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»Bild«: Mit rechts gegen rechts

von Jan Kursko

Die Verlegerwitwe Friede Springer hat es schwer: Seit Jahren schreibt „Die Welt“ schon rote Zahlen, doch seit geraumer Zeit brechen auch die Abozahlen der Cashcow „Bild“ ein. Erst verkaufte man daher traditionsreiche Regionalzeitungen wie das „Abendblatt“ und die „Berliner Morgenpost“, woraufhin Friede Springer „bereits ein paar Tränchen geweint“ hat, wie sie der „Süddeutschen Zeitung“ gestand, und nun holte man sich mit KKR sogar einen amerikanischen Finanzinvestor als größten Anteilseigner ins Haus. Und der strebt gleich, mächtig ambitioniert, nach der Weltmarktführerschaft.

Damit sich die Sache aber richtig lohnt, heißt es erst einmal gesundschrumpfen. Und dafür müssen Köpfe rollen. Nach dem Willen von Springer-Chef Mathias Döpfner sollen es diesmal nicht nur „Indianer“ sein, sondern auch ein paar „Häuptlinge“. Als Ersten traf es – natürlich ganz einvernehmlich – „Bild“-Politik-Chef Nikolaus Blome. Das allerdings ist eine rundum zu begrüßende Sache, schließlich macht sich die Zeitung damit noch ein wenig „ehrlicher“. Nach der Entlassung der moderaten Bild.de-Chefin Tanit Koch, jetzt bei „ntv“, geht mit Blome der letzte „Wanderer zwischen den Welten“. Zwei Jahre lang werkelte er beim „Spiegel“ und nach seiner Rückkehr zu „Bild“ gab er in den Talkshows das bürgerliche Gesicht für einen angeblich ganz normalen Medienkonzern. Doch tempi passati, nun kann „Bild“-Allein-Regent Julian Reichelt so richtig durchregieren. Und der macht prompt klar, was er darunter versteht. Nach dem Attentat von Halle setzt „Bild“ nun umso mehr auf „Kampf dem Antisemitismus“ – was ja eigentlich eine gute Sache ist. Allerdings wird Antisemitismus von „Bild“ – ganz im Sinne des Springer-Codex – pauschal mit Kritik an der israelischen Regierungspolitik gleichgesetzt. Prompt hat das Revolverblatt ein regelrechtes Netzwerk von „deutschen Politikern, Verbänden und Journalisten“ ausfindig gemacht, die „den Antisemitismus salonfähig machen“, indem sie es unter anderem wagen, Israel zu kritisieren. Das reicht vom Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime Ayman Mazyek über FAZ-Journalist Patrick Bahners bis zu Claudia „Alarmstufe Roth“, den Bundespräsidenten und das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, das – böse, böse – sogar mit einem Aktivisten der besatzungskritischen Boykott-Kampagne BDS kooperiert, obwohl es diese grundsätzlich ablehnt.

„Woher kommt diese unerträgliche Doppelmoral?“, wettert „Bild“ voller Empörung. „Der Kampf gegen Antisemitismus ist allumfassend oder gar nicht.“ Wenn „Bild“ doch bloß so vernichtend kritisch in eigener Sache wäre. Keine andere Zeitung hat den Rechtsradikalismus in den letzten Jahren derart gemästet wie die Zeitung mit den blutroten Lettern: durch ihre völlig maßlose Berichterstattung über Flüchtlingskriminalität und die fast täglichen Tiraden gegen „die [natürlich allesamt unfähigen] Politiker“.

Mehr Politikverachtung geht kaum. Doch wie weiß der wackere, ungemein journalistisch interessierte Investor: „‚Bild‘ ist eine fantastische Marke. Hier würden wir gerne mehr investieren.“ Gosse schlägt Salon, weiß auch Schöngeist Döpfner – obwohl Friede Springer „Die Welt“ wirklich „liebt“, und weit weniger die „Bild“. Das aber hat Tradition im Hause Springer: Schließlich stammt von ihrem Mann der legendäre Satz, er leide oft wie ein Hund, wenn er morgens die „Bild“-Zeitung lese. Wie wahr: Welcher getreue, da beruflich genötigte „Bild“-Leser würde diesen Satz nicht sofort unterschreiben! 

(aus: »Blätter« 11/2019, Seite 84-84)
Themen: Antisemitismus, Medien und Rechtsradikalismus

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