Ausgabe Juni 1990

Was sich gemeinsam verändern wird, ist das eigentlich Spannende

I

Was wird von der DDR bleiben? Ich fürchte, nicht viel mehr als die Erfahrung des Widerstandes und der Auflehnung gegen ein unmenschliches, stalinistisches System, Erfahrungen von Solidarität - und eine in diesem System ja, bei aller Perversion, immer vorhandene, in den Leuten geweckte und letztlich doch nicht totzukriegende Hoffnung. Die Hoffnung auf einen Gesellschaftszustand, der den Namen Sozialismus in einem anderen Sinne verdient als jener real genannte, aber nicht sozialistische Sozialismus. Die Geburtsstunde dieses Systems, keine unschuldige, sondern eine von Anfang an mit der stalinistischen Diktatur belastete, hatte aber eine erklärt andere Perspektive. Und diese Perspektive hat ebenso wie die klare Realität der Unterdrückung - aber nicht einfach als bloße Ideologie - die gesamte Geschichte der DDR begleitet. In dieser Perspektive steckt etwas, was weit über den gegenwärtigen Zusammenbruch hinausreicht. Ich denke, das wird bleiben. Nicht als leere Hoffnung, sondern als eine Erwartung, die sich auch mit den Emanzipationsbewegungen in westlichen Ländern ganz eng verbindet.

Juni 1990

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