Ausgabe Januar 2020

Das unvollendete Triptychon

Ein Buch über Konrad Wolf ist selbst für die von Hans Magnus Enzensberger gegründete, heute von Christian Döring geleitete Andere Bibliothek ungewöhnlich. Die Publikation erzählt nicht allein von Leben und Werk des bedeutenden Filmregisseurs, sondern am Beispiel der deutsch-jüdischen Familie Wolf – ihr gehören auch der Vater und Schriftsteller Friedrich und der Bruder und Geheimdienstchef Markus Wolf an – von Aufstieg und Fall der Sowjetunion und damit vom extrem blutigen Scheitern daran, eine nachkapitalistische Gesellschaft aufzubauen. Geschrieben ist das Buch von keinem Filmwissenschaftler, sondern von der Politikerin und Publizistin Antje Vollmer und dem Liedermacher und Autor Hans-Eckardt Wenzel. Beider Sichtweisen sind nicht zu einer Synthese geführt, beider Texte sind durch unterschiedliches Papier getrennt. Fragen nach dem Scheitern der Linken oder nach dem Verhältnis von Kunst und Politik bewegen das Erzählen beider. Denn: „Wenn wir das historische Denken verlernen, geben wir alle Werkzeuge aus der Hand, um uns den Unerträglichkeiten und Ungerechtigkeiten widersetzen zu können.“ Programmatisch steht das für das Verbindende. Dennoch gibt es Kapitel, die eigenständige Essays sind, aber die Grundform ist kein Potpourri, sondern die eines Triptychons. Ein solches Bild, ob in christlicher oder weltlicher Ausformung, ist stets universell.

Januar 2020

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Aktuelle Ausgabe Dezember 2025

In der Dezember-Ausgabe ergründet Thomas Assheuer, was die völkische Rechte mit der Silicon-Valley-Elite verbindet, und erkennt in Ernst Jünger, einem Vordenker des historischen Faschismus, auch einen Stichwortgeber der Cyberlibertären. Ob in den USA, Russland, China oder Europa: Überall bilden Antifeminismus, Queerphobie und die selektive Geburtenförderung wichtige Bausteine faschistischer Biopolitik, argumentiert Christa Wichterich. Friederike Otto wiederum erläutert, warum wir trotz der schwachen Ergebnisse der UN-Klimakonferenz nicht in Ohnmacht verfallen dürfen und die Narrative des fossilistischen Kolonialismus herausfordern müssen. Hannes Einsporn warnt angesichts weltweit hoher Flüchtlingszahlen und immer restriktiverer Migrationspolitiken vor einem Kollaps des globalen Flüchtlingsschutzes. Und die Sozialwissenschaftler Tim Engartner und Daniel von Orloff zeigen mit Blick auf Großbritannien und die Schweiz, wie wir dem Bahndesaster entkommen könnten – nämlich mit einer gemeinwohlorientierten Bürgerbahn. 

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