Ausgabe Januar 1990

Für euer Land, für unser Land

Erklärung vom 2. Dezember 1989 (Wortlaut)

Nicht nur Euer Land, die Deutsche Demokratische Republik, steckt in einer tiefen Krise. Entgegen allem Schein des Wohlstandes weiß auch der "Westen" nicht die Zukunftsprobleme zu lösen. Immer mehr, immer schneller, immer naturzerstörerischer - das sind keine Antworten, die zu Hoffnung auf Überleben berechtigen. In dem entstehenden großmächtigen Wirtschaftskoloß, der Europäischen Gemeinschaft, wird gegenwärtig zum verschärften weltweiten Konkurrenzkampf gerüstet.

So werden die ökologischen und die enormen sozialen Probleme immer erneut weiter produziert. Das Wettrüsten und die Konzentration der Rüstungsindustrie werden vorangetrieben, trotz aller Friedensworte der Politiker. Nicht nur Euer Land, Ost und West stecken, wenn auch sehr unterschiedlich, in einer tiefen Krise. In dieser Situation werden bewußt nationalistische Gefühle angeheizt. Bundeskanzler Kohl hat mit seinem "Zehn-Punkte-Plan" die "Wiedervereinigung" zu westdeutschen Bedingungen zum Programm erhoben. Schon heute ist die Bundesrepublik Deutschland in Europa ökonomisch eindeutig überlegen.

Eine Vereinigung beider Staaten würde Deutschland zur europäischen Vormacht werden lassen. Damit würde nicht nur Euer Versuch, einen Weg sozialistischer Demokratie aus der Krise Eurer Gesellschaft zu finden, verschüttet. Auch das reformerische Bemühen der sozialen Bewegungen in unserem Lande würde einen schweren Rückschlag erleiden, wenn sich die Kräfte des Kampfes um den Weltmarkt und nicht die für eine humane Gestaltung menschlichen Lebens durchsetzten. Deshalb stellen wir uns gegen alle Versuche der Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik an Eure Seite.

Auf einen realen Pluralismus, der Wege in eine friedliche, ökologische und gerechte Gesellschaft erlaubt, nicht auf ein Europa unbegrenzten Konsums kommt es an. Heute scheint eine Chance hierzu gegeben zu sein: Nicht zuletzt auch dank Eurer gewaltfreien Revolution gegen bürokratische Herrschaft, polizeiliche und politisch-juristische Staatswillkür. An den Bürgerinnen und Bürgern in West und Ost liegt es nun, die basisdemokratisch-menschenrechtliche Einmischung fortzusetzen. Jede und jeder im eigenen Land, in enger Zusammenarbeit.

Otl Aicher, Designer, Schriftsteller; Inge Aicher-Scholl, Publizistin; Heinrich Albertz, Pastor, ehem. Regierender Bürgermeister von Berlin; Prof. Ulrich Albrecht, Friedensforscher; Dr. Hans-Georg Backhaus, Politikwissenschaftler; Georg Benz, Gewerkschafter; Karin Benz-Overhage, Gwerkschafterin; Dr. Karola Bloch, Publizistin; Dr. Annemarie Böll, Schriftstellerin; Prof. Karl Bonhoeffer, Arzt; Prof. Heinz Brakemeier, Politikwissenschaftler; Prof. Margherita von Brentano, Philosophin, Publizistin; Dr. Andreas Buro, Politikwissenschaftler; Prof. Walter Dirks, Publizist; Prof Helga Einsele, Kriminologin; Annemarie und Prof. Walter Fabian, Publizisten; Prof. Ossip K. Flechtheim, Futurologe; Prof. Helmut Gollwitzer, Theologe; Prof. Martin Hirsch, ehem. Richter am Bundesverfassungsgericht; Prof. Robert Jungk, Zukunftsforscher; Prof. Arno Klöne, Politikwissenschaftler, Historiker; Dieter Lattmann, Schriftsteller; Prof. Margarethe Mitscherlich, Psychoanalytikerin; Prof. Wolf-Dieter Narr, Politikwissenschaftler; Hinrich Oetjen, Gewerkschafter; Prof. Joachim Perels, Politikwissenschaftler; Prof. Helmut Ridder, Rechtswissenschaftler; Luise Rinser, Schriftstellerin; Prof. Dorothee Sölle, Theologin, Schriftstellerin; Dr. Martin Stöhr, Dozent; Hanne und Klaus Vack; Werner Vitt, Gewerkschafter.

Aktuelle Ausgabe März 2026

In der März-Ausgabe spannt sich der Bogen von der Antike bis zur Gegenwartskrise: Markus Linden zeigt, wie die Neue Rechte Platon und Cicero für ihre antiliberale Propaganda vereinnahmt. Maike Albath beleuchtet, wie Giorgia Meloni der italienischen Rechten ein vermeintlich harmloses, mütterliches Image verleiht. Antje Schrupp bilanziert die Politik der Gleichstellung und fragt, wie weibliche Freiheit in einem postpatriarchalen Zeitalter neu gedacht werden kann. Zum Holocaust-Gedenktag fordert die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einem eindringlichen Appell entschlossenes Handeln gegen den wieder aufblühenden Antisemitismus. Eva Illouz diskutiert mit Dieter Thomä, wie im Schatten des Gazakrieges die Voraussetzungen für eine friedliche Zukunft in Nahost geschaffen werden könnten. Wolfgang Zellner analysiert, wie Europa angesichts des drohenden Zerfalls der Nato seine Souveränität bewahren kann. Robert Misik plädiert für einen radikalen Linksliberalismus als Antwort auf den rechten Autoritarismus. Und während Jochen Ahlswede 15 Jahre nach Fukushima vor einer Entmachtung der Atomsicherheitsbehörden warnt, fragt Frank Adloff, wie sich eine ökologische Zukunft trotz multipler Krisen offenhalten lässt.

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