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Beenden wir das Rattenrennen!

Was kritischer Journalismus heute bedeutet

Public Domain Foto: Public Domain

von Harald Schumann

Die gängige Bezeichnung der Medien als vierte Gewalt in der Demokratie beinhaltet vor allem eines: einen gewaltigen Anspruch. Es bedeutet, sie mit der Legislative, Exekutive und Judikative auf eine Ebene zu stellen. Diese Rolle können Medien natürlich gar nicht erfüllen. Zwar bezeichnete Jean-Jacques Rousseau einst die Presse im Zeitalter der Aufklärung in der Tat als die vierte Säule des Staates. Heute jedoch enthält diese Zuschreibung eine maßlose Überhöhung. Wir erfahren schließlich jeden Tag das Gegenteil: Journalisten produzieren ganz überwiegend nur affirmativ die Verlautbarungen der Mächtigen oder belanglose Unterhaltung. Insofern handelt es sich um ein Missverständnis, aber: Es ist ein gutes Missverständnis.

Denn die Idee, ja das Ideal von den Medien als der vierten Gewalt hält den grundlegenden Arbeitsauftrag für Journalisten aufrecht: den Mächtigen auf die Finger zu schauen, ihnen nicht alleine die Definition der öffentlichen Meinung zu überlassen und vor allem jene Informationen zu veröffentlichen, welche ansonsten nicht freiwillig verbreitet worden wären. Das ist die eigentliche Aufgabe: nicht nur wiedergeben, was andere sagen, sondern Handlungen und Ereignisse einordnen und Zusammenhänge erklären.

Damit ist kritischer Journalismus eine fundamentale Voraussetzung für das Funktionieren eines demokratischen Gemeinwesens. Nur unabhängige und kritische Informationsquellen machen es überhaupt möglich, dass Bürger informierte Entscheidungen treffen können. Sonia Mikich, die Chefredakteurin des WDR, brachte es so auf den Punkt: „Kritischer Journalismus bringt der Demokratie den Sauerstoff, den sie zum Atmen braucht.“ Nur diese Aufgabe, auch unliebsame Informationen zu verbreiten, rechtfertigt die verfassungsrechtlichen Privilegien der Zunft, wie beispielsweise das Recht, die eigenen Quellen geheim halten zu dürfen, auch gegenüber staatlichen Ermittlern.

Kurzum: Trotz aller berechtigten Kritik an den Journalisten und den Mängeln des Medienwesens gilt es, die Idee der Medien als vierte Gewalt zu verteidigen. Denn das ist es, was trotz aller Widrigkeiten immer noch viele Journalisten antreibt. Darauf beruhen auch die Heldengeschichten, mit denen sich unsere Zunft gerne schmückt: die Dokumentation des Massakers der US-Armee im Dorf My Lai in Vietnam durch Seymour Hersh, die Aufdeckung des Watergate-Skandals von US-Präsident Nixon durch die Redakteure der „Washington Post“, Bob Woodward und Carl Bernstein, aber auch, im nationalen Rahmen, die sogenannte Flick-Affäre und der Parteispendenskandal sowie zuletzt die Veröffentlichung der „Panama Papers“ durch ein internationales Journalistenkonsortium.

Solche Enthüllungen sind jedoch nie alleine das Werk mutiger Journalisten. Zugleich müssen stets drei weitere entscheidende Voraussetzungen erfüllt sein.

Die Voraussetzungen eines aufklärerischen Journalismus

Erstens muss es einen zuverlässigen Informanten geben, der ein Interesse an der Veröffentlichung der jeweiligen Informationen hat. Durch diese Abhängigkeit machen sich Journalisten immer wieder auch zu Agenten von Akteuren, die aus Furcht oder unter Druck die Anonymität wählen. Vor allem Enthüllungen im Umfeld von Geheimdiensten bergen daher das Risiko, dass Journalisten zu Komplizen fragwürdiger Akteure werden. Oft spielen Machtkämpfe innerhalb dieser Organisationen eine große Rolle für die Motivation der Informanten, welche für Journalisten oft kaum zu durchschauen sind.

Zweitens müssen die Verantwortlichen des Mediums, in dem die Geschichte veröffentlicht werden soll, bereit sein, sich mit den Mächtigen anzulegen und ein entsprechendes politisches Signal zu senden. Dabei muss das Risiko teurer Prozesse, eines Anzeigenboykotts oder des Ausschlusses vom Informationsfluss in Kauf genommen werden.

Und drittens kann die Sprengkraft einer Geschichte nur dann Wirkung entfalten, wenn Politiker, Behörden oder zivilgesellschaftliche Akteure das Thema aufgreifen und ein politisches oder gesellschaftliches Echo erzeugen.

Schon diese drei Voraussetzungen verdeutlichen, dass Medien gar keine unabhängige vierte Gewalt sein können. Vielmehr sind sie abhängig und damit manipulierbar und immer auch eingebettet in gesellschaftliche Machtstrukturen.

Das Ideal des Journalisten, der die Fackel der Aufklärung trägt, Missstände aufdeckt und so die demokratische Selbstreinigung herbeiführt, ist eine schöne Vision. Sie hat jedoch mit dem Alltag der meisten Journalisten nichts zu tun. Der großen Mehrheit fehlt heute, angesichts einer immer größeren Arbeitsverdichtung, schlicht die Zeit, um guten und kritischen Journalismus zu betreiben. Redakteure in einer Tageszeitung oder einem Radio- oder Fernsehsender müssen in der Regel täglich einen, häufig auch zwei oder drei Artikel produzieren. In der Konsequenz heißt das, dass die Artikel oft aus Meldungen der Nachrichtenagenturen, Pressemitteilungen und Anrufen bei Pressesprechern kompiliert werden. Für echte Recherche, das heißt die Überprüfung der Aussagen von Politikern, Unternehmen oder Experten auf ihren Wahrheitsgehalt oder mögliche Widersprüche, fehlt schlicht die Zeit. Folglich erfüllen die meisten journalistischen Produkte, die täglich konsumiert werden, nicht einmal die grundlegenden Standards von solidem Journalismus.

Die eigentlich wichtigen Fragen werden darum kaum mehr gestellt:

Gibt es unabhängige Quellen, die eine Tatsachenbehauptung eines zitierten Akteurs bestätigen?

Was sagen Akteure mit anderen Interessen zu demselben Thema?

Was sagen Betroffene von Vorwürfen und Anklagen zu ihrer Verteidigung?

Welche Interessen verfolgen die zitierten Akteure und Institutionen?

Wer bezahlt sie und welche Rolle haben sie früher gespielt?

Und schließlich die wichtigste aller Fragen: Cui bono? Wem nutzt die jeweilige Handlung oder Entscheidung?

Gewiss, die Einhaltung dieser Standards war schon in den 1980er Jahren prekär, doch die Verlagerung des Medienkonsums ins Netz hat die Entwicklung erheblich verschlimmert. Denn guter Journalismus kostet Zeit und damit Personal und Geld.

Der Journalismus und die Wiedereinführung des Adelsprivilegs

Durch das langsame Absterben der Printmedien und die zunehmende Konzentration auf das Werbegeschäft verlieren journalistische Informationen heute immer mehr an Wert. Als bittere Konsequenz werden immer weniger Journalisten beschäftigt, die verbliebenen werden schlechter bezahlt und viele können von ihrer Arbeit nicht leben.

Auf der anderen Seite steigt die Zahl der PR-Schreiber, welche als Pressesprecher, Medienberater, Anwälte oder Wissenschaftler im Auftrag von Firmen oder der Regierung arbeiten. Dadurch können Interessengruppen Journalisten umso leichter manipulieren und damit die Struktur der öffentlichen Meinung beeinflussen. So stellt sich die Illusion einer real existierenden Einheitsmeinung ein, da häufig scheinbar ganz verschiedene Studien, Experten, Dossiers eine gleiche Botschaft bestätigen.

Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Wiedereinführung des Adelsprivilegs in Deutschland, sprich: die Weitergabe von Reichtum und Macht per dynastischer Erbfolge. Nein, das ist kein Scherz. Vielmehr haben Deutschlands Superreiche im Jahr 2002 eine „Stiftung Familienunternehmen“ ins Leben gerufen. Diese gemeinnützige Stiftung mit Sitz in München hat dann mit sogenannten Medienpartnern, wie der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Welt“, als willigen Helfern und auch mit Hilfe des Sponsorings von Journalistenschulen eine massive Kampagne geführt, wonach die Erbschaftsteuer Deutschlands mittelständische Betriebe in den Ruin treibt.

Dabei war genau das frei erfunden: Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall, bei welchem die Erbschaftsteuer für den Konkurs mittelständischer Unternehmen verantwortlich war. Trotzdem wurde das nach dieser, höchst erfolgreichen, Kampagne nicht mehr in Frage gestellt: Seit 2009 sind Unternehmenserben von der Erbschaftsteuer befreit und ganze Milliardenkonzerne werden steuerfrei vererbt. Als Deutschlands höchstes Gericht das dann für verfassungswidrig erklärte, wiederholten die besagte „gemeinnützige Stiftung“ und ihre Unterstützer die Kampagne und hatten damit wieder Erfolg: Bis heute ist der deutsche Geldadel, was seine ungeheuren Erbschaftsvermögen anbelangt, steuerfrei.

Wie Medien verschleiern: Die Legende von den »Rettungsschirmen«

Nun kann man ja sagen, dass sich das Fußvolk der Medienarbeiter die Sache mit der Aufklärung nicht mehr leisten kann. Aber dann doch wenigstens die Kollegen mit den guten Jobs beim „Spiegel“, bei der „Zeit“, beim „Stern“, bei der „Süddeutschen“ oder der „Frankfurter Allgemeinen“ und natürlich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Die haben doch noch Geld, die müssten das können, oder?

Ja, das können sie, und oft tun sie es ja auch. Aber noch viel häufiger versagen sie dabei. Ein herausragender Fall ist die Griechenland- und Eurokrise. Seit bald acht Jahren dauert sie schon an, aber die große Mehrheit der deutschen Medienkonsumenten hat bis heute nicht erfahren, worum es bei den ungeheuren „Rettungsschirmen“ eigentlich von Anfang an ging und bis heute geht. Ich kann das an dieser Stelle nicht vertiefen, aber unbestreitbar ist, dass all die Milliardenkredite ausschließlich dazu dienten, um die Gläubiger der überschuldeten Länder von ihren Fehlinvestitionen freizukaufen. Es ging nie um Solidarität und Hilfe, sondern nur um eine zweite Bankenrettung. Trotzdem verbreiten so gut wie alle deutschen Medien bis heute das falsche Narrativ von der solidarischen Hilfe für Griechenland und die anderen Krisenstaaten.

Das findet seinen Ausdruck vor allem in der irreführenden Sprache der Medienmacher. Über Jahre wurde über „Hilfszahlungen“ und „Rettungspakete“ berichtet, obwohl in Wahrheit nur die Gläubiger gerettet wurden. Aber die deutsche Politikelite leugnet diese Wahrheit bis heute, und die Medien haben das kritiklos übernommen.

Als dann die (angeblich so faulen) Griechen so frech waren, eine Regierung zu wählen, die diese Wahrheit aussprach, bedrohten sie damit die Glaubwürdigkeit und die Politik der anderen Euroregierungen. Darum setzten diese ein regelrechtes Kesseltreiben in Gang, an dem sich praktisch alle großen deutschen Medien völlig ungebrochen beteiligten. 

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis erfuhr dabei eine regelrechte Rufmordkampagne, bei der selbst seriöse Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“ oder die Tagesschau über Monate den wichtigsten journalistischen Standard brachen: Audiatur et altera pars. Sprich: Man muss der anderen Seite Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Das aber fand einfach nicht mehr statt. Stattdessen kolportierten fast alle EU-Korrespondenten allein auf Basis anonymer Quellen angebliche Tatsachenbehauptungen, die doch in erster Linie den Charakter von Beleidigungen hatten: Varoufakis sei als „arrogant“ und „selbstverliebt“ bezeichnet worden, er habe „Monologe gehalten“ oder er sei von seinen „Ministerkollegen beschimpft“ worden etc. Das Publikum wurde so in einer Weise förmlich aufgehetzt, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe.

Im Ergebnis wurde der politische Streit über die Verteilung der Lasten (und der Verantwortung für die aufgelaufenen Schulden) zu einem Konflikt zwischen den Nationen umgedeutet. Von höchster Stelle im Staat wurde ein kulturrassistisches Ressentiment gegen „die Griechen“ gestreut, die „uns Deutschen“ das Geld stehlen wollten. Und fast alle Medien spielten mit.

Die Ursache des »Rudeljournalismus«

Wie aber kommt ein solcher „Rudeljournalismus“, wie ihn der von mir sehr geschätzte österreichische Kollege Robert Misik nennt, wie kommt dieser journalistische Mainstream zustande? Sind die Medien von bösen Mächten gleichgeschaltet?

Nein, das sind sie nicht, denn das ist gar nicht nötig, es funktioniert auch so. Es sind ganz einfache Mechanismen am Werk. Um das zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie Journalisten eigentlich arbeiten.

Normalerweise sind sie für bestimmte Themenbereiche zuständig. Das können Parteien sein, einzelne Ministerien und die zugehörigen Themen, eine Sektion aus der Kultur oder eine Sportart. Das ist auch durchaus sinnvoll, denn nur so kann man das nötige Vorwissen erwerben. Aber die Themen selbst werden durch die Ereignisse gesetzt und durch die politischen oder wirtschaftlichen Entscheider – sie fällen Beschlüsse, veröffentlichen Daten, geben Pressekonferenzen etc. Da muss man dann ständig im Bild sein, darf nichts verpassen. Und man braucht seine Quellen. Damit diese Quellen aber sprudeln, damit die Minister, die Manager, der Opern-Intendant oder der Fußballtrainer mit einem reden, dafür muss man auch schreiben und senden, was diese Leute lesen und hören wollen.

Das folgt dem Muster der gegenseitigen Instrumentalisierung: Der Politiker, die Aktivistin, der Manager, der Spin Doctor braucht die Veröffentlichung und der Journalist braucht die Story, daraus entwickeln sich Abhängigkeiten und korrumpierte Beziehungen. Gibst du mir exklusives Material und Zitate, berichte ich freundlich über dich. Denn sonst wird man vom Informationsfluss abgeschnitten, ausgeschlossen, bekommt keine Papiere und keine Interviews mehr.

Doch die meisten Kollegen können sich genau das nicht leisten. Denn dann kommt sehr bald der Anruf: „Warum hat die SZ das und du nicht?“ Ja, könnte man da sagen, ich habe kritisch geschrieben, der Minister, der Sprecher etc. mögen mich nicht mehr. „Dafür wirst du nicht bezahlt“, wird es dann ganz schnell, wenn auch meist unausgesprochen, heißen. Das erzeugt erst mal nur eine Beißhemmung, man hält sich eben zurück. Das wiederum ist seelisch sehr unbequem, niemand kann auf Dauer gegen die eigenen Überzeugungen schreiben. Also beginnen die Kollegen früher oder später, sich damit zu identifizieren, was sie schreiben, und das ist dann ganz zufällig genau das, was auch der Minister denkt. Speziell bei der Berichterstattung über die deutschen Finanzminister habe ich diesen psychologischen Mechanismus mehrfach beobachten können.

Opportunismus und Korruption

Mindestens genauso wichtig wie die Quellenpflege ist – zweitens – banaler Opportunismus. „Dagegenhalten“ macht Arbeit, die Informationsbeschaffung ist aufwendig und sie führt zu Ärger mit Vorgesetzten oder mit den Mächtigen, die dann böse Briefe schreiben. Und Journalisten sind Menschen wie alle anderen auch, das heißt, die meisten scheuen das Risiko. Sie sind, kurzum, Opportunisten. 

Damit eng verwandt ist schließlich die dritte Ursache des Rudeljournalismus, nämlich das, was die Kollegin Ulrike Herrmann von der taz „implizite Korruption“ nennt. Wer den Mächtigen nach dem Maul schreibt, bekommt die besseren Einladungen, die höheren Honorare, und was am wichtigsten ist: Der oder die gehört dann einfach dazu und sieht sich selbst als Teil der Elite. In dieser Falle sind schon sehr viele ehemals kritische Geister verschwunden.

Die automatische Folge ist, dass man als kritischer Journalist, der an seinen Standards festhalten will, nicht nur mit äußeren Gegnern in Konflikt gerät, sondern auch mit den eigenen Kollegen, und da vor allem mit den Vorgesetzten. Ich habe es beim „Spiegel“ über viele Jahre Dutzende Male erlebt, aber ich weiß es auch aus anderen Häusern, gerade auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.[1]

Das aber ist das größte Hindernis von allen: Es gibt, viertens, keine innere Pressefreiheit, oder nur sehr selten. Gerade die jungen Leute, die noch sehr abhängig sind, noch kein Standing haben, werden dadurch zur Anpassung regelrecht dressiert. Neben der prekären wirtschaftlichen Lage in vielen Verlagen sind es vor allem diese Mechanismen, die dazu führen, dass viele Menschen von den Medien und den Journalisten enttäuscht sind. 

Schon gefühlte tausend Mal habe ich darum die Aufforderung gehört, dass die Medien doch über diesen Missstand und jenen Skandal viel mehr berichten und aufklären müssten. Und weil sie das dann nicht tun, erheben viele Menschen den Vorwurf, dass die Medien als „Lügenpresse“ an all den Fehlentwicklungen schuld seien, die die Welt so ungerecht und böse machen.

Doch diese Enttäuschung und der Vorwurf verkennen, dass Medien genau das sind, was das Wort meint: Mittler, also Instrumente und Organisationen zur Kommunikation. Wer damit was kommuniziert, hängt von den Umständen ab. Medien spiegeln also nur die Machtstrukturen der übrigen Gesellschaft. Um es zugespitzt auszudrücken: Die Medien und ihre Journalisten können nicht stellvertretend für die träge Gesellschaft Revolution machen, sondern es ist genau anders herum: Je mehr sich die Bürger bewegen, desto mehr tun es auch die Medien. 

Medien als Spiegel der gesellschaftlichen Machtstrukturen

Wenn wir also heute durchaus zu Recht von einer Krise der Medien sprechen können, gibt es jedoch auch da ein erstaunliches Paradox: Wir Journalisten haben es zwar immer schwerer, doch gleichzeitig werden wir immer dringender gebraucht. Denn sowohl die Menge als auch die Komplexität der zu beschreibenden Ereignisse und Entwicklungen nimmt stetig zu. Zwar sind über das Netz eigentlich mehr Informationen verfügbar denn je, auch solche aus kritischen und unabhängigen Quellen. Aber den meisten fehlen die Zeit und das Wissen, die zuverlässigen Quellen zu finden und die Zusammenhänge zu verstehen. Alles wissen, aber nichts verstehen, das ist der Fluch des Internetzeitalters. 

Dies zu überwinden, ist die Aufgabe für Journalisten. Sie müssen die vorhandenen Informationen ordnen und – durch gute Fragestellung – aufbereiten und in den zugehörigen Kontext stellen. Wenn dies gelingt, ist es ungeheuer befriedigend. Und was noch wichtiger ist: Man kann sogar eine Karriere darauf aufbauen, gegen den Strom zu schwimmen. Denn es machen – wie eben beschrieben – nur wenige. Die wenigen aber werden dringend gebraucht, die Marktlücke ist riesengroß. Und dann kann es schließlich auch richtig Spaß machen. 

Man muss dabei allerdings ein paar wichtige Regeln beachten. Wer kritisch berichten will, muss mehr wissen als die anderen. Das heißt: mehr Leute treffen, mehr reisen und vor allem viel mehr lesen. Und zwar auch das trockene Zeug aus den Ministerien und Unternehmen – und vor allem auch Bücher. Ich beobachte in letzter Zeit jedoch immer häufiger, dass die Kollegen keine Bücher mehr lesen, keine Gutachten und Studien. Doch gerade der kritische Berichterstatter muss heute unbedingt mehrere Kanäle nutzen: Videos, Blogs, aber eben auch Bücher und Zeitschriften. Das schafft den erforderlichen geistigen Horizont und damit auch das berufliche Standing.

Organisieren wir uns!

Aber auch das reicht heute nicht mehr, es kommt noch etwas sehr Wichtiges hinzu: Wir, die Journalisten, müssen uns organisieren. Ich muss zugeben, ich selbst habe 30 Jahre gebraucht, um das zu verstehen, obwohl es doch im Grunde ganz simpel ist. Denn die herrschende extreme Konkurrenz zwischen den Journalisten ist absolut kontraproduktiv. Beispielsweise durch diesen unhinterfragten Anspruch jeder Zeitung oder jedes Senders, unbedingt als Erster berichten zu wollen. Das aber bedeutet meistens auch: erst veröffentlichen, dann prüfen. Außerdem verschärft dieser Wettbewerb die Abhängigkeit von den Quellen.

Weil wir Journalisten dieses blöde Rattenrennen um die Geschwindigkeit und Exklusivität unserer „Geschichten“ veranstalten, können uns die Mächtigen und Strippenzieher umso leichter gegeneinander ausspielen. Die meisten von uns gefallen sich immer noch in der Rolle des einsamen Wolfs, der die große weite Welt erkundet und erklärt. Aber das ist Quatsch, alleine ist man einfach nur langsam und schlecht.

Ich bin inzwischen davon überzeugt: Die Zukunft des kritischen, aufklärenden Journalismus liegt in der Zusammenarbeit über die einzelnen Medienhäuser hinweg. Kooperation statt Konkurrenz ist das Gebot der Stunde. Das nehmen sich auch immer mehr Kollegen zu Herzen und gehen neue Wege, wie etwa in meinem neuen Projekt: „Investigate Europe“, ein Team mit neun Kollegen aus neun Ländern. Wir wollen Rezepte gegen die nationale Borniertheit der Berichterstattung entwickeln, um auf diese Weise die großen europäischen Themen wirklich „aufzuklären“.

Darum würde ich gerne zum Abschluss einen der ganz Großen unserer Zunft zitieren, Chuck Lewis. Er gründete einst das „Center for Public Integrity“ und dort auch das ICIJ – das „International Consortium of Investigative Journalists“ –, das spätestens mit der Enthüllung der Offshore Leaks zu Weltruhm kam. Lewis benannte kürzlich im „Guardian“ „the Future of Journalism in three words: collaboration, collaboration, collaboration“. Genau das ist meine Überzeugung nach 30 Jahren Journalismus: Je mehr wir Journalisten kollaborieren und kooperieren, umso näher kommen wir dem großen Ideal von der vierten Gewalt.

 


[1] Beim „Tagesspiegel“, wo ich seit 2004 arbeite, ist mir das allerdings nicht ein einziges Mal passiert. Dafür bin ich sehr dankbar.

(aus: »Blätter« 3/2018, Seite 113-120)
Themen: Medien, Demokratie und Korruption

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