Ausgabe November 2019

Stachel im Fleisch

Die Habermas-Rezeption in der DDR

Bei der Untersuchung der Rezeption von westdeutschen Autorinnen und Autoren in der DDR muss man grundsätzlich zwischen den offiziell gedruckten Stellungnahmen und der mündlichen Überlieferung stattgefundener Diskussionen unterscheiden. Was in der DDR gedruckt wurde, unterlag vorher einer Überprüfung durch die Leiter der wissenschaftlichen Einrichtungen und Verlage, die wiederum den entsprechenden Gremien der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) politisch unterstanden. Es gab eine Zensur, die zu Selbstzensur führen konnte. Die mündlichen Diskussionen waren freier als die schriftlichen, wenn sie unter Fachleuten in einem Institut stattfanden, und nochmals umso offener, wenn sie informell bei privaten Treffen erfolgten, obwohl man auch da im Ausnahmefall mit Berichten an den Nachrichtendienst der Staatssicherheit zu rechnen hatte.[1]

Dieses Gefälle von offiziell gedruckten Stellungnahmen über mündliche Fachdiskussionen bis zu informell privaten Einschätzungen trifft insbesondere auf die Bücher von Jürgen Habermas zu. Sie wurden gerne und oft zustimmend gelesen und informell weiterempfohlen, weil sie direkt dabei halfen, das grundsätzliche Strukturdefizit an Öffentlichkeit und an Demokratie in der DDR auf kritische Weise aufzudecken, und weil sie konsequent für eine Weiterentwicklung des Marxschen Denkeinsatzes eintraten.

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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