Ausgabe April 1990

Hauptstadtwende

What about Bonn?

"Einszweidrei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit", dichtete Wilhelm Busch. Mit eher dramatischem Akzent befang Georg Büchner, der Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, gut hundert Jahre später, im Februar 1990: "Das Tempo der Geschichte reißt uns mit." Zur selben Zeit resümierte Patrick Bahners im Feuilleton der FAZ (16.2.1990) unter der Überschrift "Streit der Symbole - Schreibt die Geschichte den Deutschen ihre Hauptstadt vor?" unter Berufung auf Jacob Burckhardt: "Die Beschleunigungserfahrung zwingt zum ständigen Standpunktwechsel." Der 9. November hat's möglich gemacht. Derselbe Sturm der Geschichte, der Trabi-Trecks nach Westen rollen läßt, treibt andere ostwärts. Den von Bismarck beschworenen Mantel der Geschichte vor Augen, suchen Scharen von Verantwortungs- und Hoffnungsträgern das teure Tuch zu erhaschen, auf daß niemand zu spät komme.

Denn, so verkündete der Sozialdemokrat Egon Bahr trutzig: "Wer sich gegen die Einheit stemmt, den wird das Leben bestrafen - wer sich gegen Berlin stemmt, den wird es auch bestrafen." Gegen Berlin als neu-alte Hauptstadt nämlich.

April 1990

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Aktuelle Ausgabe April 2026

In der April-Ausgabe erinnert Hauke Brunkhorst an den großen Sozialphilosophen und langjährigen »Blätter«-Mitherausgeber Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 gestorben ist. Im Mittelpunkt seines Lebenswerks stand die Verteidigung der Demokratie. Diese, und mit ihr die Idee eines freien Westens, wird derzeit besonders von einer Figur herausgefordert: Donald Trump. Den unkalkulierbaren Folgen des Irankriegs für die Region wie für die internationale Ordnung widmen sich Dalia Dassa Kaye sowie Nicole Deitelhoff. Robert Kagan wiederum skizziert die absehbaren kriegerischen Folgen einer durch Trump zerstörten amerikanischen Ordnung – und deren hohe Kosten für die USA selbst. Was uns Thukydides heute über den drohenden Zusammenbruch der liberalen Welt lehren kann, fragen Carlotta Voss und Daniel-Pascal Zorn. Und Nick Reimer sowie Olga Bubich erinnern an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor vierzig Jahren und ihre Gegenwart im Schatten des Ukrainekrieges.

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