind nichts weniger als der Versuch, mögliche Kritiker einzuschüchtern und den Respekt für Dissens und eine freie Presse zu unterminieren. Schauen Sie, ich bin Politiker und habe jeden Tag Probleme mit den Medien, so wie jeder Politiker in jedem Land. Aber jetzt sagt der Präsident der Vereinigten Staaten im Grunde: Die „New York Times“ und die „Washington Post“, CBS, CNN und NBC lügen, alles, was sie sagen, ist Fake News, glauben Sie ihnen kein Wort, und wenn Sie die Wahrheit hören wollen, bekommen Sie sie nur von mir, von Donald Trump. Das ist nicht zum Lachen. Das ist ernst. Das ist ein schwerer Angriff auf die amerikanische Demokratie.

Ich habe Kollegen im Senat, die sehr, sehr konservativ sind und mit denen ich in keiner Frage übereinstimme. Aber viele von ihnen glauben, was sie sagen, sie sind ehrlich. Das respektiere ich. Manche von ihnen sind meine Freunde. Mit Präsident Trump hingegen sehen wir einen Mann, der immer wieder eklatante Lügen erzählt und empörende Behauptungen aufstellt, die nicht von Tatsachen gestützt werden. Zu diesen Lügen gehört eine, die er nicht ohne Grund erzählt hat: Vor ein paar Monaten sagte er, bei der Präsidentschaftswahl hätten zwischen drei und fünf Millionen Menschen illegal abgestimmt. Nun, es stellte sich heraus, dass kein Wahlvorsteher in den Vereinigten Staaten, sei er Demokrat, sei er Republikaner, daran glaubt. Warum sagte Trump es dann? Er tat es, weil er die aktuellen Versuche in vielen republikanisch dominierten Staaten unterstützt, mit denen die Wahlteilnahme von Armen, People of Color[1] und Alten erschwert werden soll. Wer gegen ihn stimmen könnte, soll möglichst nicht wählen können. Und wenn das nicht alles untergräbt, wofür Amerika steht, dann weiß ich es auch nicht.

Die Vereinigten Staaten sind stets weltweit führend gewesen, wenn es galt, die Demokratie zu fördern. Wir investieren viel Geld, um Entwicklungsländern auf dem Weg zur Demokratie zu helfen. Das ist unser Wertesystem: Wir glauben an das Recht der Menschen, ihre Zukunft zu bestimmen. Daher finde ich es unbegreiflich, dass wir heute einen Präsidenten haben, der sich mit Autokraten und autoritären Politikern wohler fühlt als mit den Spitzenpolitikern demokratischer Länder. Offen gesagt, versuchen viele Amerikaner, sich einen Reim darauf zu machen, warum Donald Trump Präsident Wladimir Putin so sehr zu bewundern scheint. Wie Sie alle wissen, ist Putin ein Führer, der in seinem eigenen Land die Demokratie massiv unterdrückt und der sich in freie Wahlen in den Vereinigten Staaten, Frankreich und anderen Ländern eingemischt hat. Passen Sie auf, Deutschland könnte als Nächstes dran sein. Putin hat die letzten Jahre mit dem Versuch verbracht, weltweit die Demokratie zu destabilisieren. Die Amerikaner fragen sich auch, warum Präsident Trump so freundliche Worte für den philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte findet, der Bürger- und Freiheitsrechte in seinem Land radikal untergräbt. Und warum er sich mit den Führern Saudi-Arabiens so wohl fühlt, einer Erbmonarchie, die Frauen als Bürger dritter Klasse behandelt und den Wahhabismus fördert, eine radikale und extreme Form des Islam.

Ich werde in meinem Land und überall in der Welt oft gefragt, warum Donald Trump die Wahl gewonnen hat. Einer der wesentlichen Gründe besteht darin, dass viele Millionen Amerikaner aus der Arbeiterklasse, oft in ländlichen Regionen, von der globalen Ökonomie und aufgrund fehlender Ausbildung für die neuen Hightechjobs zurückgelassen werden. Mit anderen Worten: Die Welt bewegt sich sehr, sehr schnell, aber wenn sie Städte im ländlichen Amerika besuchen, stoßen sie auf rostende Fabriken, auf Städte, aus denen die Jungen wegziehen und in deren Schulen immer weniger Kinder gehen. Die Menschen dort wurden zu lange vernachlässigt und ignoriert, von Politikern im Allgemeinen und den Demokraten im Besonderen.

Und diese Leute fragen: Weiß irgendjemand, dass ich von neun Dollar die Stunde nicht leben kann? Weiß jemand, dass ich keine Krankenversicherung habe? Weiß jemand, dass ich es mir als alleinerziehende Mutter nicht leisten kann, 10 000 Dollar im Jahr für Kinderbetreuung auszugeben, wenn ich 30 000 Dollar verdiene? Dass ich es mir nicht leisten kann, 40 bis 50 Prozent meines Einkommens für die Miete aufzuwenden? Weiß jemand, dass ich mich zu Tode ängstige, wenn ich an die Zukunft meines Kindes denke, weil es sich die hohen Collegegebühren nicht leisten kann und es in meiner Gemeinde keine anständigen Jobs gibt? Hört jemand meinen Schmerz? Die traurige Wahrheit ist, dass wir in Washington nicht zugehört haben. Und die Wahrheit ist auch: In den letzten 40 Jahren hat sich die Technologie gewaltig entwickelt, sind die Arbeiter produktiver geworden und wurde in den Vereinigten Staaten ein enormer Reichtum erzeugt. Aber zugleich ist die Mittelklasse geschrumpft. 43 Millionen Amerikaner leben heute in Armut, einige in verzweifelter Armut, während der neu geschaffene Reichtum nahezu vollständig den Menschen an der Spitze zugutekam.

Das geschieht in vielen Teilen der Welt. Den multinationalen Konzernen und den reichsten Menschen geht es überall phänomenal gut. Sie mögen uneingeschränkten Freihandel, weil das in Amerika bedeutet: Man kann eine Fabrik schließen, in der die Menschen einen auskömmlichen Lohn erhalten, und sie nach China oder Mexiko verlagern, wo man den Menschen nur einen kleinen Bruchteil der amerikanischen Löhne zahlt. In den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt entgehen Billionen Dollar an Unternehmensgewinnen der Besteuerung aufgrund von Steuersystemen, die es den Reichen gestatten, Geld mit einem Mausklick zu verschieben und sich ihren Steuerverpflichtungen zu entziehen. In den Vereinigten Staaten – und weltweit – gibt es Konzerne, die jährlich Milliardenprofite machen, aber keine Bundessteuern zahlen, weil sie ihre Profite auf den Cayman-Inseln, in Bermuda, Luxemburg, Irland oder wo auch immer verstecken. Das ist ein weiteres Gebiet, auf dem wir internationale Kooperation brauchen, wo wir alle zusammenarbeiten müssen. Es ist inakzeptabel, dass sich große profitable Konzerne ihrem fairen Teil am Steueraufkommen entziehen, sei es in den Vereinigten Staaten, Deutschland, Großbritannien oder anderswo.

Auf dem Weg in die Oligarchie?

Meine größte Furcht ist, dass sich die Vereinigten Staaten heute in Richtung einer Oligarchie bewegen, in der eine kleine Zahl von Milliardären unsere Wirtschaft und unser politisches Leben kontrolliert. Und übrigens, wenn wir über Oligarchie reden und die Macht der wenigen über die vielen, dann denken Sie bitte nicht, das sei ein amerikanisches Phänomen. Weltweit, und das ist kaum zu glauben, besitzt das oberste eine Prozent heute mehr Reichtum als die übrigen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Die reichsten acht Menschen der Welt – acht Menschen! – besitzen mehr als die untere Hälfte der Weltbevölkerung. Können Sie sich das vorstellen? In einer Welt, in der Kinder sterben, weil sich ihre Eltern die Medikamente für leicht vermeidbare Krankheiten nicht leisten können. In einer Welt, in der es Menschen immer schwerer fällt, sauberes Trinkwasser oder eine anständige Wohnung zu finden. In dieser Welt besitzen acht der reichsten Menschen mehr als die untere Hälfte der Weltbevölkerung. Unsere Aufgabe ist es, diese Schande nicht zu akzeptieren. Sie ist inakzeptabel!

Wissen Sie, es ist einfach, Geschichtsbücher zu lesen und über die Könige und Königinnen und Zaren nachzudenken, über Menschen, die außergewöhnlich reich waren, während ihr Volk nichts besaß. Es ist einfach, in der Geschichte zurückzublicken. Aber was glauben Sie, geschieht heute? Heute gibt es Menschen, die 30, 40, 50 Milliarden Dollar schwer sind, die hunderte von Autos besitzen, die Yachten besitzen und all das Geld nicht in tausend Leben ausgeben könnten. Und auf der anderen Seite haben wir Kinder, die unnötig sterben und Menschen, die nicht zum Arzt gehen können, wenn sie einen brauchen. Unsere Aufgabe ist es, an diesem Punkt der Geschichte, der uns so große Möglichkeiten zur Verbesserung des Lebens bietet, weltweit gemeinsam gegen diese Milliardärsklasse aufzustehen und ihr zu sagen, dass ihre Gier und ihre Selbstsucht nicht mehr akzeptabel sind und dass wir es mit ihr aufnehmen werden.

Als wir die Präsidentschaftskampagne begannen, hatten wir kein Geld und keine Organisation. Sehr wenige Menschen kannten mich außerhalb des Bundesstaats Vermont – der einer der kleinsten Staaten des Landes ist, ein schöner Staat, den Sie hoffentlich besuchen, wenn Sie einmal in die Vereinigten Staaten kommen. Offen gesagt, hatten wir keine Ahnung, wie man sich um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewirbt. Aber wir haben sehr schnell gelernt. Der wichtigste Punkt, auf den wir zu Beginn unserer Kampagne stießen, war folgender: Unter arbeitenden Menschen und unter jungen Menschen gab es einen Hunger danach, nicht zu kleckern, sondern zu klotzen. Es gab einen Hunger nach Fragen wie diesen: Warum sind die Vereinigten Staaten heute das einzige bedeutende Land auf der Welt, das nicht allen Menschen eine Gesundheitsversorgung garantiert? Wenn Kanada es tut, wenn Großbritannien es tut, wenn Deutschland es tut, wenn Frankreich es tut, wenn jedes bedeutende Land auf der Welt zu dem Schluss gekommen ist, dass Gesundheitsversorgung ein Recht ist und kein Privileg – warum können die Vereinigten Staaten das dann nicht auch tun? Und die Menschen sagten: Ja, das ist eine gute Frage, warum eigentlich nicht?

Oder, ein anderes Thema, mit dem Sie vielleicht nicht so vertraut sind: Wir haben junge Menschen, die das College abschließen und Schulden von 50 000 oder 80 000 Dollar an Bildungskrediten haben, auch wegen der hohen Studiengebühren. Vor einigen Jahren sprach ich mit einer jungen Frau, die in meiner Stadt Burlington in Vermont die medizinische Grundversorgung leistet. Nach ihrem Medizinstudium hatte sie 300 000 Dollar Schulden. Das ist doch verrückt. Dann traf ich in Iowa eine junge Zahnmedizinerin mit 400 000 Dollar Schulden. Also sagten wir: In Zeiten starken globalen Wettbewerbs müssen alle unsere jungen Menschen auf der Welt die bestmögliche Ausbildung erhalten, ohne sich tief zu verschulden. Und das stieß auf großen Anklang im Land, vor allem bei jungen Leuten und ihren Eltern.

Lassen Sie mich ein anderes Thema ansprechen. In den Vereinigten Staaten von Amerika, dem reichsten Land in der Geschichte der Welt, sitzen mehr Menschen im Gefängnis als in jedem anderen Land. Ein kommunistisches autoritäres Land wie China, das viermal so groß ist wie die Vereinigten Staaten, hat weniger Gefängnisinsassen als wir. Kalifornien etwa gibt mehr Geld für Gefängnisse aus als für Colleges und Universitäten. Und unter den Inhaftierten sind unverhältnismäßig viele Afroamerikaner. Ein heute geborener afroamerikanischer Mann hat ein Risiko von eins zu vier, im Gefängnis zu landen. Das gilt auch für Latinos und Native Americans. Also sagten wir laut und klar: Wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Innenstädten und Minderheitengemeinden zwischen 20 und 40 Prozent liegt, ist es sinnvoller, in Bildung und Arbeit zu investieren als in Gefängnisse.

Lassen Sie mich zum Schluss kommen. Es sind schwere Zeiten, nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für die ganze Welt. Viele Menschen leiden und die Demagogen machen Minderheiten, die oft keine Macht haben, zu Sündenböcken, statt die wirklichen Probleme des Landes anzugehen. In diesem kritischen Moment, da der rechte Extremismus in Europa und den Vereinigten Staaten zunimmt, können wir unsere Augen nicht vor dem verschließen, was auf der Welt geschieht, wie bequem das auch erscheinen mag. Ich weiß, dass Leute sagen: „Ich kann damit nicht umgehen, das ist verrückt, verschon mich damit. Ich konzentriere mich auf mein Leben, meine Familie, meine Karriere.“ Ich bitte Sie, diesen Weg nicht einzuschlagen. Ich bitte Sie dringend: Haben Sie eine Vision einer Welt, die sehr, sehr anders sein könnte als die, in der wir gerade leben. Sie mag sich nicht nächstes Jahr verwirklichen, sie mag sich nicht zu meinen Lebzeiten verwirklichen, vielleicht noch nicht mal zu Ihren. Aber gerade jetzt, angesichts der gewaltigen technologischen Entwicklung, haben wir das Potential, eine fantastische Welt zu schaffen. Wir können die besten Schulen, außergewöhnliche Schulen haben, überall auf der Welt, ohne Gebühren. Ja, wir können den Klimawandel bekämpfen. Wir haben schon große Durchbrüche erzielt. Wir können unser Energiesystem umwandeln. Und wenn wir klug sind und wenn wir zusammenarbeiten, dann könnten wir vielleicht, nur vielleicht, die Schrecken des Krieges beenden und diesem Planeten Frieden einhauchen.

Also, bitte, bitte, ob es eine Politik zum Schutz der Umwelt oder von Frauenrechten oder von Schwulenrechten oder was auch immer ist – tun Sie, was getan werden muss. Stehen Sie nicht abseits und lassen schlimme Dinge geschehen. In Amerika sagen wir oft: Die Demokratie ist kein Zuschauersport. Football ist ein Zuschauersport, Basketball ist ein Zuschauersport. Die Demokratie, das sind Sie. Und wenn wir zusammenstehen und es den Demagogen nicht erlauben, uns wegen unserer Hautfarbe, unserer Herkunft oder unserer Religion zu entzweien, dann können wir eine außergewöhnliche Zukunft haben. Und weltweit ist es Ihre Generation, die dabei helfen kann, dass diese Zukunft eintrifft. Ich danke Ihnen allen sehr.

Die Menschen zusammenbringen

Christoph Amend: Die überwiegende Zeit Ihrer politischen Karriere waren Sie ein Außenseiter, eine Art Underdog. Wie haben Sie es eigentlich am Ende geschafft, so oft zu gewinnen? Gibt es ein Geheimnis?

Bernie Sanders: Ich denke, es sind zwei Geheimnisse. Das erste ist: Sie müssen den Leuten ehrlich sagen, wer Sie sind – und noch wichtiger: was ihre Bedürfnisse sind. Das zweite ist: Sie müssen die Menschen zusammenbringen. Meine Präsidentschaftskampagne war genau dieselbe wie die Kampagne, die ich so viele Jahre zuvor für das Bürgermeisteramt in Burlington geführt habe. Sie bestand in Koalitionspolitik. Wissen Sie, was das ist?

Wenn wir mit jedem von Ihnen wirklich ausführliche Interviews führen würden, käme dabei heraus, dass Sie wahrscheinlich bei 80 oder 90 Prozent der Fragen übereinstimmen. Wenn wir zum Beispiel über Frauenrechte, über Schwulenrechte oder Klimawandel sprächen, würde wohl die überwältigende Mehrheit in diesem Raum übereinstimmen. Aber dann graben Sie ein bisschen tiefer und stellen fest, dass Menschen verschiedener Ansicht sind. Meine Frau und ich haben verschiedene Meinungen zu bestimmten Themen. Wichtig für das Konzept der Koalitionspolitik ist aber Folgendes: Ich verstehe, dass Sie und ich vielleicht nicht zu 100 Prozent übereinstimmen. Aber wenn wir uns in 80 oder 90 Prozent der Fälle einig sind, stehen wir zusammen. In meiner Bürgermeisterkampagne haben wir also junge Umweltschützer mit der Polizeigewerkschaft von Burlington zusammengebracht. Die Anliegen der Polizisten waren, dass man sie mit Respekt behandelt, dass sie eine angemessene Bezahlung und anständige Arbeitsbedingungen brauchen. Wir haben also die lokalen Gewerkschaften mit jungen Leuten zusammengebracht, die sich um die Umwelt sorgen, mit Frauen, die damals im Grunde keinen Zugang zur Stadtverwaltung hatten, mit Geringverdienern, die am Wohnungsmarkt benachteiligt waren, und mit Studenten. Ich hatte befürchtet, dass es Chaos geben würde, wenn ich alle diese Menschen in einem Raum versammele. Aber die Wahrheit ist: Man kann Koalitionen schmieden und Menschen zusammenbringen, selbst wenn sie nicht zu 100 Prozent übereinstimmen. So ähnlich haben wir es auch bei der Präsidentschaftskampagne gemacht.

Amend: In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass einer Ihrer politischen Helden der Papst ist. Sie und Ihre Frau haben ihn kurz im Vatikan getroffen und sogar im selben Gebäude geschlafen. Wie war das Treffen mit ihm?

Sanders: Wissen Sie, das ist in gewisser Weise ein Beispiel für das, was ich unter Koalitionspolitik verstehe. Stimme ich mit allem, für das der Papst steht, überein? Die Antwort lautet Nein. Offensichtlich sind unsere Ansichten über Frauenrechte, Schwulenrechte und andere Fragen sehr unterschiedlich. Aber wenn Sie ihn als internationalen Wortführer für Gerechtigkeit und Würde betrachten, wenn Sie einige seiner Schriften lesen, etwa seine Enzyklika zum Klimawandel – er sagt dort Dinge über die Wirtschaft, die sehr, sehr wenige gewählte Politiker auf der Welt sagen würden. Er sagt, dass die Wirtschaft den Menschen dienen sollte, nicht dem Geld; er sagt, dass Männer und Frauen vom Geld statt von der Menschenwürde beherrscht werden – das ist sehr, sehr radikal. Und ich schätze seine Aussagen zur Jugendarbeitslosigkeit sehr, seine Aussagen über – wie er sagt – die Besitzlosen, die wir vergessen, die alten Menschen, die allein in ihrem Zuhause sitzen und sich selbst nicht angemessen ernähren können, Jugendliche ohne Jobs, Arbeiter ohne Beschäftigung. Er spricht ständig darüber. Daher denke ich, dass er in vielen ökonomischen und ökologischen Fragen ein wahrer Verfechter der Gerechtigkeit ist.

Amend: Haben Sie schon entschieden, ob Sie bei der nächsten Präsidentschaftswahl antreten werden?

Sanders: Ich habe mich noch nicht entschieden. Die ehrliche Antwort lautet, dass wir gerade jetzt Tag und Nacht arbeiten und versuchen, Trumps Agenda zu verhindern und das amerikanische Volk zu mobilisieren. Das liegt heute vor mir und nicht die Sorge um eine Wahl in drei Jahren.

Lassen Sie mich in einem sehr ernsten Ton enden. Ich möchte, dass Sie alle Folgendes wissen: In den Vereinigten Staaten gibt es Millionen und Abermillionen wundervoller Menschen, die jeden Tag hart für ökonomische und ethnische, ökologische und soziale Gerechtigkeit arbeiten. Trump repräsentiert nicht die Werte der meisten Amerikaner. Und wir freuen uns trotz allem, was jüngst passiert ist, auf die Zusammenarbeit mit Deutschland und Europa. Unsere Aufgabe besteht darin, die Menschen auf der Welt näher zusammenzubringen und keinen unnötigen Streit zu beginnen. 

 


[1] Der Begriff People of Color geht auf die US-Bürgerrechtsbewegung zurück und bezeichnet nicht-weiße Menschen. – D. Red.

(aus: »Blätter« 7/2017, Seite 41-48)
Themen: USA, Armut und Reichtum und Demokratie

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